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L.Gallinat zum Vortrag "Die Lübecker Weltchronik von 1475"

09. Mai 2010 (HL-Red-RB) Es war ein informativer und anspruchsvoller Vortrag. Am letzten Donnerstag sprach Dr.Andrea Worm, Universität Augsburg, im Scharbausaal der Stadtbibliothek Lübeck über "Die Lübecker Weltchronik von 1475"- Das "Rudimentum Novitiorum" als frühes Zeugnis des Buchdrucks in Norddeutschland".
Die Weltchronik ist eine Gattung der mittelalterlichen Geschichtsschreibung bzw. Geschichtsdeutung. Im Anschluss an P.Orosius, auf Hieronymus fußend, Gliederung der Weltgeschichte in eine Abfolge von vier "Epochen", bis 417, und Augustinus, Gliederung in sechs Weltalter, "Aetates", von denen das letzte mit der Geburt Christi beginnt und mit der Herrschaft des Antichrist endet, fassen Weltchroniken das gesamte Weltgeschehen zusammen. Sie berücksichtigen dabei die Profangeschichte und die christliche Heilsgeschichte, die im Mittelalter weithin verschmelzen, handeln von der Schöpfung bis zum Jüngsten Tag und bieten kompendienartig das historische Wissen ihrer Zeit: Die frühmittelalterliche Weltchronik des Isidor von Sevilla (bis 625), des Beda Venerabilis, aus der karolingischen Zeit die Weltchronik des Frechulf bis zu Gregor I., d.Gr. und des Regino von Prüm (bis 906, wobei der Zerfall des Fränkischen Reiches zugleich das vorläufige Ende der Weltchronistik markiert.
Erst in der Mitte des 11.Jahrhunderts nimmt diese Form der Geschichtsschreibung einen neuen Aufschwung, vor allem in der Weltchronik des Frutolf vom Michelsberg. Im 12.Jahrhundert erreichte die Gattung einen Höhepunkt durch die Weltchronik Ottos von Freising, die von tiefem Pessimismus erfüllt ist und durch ihren philosophischen Ansatz und Gedankenreichtum herausragt. Spätere Weltchroniken vermochten dieses Werk nur noch an Stofffülle zu übertreffen, so die Enzyklopädie des Vinzenz von Beauvais und die volkstümlichen "Martinschroniken" im Gefolge der weit verbreiteten Chronik des Martin von Troppau. Eine spätere Weltchronik stammt von H.Schedel, die 1493 lateinisch und in deutscher Übersetzung in Nürnberg erschien.
Auch in der Volkssprache wurden ab dem 13.Jahrhundert Weltchroniken verfasst. Die meist sehr umfangreichen Werke, die Geschichten, Sagen, Legenden, Anekdoten u.a. enthalten, waren im Mittelalter als Unterhaltungsstoff weit verbreitet. Bedeutsam unter den deutschen, auf lateinischen beruhenden Weltchroniken sind die Sächsische Weltchronik in niederdeutscher Prosa (um 1225), die Weltchronik des Rudolf von Ems (1250/54) sowie die um 1280 entstandene Weltchronik des J.Jansen Enikel.
Lucas Brandis, der Drucker, wurde vor 1450 in Delitzsch (Sachsen)geboren und starb nach 1500. Er ging schließlich nach Lübeck, das damals noch keinen Drucker hatte, das aber wegen seiner Größe und seiner Verbindungen in den Ostseeraum von allen Städten am ehesten die Voraussetzungen für eine dauerhafte Niederlassung von Druckereien bot. Lucas Brandis musste dort schon 1474 gedruckt haben, u.a. einen Psalter und eine Ausgabe der Werke des Flavius Josephus. Der erste signierte und datierte Druck wurde jedoch erst im August 1475 abgeschlossen. Es war zugleich Brandis bedeutendstes Werk: das "Rudimentum Novitiorum", eine neue, von einem unbekannten Autor verfasste Weltgeschichte seit der Schöpfung, die mit fast 100 Holzschnitten guter Qualität augestattet war. Neben der ersten gedruckten Weltkarte und der frühesten gedruckten Karte des Heiligen Landes enthält sie auch die älteste erhaltene Darstellung der Stadt Lübeck.
Der Titel "Rudimentum Novitiorum", was soviel wie "Leitfaden für Anfänger oder auch junge Geistliche" heißt, ist insofern etwas irreführend, als es sich um eines der umfangreichsten lateinischen Wissenskompendien des 15.Jahrhunderts handelt. Lucas Brandis blieb mindestens bis zum August 1478 in Lübeck tätig, wo zuletzt Marcus Brandis bei ihm gelernt zu haben scheint. Er löst dann seine Werkstatt auf, wie sich aus der Tatsache ergibt, dass er seine Druckwerke, die Makulatur und einen Teil seiner Lettern anderen Druckern überließ; die Druckstöcke für Holzschnitte und Initialen fielen anscheinend an Johann Snell, einen anderen Lübecker Drucker.
Dr.Andrea Worm studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Augsburg. Der Promotion folgten unter anderem Forschungsstipendien am Kunsthistorischen Max-Planck Institut in Florenz und an der Universität Cambridge sowie Lehrtätigkeiten an den Universitäten Basel, Köln, London und Augsburg, wo Andrea Worm derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt ist.
Sie wurde für ihren auch aufgrund der vielen Schaubilder anschaulichen und lebendigen Vortrag von den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

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