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Dank an eine Mutter - heute wäre sie 112 Jahre

19. September 2016 (HL-Red-RB) Heute beginne ich den neuen Redaktionstag mit einem weiteren Geburtstagsgruß an eine Mutter, die mit ihren Kindern 1945 ihre Heimat Ostpreußen verlassen musste. Geboren, das vorweg, 1904. Lange her also, wäre heute 112 Jahre alt, wenn sie noch leben würde. Aber in diesen Tagen, in denen der Begriff „Flüchtling“ eine sicherlich völlig andere Bedeutung haben könnte, soll an dieser Stelle einmal dargestellt werden und dabei völlig unabhängig von auch in Filmen dargestellter Schicksale, die individuell Grausamkeiten nur andeuten können. Die auch mit Geschehnissen der heutigen Zeit, die eher an das Mittelalter erinnern, nicht verglichen werden sollen.

Nein, dies soll eine Hommage an eine Frau, eine Mutter sein, die gezwungermaßen aufbrechen musste im Januar 1945, einem Winter, wie dieser dort mit Frost und Eis wie immer verbunden war. Der Ehemann als Soldat irgendwo im Einsatz, zuvor noch in Kontakt, dann im „Irgendwo“ für beide, unterwegs mit drei kleinen Kindern im Alter von 1, 10, 12 und 17 Jahren mit einem kurzfristig organisierten Pferdetreck aus dem Insterburgischen Ostpreußens, um vielleicht noch dem Kessel der Roten Armee zu entkommen.

Nicht als Flüchtling, sondern als Vertriebene. Letzterer Begriff mit der Bedeutung, keineswegs die Heimat verlassen zu haben, weil "Flucht" angesagt war, sondern weil dort - Gefechte stattfanden zwischen deutschen und russischen Einheiten. Ein Kriegsgebiet also, das die Zivilbevölkerung auch auf militärischen Befehl verlassen musste. Nicht vergleichbar mit der Situation wie in den Jahren zuvor schon, in denen Teile der Zivilbevölkerung zum eigenen Schutz in andere, weniger durch Bombenangriffe der Alliierten gefährdete Ländereien – ohne umzuziehen - geschickt wurden.

Keine Wertung, kein Vergleich. Grausamkeiten mögen „übertroffen“ werden zu können. Aber darum geht es hier auch nicht. Also auf mit dem Treck Richtung Haff auf Feldwegen, die Rote Armee schon auf den Landstraßen vorbei eilend, andere „Aufgaben“ aufgetragen. Am Haff die Erkenntnis, die vereisten Flächen, vom Bombenangriff der Engländer tags zuvor wenig passierbar, rechts und links längst eingebrochene Wagen und tote Pferde als Warnung, dennoch die einzige Chance, den Russen noch zu entkommen. Ein Landzipfel im übrigen, den die Verfolger entweder absichtlich offen gelassen hatten – oder nur übersehen.

Am anderen Ufer in der Schilfzone ähnliche Bedingungen für das Erreichen des Landes. Wer Gummi bereifte Räder an seinen zumeist Heuanhängern hatte – von Vorteil. Vor allem in einsetzender Panik schnitten Eisen bereifte Räder das Eis noch mehr auf, so dass „Überholer“ die vom noch anwesenden Militär rasch errichtetem Knüppelweg abwichen, um seitlich die Dünen zu erreichen, brachen ein. Wer die Hölle noch nicht kannte, wird hier die Pforte dazu kennen gelernt haben und wohl auch kaum überlebt.

Immerhin die Disziplin, statt in der Regel zwei vorgespannter Pferde auf sechs zu erweitern, um den Dünenhang überwinden zu können. Abwerfen von mitgenommenem „Haushalt“ einschließlich Vorräten war längst erfolgt. Es ging fast nur noch um das „nackte Überleben“.
Weiter gen Westen – weiter, weiter. Dann doch der Russe da. Und hier letztlich das Entsetzen der Mutter, die ich hier vorstelle, über ein Baby auf dem Arm, das sie zuvor mit im Mund aufgetauten Rübenstücken gefüttert und am Leben gehalten hatte, Mitleid russischer Soldaten. Den Ehering in einem abgebissenen Apfelgehäuse, das Stammbuch irgendwo versteckt, dennoch nicht verhindern könnend, dass ihre 17jährige Tochter und ein anderes Mädchen von einer russischen Panzerbesatzung „abgeholt“ wurden und fast zwei Tage nur ein paar Hundert Meter über Nacht brauchten, um zum Treck zurück zu kehren. Die kleinen Küchenmesser, die beide mitgenommen hatten, waren weniger erfolgreich zum Einsatz gekommen. Später an der vollbesetzen Gustloff vorbei ging es weiter nach Bresewitz, Fischland Darß Zingst, wo in diesem Fischerdorf Quartier befohlen war. ein erster Erfolg versprechern Halt, von dem aus erfahren wurde, dass sich der Ehemann nach englischer Kriegsgefangenschaft zuvor im rheinischen Bonn befand. Ein Ziel also, das Richtung Friedland führte und an einer „Riesenschlange“ wartender Flüchlinge und Vertriebener zunächst an einem von russischen Soldaten bedienten Schlagbaum endete und mehr oder weniger willkührliche Wartezeit erforderte. Ein wenig Glück in wenig gut Situation: Das einjährige Kind, das unterwegs schon in einem Krankenhaus zum Sterben bleiben sollte, weil es „so weit war“ und dann doch mitgenommen wurde, fand auch Mitleid einer englischer Sanitätssoldatin, die Mutter und Kinder in ein Fahrzeug nahm und die „Grenze“ mit ihnen passierte. Da ging es dann irgendwie weiter, um letztlich Bonn zu erreichen. Was da dann noch von einheimischer Seite, etwa der Stadtverwaltung, zugemutet wurde, ein anderes Thema. Aber harmlos, denkt man an an die die Flucht insgesamt zurück. Bleibt aber zu „erwähnen“, dass die 17jährige Tochter auf der Flucht erkrankte und starb. Immerhin fand sie ein Grab, das damals anderen versagt blieb. Viele blieben einfach in Eis und Schnee liegen, die Verfolger im Nacken.

Warum mir das bekannt wurde? Nun – erinnern kann ich mich nicht selbst, ich war der Einjährige. Und das war meine Mutter. Heute wäre sie 112 Jahre alt geworden.

Warum ausgerechnet heute dieser Glückwunsch hier? Ich denke, es war endlich an der Zeit. Nicht nur klar zu stellen den Unterschied zwischen "Flüchtlingen und Vertriebenen". Sondern dass Zivilisten Grausamkeiten in erster Linie ausgesetzt sind. Damals - wie auch heute. Nachdenkenswert auch der "Unterschied" zwischen Soldaten und Widerstandskämpfern/Terroristen. Letztere sind völkerrechtlich nicht kompatant. Bedeutet - stehen nicht unter dem Schutz dieses Rechtes und müssen mit xxx rechnen. Auch standrechtlich. Das allerdings ist ein anderes Thema.

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