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Dr. Guttkuhn: "Liebes, altes, jüd'sches Moisling"

14. Dezember 2008 (Lübeck). Auch heute setzen wir in Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des in Lübeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe "Sonntags-Beiträge" fort. Der Lübecker Privatgelehrte und Historiker berichtet in einer dreiteiligen Serie über sein "Liebes, altes, jüd'sches Moisling" fort.
1. Teil
"Wer weiß eigentlich noch, daß vor 150 Jahren die Mehrheit der Bevölkerung in Moisling aus orthodoxen, das heißt strenggläubig-gesetzestreuen Juden bestand? Allesamt waren sie arme Leute. Sie wohnten vielfach rund um den Dorfteich, wo auch bis 1873 ihre Synagoge stand. Sie sprachen untereinander jiddisch, das heißt, jenes "Judendeutsch", das sie im Mittelalter aus Deutschland nach Polen gebracht und nach ihrer Rückkehr von dort auch in Moisling seit dem 17. Jahrhundert als ihre Muttersprache pflegten.

Bis 1762 gehörte das Gut Moisling dänischen Eigentümern; dann kauften es lübeckische Bürger. Und 1806 konnte die Stadt Lübeck auch die politische, die Landes-Oberhoheit über Moisling gewinnen. Seither gehört Moisling zum Lübecker Landgebiet. Und seither waren auch die Moislinger Juden lübeckische Staatsbewohner.

Doch die Lübecker diskrimierten sie, ließen sie nicht in die Stadt, gewährten ihnen weder Einwohner- noch Bürgerrecht, erlaubten ihnen einen zünftigen Beruf weder zu erlernen noch auszuüben. So blieb zum Nahrungserwerb nur das Hausieren, das aber in Lübeck auch verboten war. Die Zeit im Moislinger Getto war für die Landjuden eine schlimme Zeit. Erst am 31. 12. 1848 erhielten sie ihre Bürgerbriefe.

Bis zum Jahr 1848 hatten die Moislinger Juden keine festen Familiennamen, und daher hatte jeder einen Beinamen, sie waren sonst auch schwer zu unterscheiden. Der rote Elje wohnte in Niendorf, hatte rote Haare, sein Bruder wurde der schmierige Löffel genannt. Der grüne Hirsch, als Geisterseher von den Kindern ängstlich gemieden, bewohnte ein fensterloses Zimmer auf der langen Reihe, nahm nur geistige Nahrung (Nutrimentum-Spiritus) sowie Zwiebeln und Knoblauch zu sich. Er fastete sämtliche zehn Bußtage den ganzen Tag, ging Jom-Kippur-Nacht (Versöhnungstag) überhaupt nicht nach Hause, weil er in der Synagoge Geister gesehen haben wollte.

Der blaue Wulff befaßte sich hauptsächlich mit Hasardspielen; seine blaue Gesichtsfarbe war durch eine ihm in Hamburg ins Gesicht geschossene Ladung Schrot entstanden. Der dicke Schlome, Stammvater der Familie Gumprich, war der Moislinger Saphir; er befaßte sich hauptsächlich mit dem Ankauf von altem Silber und Gold, welches er einschmolz und dann nach Hamburg verkaufte.

Die Fahrt von Lübeck nach Hamburg wurde mit der Diligence (dem Eilpostwagen, der Schnellkutsche) vorgenommen, sie mußte am "Moislinger Baum" vorüber und nahm dann oft einige Moislinger als blinde Passagiere mit. Die Reisezeit betrug mehr als sechseinhalb Stunden. Der taube Hirsch, später hieß er Nathan, bewies durch sein lautes Reden, daß er jedermann für taub hielt.

Moddelche wohnte später auf der Parade in Lübeck; ein sonderbarer Schwärmer, der für einen Philosophen gehalten wurde; er aß an Pessach (Frühlingsfest) nur die zu Kohle verbrannten Matzen (ungesäuerte Fladen). Seligche, Glaser, der frömmste Mann Moislings, ein großer Pechvogel; er zerbrach drei Scheiben, um eine einzusetzen.

Hatzche mit der Karre besorgte die Paketpost, er war als Original nicht nur unter den Juden, sondern auch unter den Christen Lübecks bekannt; ein Lübecker Maler hat ihn mit der Karre vor dem Holstentor verewigt. Chaimche, ein Satiriker. Sabelche hinter dem Teich, der größte Intrigant Moislings. Das kleine Cheimche, der Stammvater der Familie Lissauer; er trug stets, im Hause wie auch auf der Straße - und Spötter behaupteten: auch im Bett - einen Zylinder..."

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.



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