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"Lübecker Literarisches Colloquium" im Brandt-Haus fortgesetzt

25. Mai 2010 (HL-Red-RB) Lutz Gallinat hat auch die Veranstaltung zum Thema "Geschichte und Geschichten" - nun im Willy-Brandt-Haus - besucht und berichtet: "Es war eine anspruchsvolle Fortsetzung des "Lübecker Literarischen Colloquiums", das in diesem Jahr mit dem Thema "Geschichte und Geschichten" einen Bogen vom Deutschen Reich und dem Zeitalter des Kolonialismus bis zur Wendezeit und der heutigen Berliner Republik schlägt. Unter der Leitung von Dr.Dieter Stolz wurden dabei am letzten Donnerstag im Rahmen eines Seminars im Lübecker Willy-Brandt-Haus Texte über "Deutsches Reich und Kolonialismus" diskutiert.
Zu Uwe Timms meist komplex konstruierten Werken gehören unmittelbar zeitkritisch-aufklärerische Romane wie "Morenga" (1978) , erschienen im Verlag AutorenEdition im Athenäum Verlag, der an den verdrängten Kolonialkrieg des Kaiserreichs in Südwestafrika erinnert. Mit seinem dichten literarischen Gewebe aus nüchternen Fakten und phantasievoller Erzählweise gehört dieses Opus zu einem der wesentlichen historischen Romane des ausgehenden 20.Jahrhunderts.
Es folgte Christof Hamanns 2007 im Steidl Verlag, Göttingen, erschienener Roman "Usambara".
Damals, mit Leonard Hagebuchers waghalsigen Afrika-Expeditionen, fing alles an. Sein Urenkel Fritz Binder, Postbote aus dem Bergischen Land, folgt ihm, von den Erzählungen seiner Mutter auf die Spur gesetzt, mit Begeisterung nach. Zunächst nur in Gedanken, mit Hilfe von faszinierenden Wortketten und geschönten Erinnerungen; doch stellt auch Fritz sich, angetrieben von seinem besten Freund, einer ganz realen Herausforderung: Der sagenumwobene Kibo ruft.
Christof Hamann verknüpft in seinem dritten Roman über die Erstbesteigung des Kilimandscharo im damaligen Deutsch-Ostafrika historische Fakten mit der Fiktion des Usambaraveilchen-Entdeckers Leonard Hagebucher und seines Urenkels und schreibt so den ersten Afrikafamilienroman.Die Geschichten, die man sich als Geschichte erzählt, sind zum guten Teil immer Fiktion. Diese Fiktion löst sich auf gegen Ende, auch die Sprache gerät ins Delirium. Das ist leider zuletzt doch ermüdend.
Den Abschluss bildete Thomas von Steinaeckers 2009 in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienener Roman "Schutzgebiet".
1913. In der abgeschiedenen Festung Benesi in der deutsch-afrikanischen Kolonie Tola hat das Schicksal eine bunte Schar glücksuchender Auswanderer zusammengewürfelt. Inmitten dieses Ensembles steht Henry, ein Schiffbrüchiger. Ein Sohn reicher Eltern ist er, doch öffnet ihm das hier, so fern der Heimat, keine Türen. Er muss seinem Schicksal auf die Sprünge helfen, und nimmt die Identität seines Chefs an, der bei dem Schiffsunglück ums Leben kommt. Unter fremdem Namen plant er als Architekt die Stadt, die in der Steppe entstehen soll, ein wahrlich chaotisches Unterfangen.
Ziemlich fasziniert ist man von der Idee und der Umsetzung dieses Romans, in dem sich Thomas von Steinaecker die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika vorknöpft. Besonders gefällt der paradoxe Effekt, dass im Kontext der erzählten Geschichte historisch Verbürgtes oft unglaubwürdiger daherkommt als die offenkundigen, oft zugespitzten Fiktionalisierungen. Das Ergebnis dieser wechselseitigen Überblendung von Fakten und Klischees ist eine literarische Fotocollage, schrill und schillernd. Es handelt sich hierbei um ein Konstruktionsprinzip, das einen existentiellen Kern beinhaltet, nämlich, dass die Welt sich immer aus dem durch bestimmte Vorstellungen und Bilder vorgeprägten Bewusstsein ihrer Betrachter zusammensetzt.
Dr. Dieter Stolz wurde schließlich von den zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für seine engagierte und kenntnisreiche Leitung mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

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