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Dr. phil. Peter Guttkuhn: Revolution – aber nicht in Lübeck

16. Mai 2010 (HL-Red-RB) Bereits "traditionell" und vom Herausgeber Lübeck-TeaTime aus vorheriger Zuarbeit mitgebracht die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge": Thema ist erneut die Geschichte der "Juden in Lübeck" und dabei mit folgendem Titel:
"Revolution – aber nicht in Lübeck
Von Dr. Peter Guttkuhn
In Lübeck gingen die Uhren im Revolutionsjahr 1848 anders als in anderen deutschen Bundesstaaten: Die pragmatische Regierung mäßigte und verlangsamte ihre revolutionären Pläne, um den reaktionären Bestrebungen der bevorrechteten berufsständischen Korporationen Paroli bieten zu können. Sie agierte dabei mit Erfolg, wie nicht nur die Abstimmung über die Wahlrechtsfrage in der Bürgerschaft am 9. Oktober 1848 bewies, sondern auch die sich daran anschließende, nur fünf Stunden andauernde Lübecker „Oktober-Revolution“ belegte.

Dem Senat ging es bei der einvernehmlich durchgesetzten Innovation des veralteten und ineffektiven ständischen Repräsentativsystems in ein modernes Verfassungswerk mit allgemeiner und gleicher Wahlbefähigung nicht um die Juden. Sie wurden expressis verbis weder in der ihre Emanzipation sicherstellenden Verordnung vom 30. Dezember 1848 noch in der „Revidierten Verfassungs-Urkunde für die freie und Hansestadt Lübeck" vom selben Tag erwähnt.

Die Judenfrage wurde in Lübeck über die Wahlrechtsfrage gelöst, und zwar ohne Mitwirkung und/oder Nennung der Juden. Das Wahlrecht war an das Bürgerrecht gekoppelt, das alle 101 selbstständig tätigen männlichen lübeckischen Juden seit dem 30. 12. 1848 besaßen. Der endgültige und dauerhafte Erfolg der jüdischen Emanzipation in Lübeck wurde nicht durch die alibifunktionalen, nur widerwillig von Senat und Bürgerschaft getragenen und immer wieder ignorierten Bemühungen der Judenkommissionen erreicht, sondern auf Grund der parallel dazu verlaufenden, intensiv und effektiv sich gestaltenden, kooperativen Reformanstrengungen beider Verfassungsorgane in Hinsicht auf eine Verfassungsrevision und Modernisierung des Staates.

Die Emanzipation der Juden bildete freilich einen integralen Bestandteil dieser staatlichen Modernisierung. A l l e selbstständig tätigen Bewohner des Stadtstaates waren von demselben gesetzlich v e r p f l i c h t e t worden, das Bürgerrecht zu erwerben, was bedeutete, daß ausnahmslos allen davon Betroffenen vollständige und gleichartige Rechte zugesprochen wurden, ohne Rücksicht auf deren religiöses Bekenntnis. Damit endete eine mehr als 42-jährige Periode jüdischer Schattenexistenz in einem fast rechtsfreien Raum.

Diese progressive Entscheidung des ‚tollen Jahres' 1848 nahm die freie Hansestadt Lübeck nicht mehr zurück, sondern bestätigte am 16. Juni 1852 per Gesetz noch einmal ausdrücklich sowohl die politisch-rechtliche als auch ökonomisch-soziale Emanzipation ihrer Judenschaft - einen verfassungsrechtlich bereits existierenden Zustand. Die Rolle der Minderheit wurde fortan nicht mehr von der Mehrheitsgesellschaft diktiert. Es begann für die jüdische Gemeinschaft – die Lübecker Staatsbürger jüdischen Glaubens – eine Phase des ökonomischen und sozialen Aufstiegs und einer kulturellen Blüte.

Dr. Peter Guttkuhn

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. *)


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

Erinnern Sie sich? Kürzlich hatte Lübeck-TeaTime diesen Hinweis gegeben:
"Etwas noch "Geheimnisvolles": Dr. Guttkuhn wird bald ein neues Buch herausgeben! Auch Lübeck-TeaTime ist gespannt! Mehr verraten dazu hat er "leider" noch nicht..."

Nun, zwischenzeitlich "hat er doch" in einem netten Gespräch geplaudert und auch den Termin verraten. Fast kein Geheimnis jedoch mehr; denn am kommenden Donnerstag wird die Neuerscheinung vorgestellt!


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