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Vortrag zu "Zeit im Kontex von Lernen und Bildung"

20. April 2009 (HL-red.)Die GEMEINNÜTZIGE weist besonders auf diesen Vortrag hin: Am 29. April 2009, 19.30 Uhr, findet im Großen Saal der GEMEINNÜTZIGEN, Königstraße 5, 23552 Lübeck, im Rahmen der mittwochsBILDUNG ein Vortrag und Gespräch mit Dr. phil. habil. Fritz Reheis, Politologe am Institut für Didaktik der Sozialkunde, Bamberg, zum Thema „Was wachsen soll, muss reifen können – Über die Bedeutung von Zeit im Kontext von Lernen und Bildung“ statt.

Gesamtgesellschaftlich gesehen brauchen wir ein gänzlich neues Verhältnis zur Zeit. Insbesondere wenn es um die Bildung der uns anvertrauten Kinder geht, muss jeder, der mit Kindern zu tun hat, über seinen Umgang mit Zeit nachdenken. Dazu kommt uns Fritz Reheis gerade recht. Er ist ein ausgewiesener Kenner des Themas „Zeit“, „Entschleunigung“ und „Langsamkeit“. Umso mehr freuen wir uns, dass es der GEMEINNÜTZIGEN gelungen ist gemeinsam mit dem Fachbereich Kultur der Hansestadt Lübeck und dort insbesondere mit der Projektkoordination „Aufwachsen in Lübeck“ den Wissenschaftler nach Lübeck einzuladen.



In seinem Vortrag fragt Reheis: Wie viel Zeit braucht Bildung, um eine nachhaltige Entwicklung zu bewirken? „Die Verkürzung des Wegs zum Abitur um ein Jahr hat die zerstörerische Kraft der Turboschule weiter erhöht“, schreibt Fritz Reheis. „Die Turboschule versucht, mit hohem Druck Bildung in die Köpfe, Herzen und Hände der Kinder und Jugendlichen zu pressen, ohne Rücksicht auf Verluste. Und die sind beträchtlich: Das meiste wird sofort wieder vergessen, sobald es abgeprüft ist. Den Kindern wird kaum Zeit zum Üben, Verbinden und kritischen Nachfragen gelassen. Und vor allem müssen sie ständig die Fragen anderer beantworten, ihre eigenen Fragen interessieren fast nie. Hin und her gerissen zwischen Stress und Langeweile treibt diese Schule mit ihrer Fastfood- und Wegwerfkultur den Kindern ihre natürliche Neugierde aus. Die Turboschule bringt keine mündigen Bürger hervor, sondern willige Konsumenten und Arbeitnehmer. Bildung und Menschenwürde bleiben auf der Strecke“, findet Reheis.



Allerdings sind Turboabitur und Turboschule nur Symptome unserer Turbogesellschaft. Der Zeitdruck bei der Ernährung des Geistes entspricht dem Zeitdruck bei der Ernährung des Körpers. „Das Fastfood- und Wegwerfprinzip erweist sich darüber hinaus als integraler Bestandteil des gesamten Turbokapitalismus. Er ist auf die beschleunigte Steigerung von Produktion und Konsum hin programmiert. Das heißt im Klartext: Produziert wird für das Wegwerfen. Der Weg des Produkts auf den Müllplatz soll dabei möglichst kurz sein. Die Naturstoffe und die Menschen, die dieser Steigerungslogik folgen, werden in ihr zu Mitteln der Geldvermehrung bzw. Geldverwertung. Diese Steigerungslogik ist erstens alles andere als nachhaltig, sie verfährt nach dem Motto „Nach uns die Sintflut“. Sie stellt zweitens den christlichen Schöpfungsauftrag und das Menschenbild der Aufklärung auf den Kopf. Und indem sie neben der äußeren auch die innere Natur des Menschen, nämlich seine einzigartige Fähigkeit zur Reflexion, die ihn aus allen anderen Lebensformen heraushebt, dem Verwertungszwang unterwirft – der Bildung von „Humankapital“ – macht sie ihn als Gattung lebensuntüchtig“, so Reheis.

„Aber es gibt Alternativen“, führt Fritz Reheis aus. „Sobald man die Bedeutung der Eigenzeiten des Menschen (Kopf, Herz und Hand) und die seiner Umwelt (Gesellschaft/Kultur und Natur) ernst nimmt, wird der Ausweg als Befreiung vom Hamsterrad sichtbar. Die Pioniere sind längst aufgebrochen, wir sollten uns ihnen anschließen“.

Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler versucht mit einer Mischung aus Vortrag und interaktiver Lesung mit den Zuhörern ins Gespräch kommen.



Fritz Reheis, 1949 geboren, ist Fachvertreter für die Didaktik der Sozialkunde und Dozent für Bildungssoziologie am Lehrstuhl Politikwissenschaft I der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bamberg.

Der promovierte Soziologe und habilitierte Erziehungswissenschaftler war viele Jahre – seit 1983 unterrichtete er in Neustadt bei Coburg – als Gymnasiallehrer für Sozialkunde, Deutsch, Geschichte und Philosophie tätig.

Buchveröffentlichungen:

- „Bildung contra Turboschule! Ein Plädoyer“ (Freiburg i. Br. 2007)

- „Nachhaltigkeit, Bildung und Zeit: Zur Bedeutung der Zeit im Kontext der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in der Schule" (Baltmannsweiler 2005)

- „Entschleunigung: Abschied vom Turbokapitalismus" (München 2003)

- „Die Kreativität der Langsamkeit: Neuer Wohlstand durch Entschleunigung"

(Darmstadt 1996, 2. Auflage 1998, 3. Auflage 2008 – demnächst als Hörbuch)

- „Konkurrenz und Gleichgewicht als Fundamente von Gesellschaft: Interdisziplinäre Untersuchung zu einem sozialwissenschaftlichen Paradigma" (Berlin 1986).

Fritz Reheis ist u.a. Gründungsmitglied der „Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik“.

Wie immer steht der Referent im Anschluss an seinen Vortrag zu einer Diskussion bereit.


Vorschau:
Mittwoch, 27. Mai 2009
“Wie muss sich die Lehrerausbildung verändern, um die Schüler zeitgemäß auf das Abitur vorzubereiten?”
Vortrag und Gespräch mit Prof. Mag. Dr. Marlies Krainz-Dürr, Rektorin der pädagogischen Hochschule in Kärnten, Klagenfurt.








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