Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren. Klicken Sie hier für weitere Informationen.
Hier klicken, um diese Nachricht nicht mehr anzuzeigen.



Agentur für Arbeit Lübeck

Kultur Wissenschaft Ausbildung

Dr. P. Guttkuhn:" Wie alles begann -Jüd. Spezialisten aus Polen"

09. Mai 2010 (HL-Red-RB) In diesem Jahr begeht das Schleswig-Holstein Musikfestival den Länderschwerpunkt "Polen". Zum Thema "Polen" übermittelte der Historiker Dr. phil. Peter Guttkuhn im Rahmen der "Sonntagsbeiträge in Lübeck-TeaTime" die ersten Teile seiner Publikation "Jüdische Spezialisten aus Polen - Wie alles begann". Heute folgt Teil 5:
Im Würgegriff Lübecks
(1762-1806)
Die dritte Phase der Gemeindegeschichte begann 1762 - als Moisling lübeckisches Privateigentum (bei königlich-dänischer Territorialoberhoheit) wurde - und endete 1806, als die Reichsstadt auf Grund eines Staatsvertrages mit Dänemark auch zur unmittelbaren staatsrechtlichen Eigentümerin des Gutes und Dorfes und dessen Juden avancierte.

Der Lübecker Rat und die Bürgerschaft erwarben die Ortschaft nicht aus finanziellen oder wirtschaftlichen Erwägungen, sondern aus innen- und staatspolitischen Gründen, wobei ihre Judenpolitik eine wichtige Rolle spielte: Juden sollte die Niederlassung in der Stadt weiterhin untersagt bleiben und Moisling der alleinige Platz im lübeckischen Landgebiet sein, wo Juden unter ständiger Polizeikontrolle leben durften.

Die Lübecker Gutsherren, die das Stadtgut wie einen Herrenhof führten, betrieben im Dorf eine kontinuierliche Politik der sozialen und rechtlichen Demontage der Juden. Sie gestatteten ihnen nicht mehr, Grund- und Hauseigentum zu erwerben, kauften vielmehr deren Immobilien sukzessive auf und degradierten die verbliebenen sozial schwachen Gemeindemitglieder zu Wohnungsmietern mit erheblich verschlechterten Konditionen. Schutzbriefe stellten sie nicht mehr aus, was die wenigen wohlhabenden Juden zur Abwanderung zwang.

Das Moislinger Patrimonialgericht zog zunehmend innerjüdische Zivilrechtssachen an sich - die vor das Oberrabbinat nach Altona gehörten -, weil die Lübecker Gutsherren die autonome jüdische Zivilgerichtsbarkeit in Holstein nicht anerkannten. Dadurch verloren die Moislinger Juden nicht nur ihr zentrales Rechtssicherungs-System, sondern zunehmend auch an rechtssichernden Verbindungen zur jüdischen Gesamtgemeinschaft in Holstein.

Die Stadt war an der Beendigung ‚fremdartiger Gerichtsbarkeit' in Moisling interessiert, d. h. an der Abkoppelung der jüdischen Gemeinde vom dänischen altonaisch-holsteinischen Gemeindeverband, an Ausgrenzung, Isolation und Entrechtung der Moislinger Landjuden."

Dr. Peter Guttkuhn

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

Impressum