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L.Gallinat zum Vortrag"Welche Funktion hat Antisemitismus heute"

24. Juni 2010 (HL-Red-RB) Es war eine informative und anspruchsvolle Veranstaltung. Am letzten Freitag referierte der Historiker Gösta Beutin, Kiel, im Lübecker DGB-Haus auf Einladung der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" -"VVN-Bund der Antifaschisten e.V." -"Kreisvereinigung Lübeck/Hz. Lauenburg" über das Thema "Antijudaismus, Antisemitismus- Entwicklung und Grundzüge einer unheilvollen Tradition in der deutschen Geschichte"- "Welche Funktion hat der Antisemitismus heute".

Der Antisemitismus ist ein seit etwa 1880 verbreiteter politisch-ideologischer Begriff, der sowohl die Abneigung oder Feindseligkeit gegen Juden als auch nationalistische Bewegungen mit ausgeprägten judenfeindlichen Tendenzen bezeichnet; heute vor allem als Sammelbegriff zur Kennzeichnung unterschiedlich motivierter individueller und kollektiver antijüdischer Einstellungen und Handlungen verwendet. Von dem Publizisten Wilhel Marr (geb.1819, gest. 1904) 1879 ursprünglich im Rahmen einer Ideologie vder Zurückdrängung eines vorgeblichen jüdischen Einflusses im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben geprägt und gebraucht, knüpft die Bezeichnung Antisemitismus sprach- und sachlogisch an den Begriff Semitismus an, der, aus der theologisch-historischen Literatur kommend, im 19.Jahrhundert Eingang vor allem in Sprachwissenschaft und Völkerkunde fand und sich im weiteren Sprachgebrauch verselbständigte. Er wurde vielfach mit einem negativen Akzent versehen und als abwertende Bezeichnung für Geist und Lebensart des Judentums gebraucht, die es im Zeichen eines "Antisemitismus" zu bekämpfen gelte.
In Deutschland ersetzte pangermanisches Sendungsbewusstsein, fußend auch in der "Deutschtümelei" des frühen 19.Jahrhunderts, u.a. "Christlich-deutsche Tischgesellschaft", um 1810, den Antagonismus Christentum-Judentum durch den Antagonismus Germanentum-Judentum.
Das Scheitern der Bewegung von 1848 stärkte in Deutschland eine nationalistische Ideologie, die sich in Kultur und Ethik von "dem rassisch anders gearteten" Juden distanzieren zu müssen glaubte. In diese Richtung wies bereits R.Wagners Schrift "Das Judentum in der Musik" (1850). Die theoretischen Erörterungen, die sich besonders um die Rassenlehren von JU.A.Comte de Gobineau ("Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen") und H.S.Chamberlain (u.a. "Die Grundlagen des 19.Jahrhunderts", 1899) entspannen, hatten großen Einfluss auf eine Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland.
Ab 1879/80 entwickelten sich in Deutschland antisemitische Parteien und Sammlungsbewegungen. 1879 hatte W.Marr die "Antisemitenliga" gegründet und ihr ein publizistisches Organ geschaffen. Doch erst die judenfeindlichen Reden des preußischen Hofpredigers A.Stoecker, der 1880 die "Berliner Bewegung" gründete, verhalfen dem Antisemitismus in der Öffentlichkeit zum Durchbruch. Der Historiker H. von Treitschke machte den Antisemitismus gesellschaftsfähig und löste an der Berliner Universität den "Antisemitismus-Streit" mit seinem Fachkollegen T.Mommsen aus. Gegner des Antisemitismus sammelten sich im "Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (1891-1933).
Im Zusammenhang mit der stark sozialdarwinistischen Strömung in Westeuropa gewann der rassistisch motivierte Antisemitismus auch in Frankreich an Einfluss und gelangte mit der Dreyfusaffäre auf einen Höhe- und Wendepunkt.
Nach der Antisemitismustheorie von Adorno und Horkheimer, die der Referent für am überzeugendsten hielt, würden die Juden mit den Begriffen Geld, Spekulation und Finanzwesen identifiziert. Die rationalisierte Judenfeindschaft koppele sich an den Kapitalismus.
Es gebe auch heute noch einen latenten Antisemitismus und derartige Strukturen in der deutschen Bevölkerung, wie der Historiker schließlich anmerkte. Diese Strukturen heutiger Herrschaft müssten bekämpft werden.
Das anschauliche und lebendige Referat löste eine rege Diskussion aus. Gösta Beutin wurde schließlich mit sehr viel Beifall bedacht.

Lutz Gallinat

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