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Dr. P. Guttkuhn:" Wie alles begann -Jüd. Spezialisten aus Polen"

02. Mai 2010 (HL-Red-RB) In diesem Jahr begeht das Schleswig-Holstein Musikfestival den Länderschwerpunkt "Polen". Zum Thema "Polen" übermittelte der Historiker Dr. phil. Peter Guttkuhn im Rahmen seiner "Sonntagsbeiträge in Lübeck-TeaTime" die ersten Teile seiner Publikation "Jüdische Spezialisten aus Polen - Wie alles begann". Heute folgt Teil 4:
Im holsteinisch-dänischen Moisling konsolidiert sich die Gemeinde
(1702-1762)
Von Dr. Peter Guttkuhn
Die zweite Entwicklungsphase, 1702 bis 1762, prägten die neuen Gutsherrschaften: ein herzoglich-gottorfischer und zwei königlich-dänische Eigentümer. Die politischen Beziehungen zwischen Moisling und Lübeck gerieten in ruhigeres Fahrwasser. Die jüdische Ansiedlung konsolidierte sich. 1709 lebten zwölf jüdische Familien mit insgesamt ca. 60 Personen im Dorf.

Die Aschkenasim, die bereits einen Begräbnisplatz besaßen, gründeten eine Gemeinde mit Finanzhoheit, Armenfürsorge, den üblichen Vereinen und erhielten von der Gutsherrschaft, die ihre Schutzherrenfunktion nachdrücklich wahrnahm und sich erfolgreich um eine Zugangsregelung zur Stadt bemühte, 1720 ‚feste jüdische Gerechtigkeiten', d. h. eine vertraglich gesicherte Rechtsordnung. Es ist das früheste Zeugnis für die Existenz der jüdischen Gemeinde in Moisling und enthält Kriterien einer Gemeindeordnung.

Sie weihten 1727 ihre erste Synagoge. Ein Jahr später, 1728, war die jüdische Bevölkerung auf 41 Familien mit etwa 205 Personen angewachsen. Eine schriftliche Gemeindeordnung gaben sie sich nicht. Die gewählten Gemeindeältesten organisierten und leiteten nicht nur alle innergemeindlichen religiösen und profanen Angelegenheiten, sondern übten, wie andernorts auch, obrigkeitliche Funktionen der ‚jüdischen Nation' aus, indem sie z. B. die Zuwanderung von Glaubensgenossen kontrollierten.

Nach dem Ende des zweiten Nordischen Krieges (1721) begann für die dänischen Herzogtümer Holstein und Schleswig eine mehr als 50-jährige Periode der äußeren Ruhe und des ökonomischen Aufschwungs. Die Moislinger Landjuden wurden 1731 in die zentrale autonome altonaische jüdische Zivilgerichtsbarkeit eingebunden, dem vom dänischen König autorisierten Altonaer Oberrabbiner als geistlichem Oberhaupt aller aschkenasischen Juden in Holstein und Schleswig und dem dortigen Rabbinatsgericht sowohl in Zeremonial- als auch in Zivilrechtsangelegenheiten als Unterrabbinat Moisling unterstellt.

Diese Rechtskonstruktion sicherte und gewährleistete bis 1806 eine vorerst weniger, späterhin von der Gutsherrschaft stärker beeinträchtigte, immer aber eigenständige, staatlich anerkannte, traditionell gesetzestreue Gemeindeentwicklung und Gemeindeautonomie. Unter der unverändert harten Abwehrhaltung der Stadt Lübeck in der Einlaß-Frage litt die Moislinger Landgemeinde auch in der Zeit aufgeklärt-liberaler dänischer Gutsherrschaft."

Dr. Peter Guttkuhn


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.



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