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Agentur für Arbeit Lübeck

Kultur Wissenschaft Ausbildung

Dr.Peter Guttkuhn: Der lange Weg zur Emanzipation (4)

04. April 2010 (HL-Red/RB). Auch am heutigen Sonntag - und damit Ostersonntag - setzt Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Lübeck-TeaTime-Reihe "Sonntags-Beiträge" fort. Heute folgt der 4. und letzte Teil des begonnenen Titels
"Der lange Weg zur Emanzipation"
(Schluß)
Von Dr. Peter Guttkuhn
Vorerst wolle man, so hieß es, herausfinden, wie viele Moislinger Juden überhaupt willens und in der Lage seien, in die Stadt zu ziehen und welche Konsequenzen das für die Lübecker Gewerbe- und Handelsverhältnisse haben würde. Der Senat genehmigte den Antrag auf die Meinungsumfrage und beauftragte das Landgericht mit der Ausführung. Demgemäß mußten sich alle selbstständig tätigen Moislinger Juden am 1. November 1847 auf der Gemeindeältesten-Stube einfinden.

Von Seiten des Landgerichts waren Senator Dr. Heinrich Brehmer und der Protokollführer der Judenkommission Dr. Philipp Wilhelm Plessing (1823-1879) anwesend. Für die jüdische Gemeinde verfolgten die Ältesten Lazarus Selig Cohn (1806-1886), Abraham Falck (1782-1852) und Isaac Schlomer (1811-1871) sowie der Gemeindediener Samuel Marcus - der Sekretär der Ältesten und Ausschußmänner - die amtliche Vernehmung. Vier Fragen wurden jedem selbstständigen Moislinger Juden einzeln vorgelegt:

„1. Durch welche Art von Geschäftsbetrieb er sich bisher ernährt habe?
2. Ob er wünsche, in die Stadt Lübeck hineinziehn zu dürfen?
3. Wovon er sich in diesem Falle in der Stadt Lübeck würde ernähren, welche Art von Geschäft er dort würde betreiben wollen?
4. Ob er die Mittel dazu besitze, sowohl um das von ihm beabsichtigte Gewerbe in der Stadt Lübeck zu betreiben als auch um diejenigen öffentlichen Leistungen zu bestreiten, welche auch von den in die Stadt sich übersiedelnden Christen gefordert würden?"

Die Moislinger jüdische Gemeinde zählte am 1. November 1847 481 Seelen, 249 männlichen, 232 weiblichen Geschlechts, die zusammen 130 Familien bildeten. Von ihnen wünschten 57 Männer, 46 Frauen mit 119 Kindern und elf Orts abwesende Familienangehörige, insgesamt also 233 Personen, nach Lübeck überzusiedeln. 54 Männer, 66 Frauen mit 107 Kindern und 21 Orts abwesende Familienangehörige, insgesamt also 248 Personen, wollten in Moisling bleiben. Dabei waren sich die Verantwortlichen der Befragung darüber einig, daß der Wunsch nach Übersiedlung in die Stadt

"von einer großen Mehrzahl der Beteiligten nur deshalb ausgesprochen worden ist, um ihnen den Weg nach Lübeck für alle Fälle offen zu halten und daß eintretendenfalls vermutlich viele dieser Angemeldeten ihrem ausgesprochenen Wunsch nicht werden Folge leisten können oder wollen".

Tatsächlich wohnten noch 1857 55 Gemeindesteuerzahler in Moisling und nur 45 in der Stadt. Erst ein Jahr später, 1858, lebte die Mehrheit (54 Steuerzahler) der Moislinger Juden in der Stadt Lübeck und eine Minderheit (49 Steuerzahler) im Dorf Moisling. Dennoch erbrachte die Erhebung von 1847 erstmals genaue Daten und Fakten, die eine begründete Meinungsbildung der „Beratungskommission wegen Abhülfe des Notstandes der dem hiesigen Staate angehörigen Juden" wesentlich erleichterten. Die meisten derer, die nach Lübeck überzusiedeln wünschten, wollten sich entweder im Textilwaren-Einzelhandel (19 Familien) oder aber im Trödelhandel (11 Familien) - überwiegend mit gebrauchter Bekleidung - engagieren.

Dr. Peter Guttkuhn"


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.



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