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L. Gallinat berichtet zu Uwe Timm im "Lübecker Lit. Colloquium"

24. Mai 2010 (HL-Red-RB) Es war ein fulminanter Auftakt des "Lübecker Literarischen Colloquiums", das in diesem Jahr mit dem Thema "Geschichte und Geschichten" einen Bogen vom Deutschen Reich und dem Zeitalter des Kolonialismus bis zur Wendezeit und der heutigen Berliner Republik schlägt. Uwe Timm las dabei am letzten Mittwoch nach einführenden Worten von Dr.Dieter Stolz im gut gefüllten Hörsaal AM 1- Audimax der Universität zu Lübeck aus seinem Werk.
Uwe Timm wurde am 30.3.1940 in Hamburg geboren. Nach einer Kürschnerlehre leitete Timm zunächst das elterliche Geschäft, holte dann das Abitur nach und studierte in München und Paris Germanistik und Philosophie (Dr.phil. 1971) und anschließend noch Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Timm lebt als freier Schriftsteller.
Sein Engagement in der Studentenbewegung- er war Mitglied des SDS- spiegelt sich in seinem ersten Roman "Heißer Sommer", der Entwicklungsgeschichte des Germanistikstudenten Ulrich Krause zur Zeit der Studentenrevolte, wider. Dieses Prosawerk erschien 1974 nach seiner Promotion über das Absurde bei Albert Camus. Erzählerisch auf hohem Niveau schildert er darin die Erfahrungen Krauses, für den der Tod Benno Ohnesorgs wie für viele seiner Generation zum Schlüsselerlebnis wird. Im Zentrum des Romans steht das Verhältnis von Individuum und Kollektiv- Joints, Freie Liebe und Hölderlin contra Grundsatzdiskussion, WG-Erfahrungen und dogmatische "Seminarmarxisten". Timms Versuch, den traditionellen Entwicklungsroman mit neuen Inhalten zu beleben, war erfolgreich.
Zu seinen weiteren, meist komplex konstruierten Werken gehören unmittelbar zeitkritisch-aufklärerische Romane wie "Morenga" (1978) , der an den verdrängten Kolonialkrieg des Kaiserreichs in Südwestafrika erinnert. Mit seinem dichten literarischen Gewebe aus nüchternen Fakten und phantasievoller Erzählweise gehört dieses Opus zu einem der wesentlichen historischen Romane des ausgehenden 20.Jahrhunderts.
Der Protagonist in Timms Buch "Am Beispiel meines Bruders" (2003) erzählt von der Verführbarkeit durch Macht. Das Schicksal des SS-Mannes Karl Heinz Timm steht exemplarisch für den fatalen Sog kollektiver Gewalt.
Uwe Timms Erzähler in seinem Roman "Halbschatten" (2008) wandert über den Berliner Invalidenfriedhof, wo Marga von Etzdorfs Grab liegt, aber auch das von Scharnhorst und von Heydrich. Er hört die Stimme der Toten, forscht nach Margas, nach unserer Geschichte.
Vielstimmig und vielschichtig, gedanken- und anspielungsreich, klug und bewegend, begibt sich dieser Roman auf ein Terrain, wo sich die Gewalt der Geschichte, der Zufall und das individuelle Schicksal begegnen, einander bestätigen, aber auch widersprechen- für den, der zu hören vermag.
Von "Morenga" bis "Rot"- Timms literarisches Gesamtwerk veranschaulicht an schillernden Romanfiguren hundert Jahre deutsche Geschichte.
Der Autor wurde schließlich mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

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