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Lutz Gallinat zu" Viktoria Krason - Literatur im Gespräch"

24. April 2010 (HL-Red-RB) "Autoren haben nicht nur für Wissenschaftler geschrieben, sondern für Leser, die sich von einer gut erzählten Geschichte und schöner Sprache mitreißen lassen", schreibt Lutz Gallinat. Und weiter: "Ein besonderes Vergnügen entsteht, wenn man sich in geselliger Runde über seine Leseerlebnisse austauschen kann. Die Kunsthistorikerin Viktoria Krason nahm am letzten Mittwoch im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Literatur im Gespräch"die Erzählung "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" von Günter Grass als Gesprächsgrundlage für die Beziehung des Werkes zu Dürers "Melencolia".

Seit Mitte der sechziger Jahr, nach Erscheinen der "Hundejahre" (1963), engagierte sich Grass in den Wahlkämpfen der Sozialdemokratischen Partei um Willy Brandt, wie sich auch die wenigen literarischen Texte dieser Phase, die erst mit dem Beginn der Arbeit am "Butt" 1974 ihren Abschluss findet, der Gegenwart zuwenden und Grenzen und Möglichkeiten politischen Handelns reflektieren ("Davor", 1969; "örtlich betäubt", 1969). Das Eintreten eines Schriftstellers- vor allem, wenn er zur literarischen Prominenz zählte- für eine politische Partei wirkte in der Bundesrepublik vor den Umbruchjahren der Studentenbewegung noch irritierend.
Als verbindendes Medium zwischen der Zeitebene der Vergangenheit und der des Wahlkampfes von 1969 aber dient die Rechtfertigung des politischen Engagements des Schriftstellers vor den eigenen Kindern, den eigentlichen Adressaten des Textes. Ihnen versucht der Autor, dessen privates Leben neben seine öffentliche Rolle tritt, die NS-Vergangenheit aufzuschließen, ihr Fortwirken in die Gegenwart hinein begreiflich zu machen und zugleich seine politische Haltung, von ihm selbst als Revisionismus gekennzeichnet, zu erläutern: "Die Schnecke, das ist der Fortschritt", postuliert Grass, ihr schreibt er Geduld, Ausdauer, auch fortwährende Bewegung zu ("Eine Schnecke- immer unterwegs- verlässt feste Standpunkte"), zugleich aber Empfindlichkeit, tastende Orientierung, die Vermittlung von "Melancholie und Utopie"; ihr Gegenbild im "Tagebuch" ist das "Ross", auf dem Hegel einst Napoleon erlebte und "in der Einheit Ross und Reiter etwas sah, das er Weltgeist nannte". In Hegel sieht Grass den Urheber jener Ideologien, auf rechter wie linker Seite, die "alle Staatsgewalt als geschichtlich notwendig erklären".
Politisch hatte sich Grass mit dem "Tagebuch" innerhalb der intellektuellen Linken der Bundesrepublik relativ isoliert, und spätestens mit dem Rücktritt von Willy Brandt fehlte ihm auch die Identifikationsfigur für ein weiteres politisches Engagement. Im "Tagebuch" aber hatte Grass- durch die Aufhebung der Distanz zwischen Erzähler-Ich und Autor-Ich- eine Erzählhaltung erprobt, die bestimend für den Gestus der folgenden epischen Werke, vom "Butt" bis zur "Rättin", wurde.
Viktoria Krason leitete als Moderatorin die rege Diskussion kenntnisreich und engagiert. Sie wurde bei dieser Veranstaltung im Seminarraum des Günter-Grass-Hauses schließlich mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

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