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Agentur für Arbeit Lübeck

Kultur Wissenschaft Ausbildung

Dr. P. Guttkuhn:" Wie alles begann -Jüd. Spezialisten aus Polen"

11. April 2010 (HL-Red-RB). In diesem Jahr begeht das Schleswig-Holstein Musikfestival den Länderschwerpunkt "Polen". Nun übermittelte der Historiker Dr. phil. Peter Guttkuhn im Rahmen der "gemeinsamen" Sonntagsbeiträge in Lübeck-TeaTime für heute den dementsprechenden mit Thema "Jüdische Spezialisten aus Polen - Wie alles begann". Da hat uns gestern die Nachricht über den Flugzeugabsturz der polnischen Delegation über Smolensk erreicht - an der Spiitze der polnische Ministerpräsident, die alle nicht überlebt haben. Ein Flug zu einer im Grunde Aussöhnung zu einem schrecklichen Geschehen während es 2. Weltkriegs zwischen Polen und Rußland. Ein Geschehen, das es ohne diesen Krieg nicht gegeben hätte.

An dieser Stelle erlaubt sich Lübeck-TeaTime den Gedanken der Trauer um die Toten in der Verbundenheit mit deren verbliebenen Angehörigen.
Dies auch im Wissen um die Menschen in Polen, die in "deutscher Vergangenheit" etwa im 20. Jahrhundert unsägliches Leid erfahren mussten. Doch schon viel früher hat man es ihnen nicht leicht gemacht - zudem etwa als Juden - hier Fuß zu fassen. Darauf hinzuweisen ein diesseitiges Bedürfnis also, das sicherlich das Verständnis Dr. phil. Peter Guttkuhns finden wird. Aber an dieser Stelle mit "Polen" in diesen Stunden einfach so zur "Tagesordnung" überzugehen, ist hier nicht möglich.

Lesen Sie aber nun die angekündigte Publikation:

"Wie alles begann - Jüdische Spezialisten aus Polen"
Teil 1
Von Dr. Peter Guttkuhn
Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts ist in der Kaiserlichen und des Heiligen Römischen Reiches freien Stadt Lübeck kein seßhafter Jude nachzuweisen. Traditionsgemäß sperrten sich Rat und Bürgerschaft gegen alle Nichtchristen, alles Fremde und Neue innerhalb der hansestädtischen Mauern. Im Zusammenhang mit der europaweiten Pestwelle und den Pestpogromen im römisch-deutschen Reich (1347 bis 1352) hatten Lübecker Ratsherren aktiv an den Judenverfolgungen der Hansestädte im südwestlichen Ostseeraum - Wismar, Rostock, Stralsund - mitgewirkt und damit ihre bündnispolitische Führungsrolle auch in der Abwehrhaltung gegen auswärtige und nicht systemkonforme Handelskonkurrenten nachhaltig gestärkt.
Seither vermochte insbesondere eine Mehrheit der privilegierten Kollegien und Zünfte in Lübeck eine latent christlich-fundamentalistische, aggressiv-antijüdische Grundhaltung Jahrhunderte lang zu konservieren und gegebenenfalls zu aktivieren.

Nachdem es gegen Ende des 16. Jahrhunderts zur Gründung einer jüdischen Gemeinde im holsteinisch-schauenburgischen Altona gekommen war, geriet zunehmend auch die 65 km nordöstlich gelegene Hansestadt Lübeck ins Blickfeld jüdischer Handelsleute. So hatte sich der Hamburger aschkenasische Jude Samuel Frank, der vom An- und Verkauf von Gold und Silber lebte, seit ungefähr 1645 in Lübeck zu etablieren vermocht.
Als der Rat 1681 dessen Niederlassung konzessionierte, begründete er damit die Vorform des späteren Lübecker Schutzjudentums, das dann 1701, trotz massiver Widerstände, als feste Institution begann, bis 1848 bestand und jeweils einen Juden privilegierte, in der Stadt wohnen und Geldwechsel, Trödelei sowie Pfandleihe betreiben zu dürfen. Der erste amtliche Schutzjude (1701 bis 1738) - Ruben Magnus - war ebenfalls ein ‚hochdeutscher' Jude aus Hamburg. Alle Lübecker Schutzjuden forderten vom Rat entweder eine Einlaß-Sperre für Moislinger und landfremde Juden oder aber eine streng kontrollierte Sondergenehmigung zum Betreten der Stadt, um wirtschaftliche Konkurrenz durch eigene Glaubensgenossen zu unterbinden. Aus Rücksicht gegenüber Dänemark musste der Lübecker Rat ablehnen."


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.



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