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Dr.Peter Guttkuhn: Der lange Weg zur Emanzipation (3)

28. März 2010 (HL-Red.). Auch am heutigen Sonntag setzt Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Lübeck-TeaTime-Reihe "Sonntags-Beiträge" fort. Heute folgt der 3. Teil des begonnenen Titels
"Der lange Weg zur Emanzipation"
Von Dr. Peter Guttkuhn
Die Herren des Landgerichts, die Senatoren Nölting und Dr. Brehmer, legten am 13. September 1847 ihren umfänglichen, traditionellen Verwaltungsbericht vor. Man konstatierte „eine fortdauernde und immer mehr zunehmende Verschlimmerung des Notstandes der Moislinger Judenschaft", ohne freilich die wirklichen Ursachen zu benennen und konkrete Abhilfe vorzuschlagen:

„Durch die Handelsverbote und Zollbeschränkungen der angrenzenden Staaten nach und nach auf ein immer kleineres Handelsgebiet zusammengedrängt, von ihren wohlhabenden Glaubensgenossen immer mehr verlassen, gleichwohl der Seelenzahl nach unvermindert, durch die äußerste Not und Bedrängnis getrieben, ihr Heil im Schmuggelhandel und im Betruge zu suchen und dadurch dem Staate von Jahr zu Jahr gefährlicher, von dem Handwerkerstande ausgestoßen, durch Mangel an Mitteln und an Bildung unfähig, sich den höheren Ständen anzuschließen, endlich durch starres Festhalten an orientalischem Formendienst unter der Leitung eines unwissenden Rabbiners der religiösen Fortbildung, als Hauptbedingung geistigen Fortschritts, immer mehr entfremdet, bedarf die Moislinger Judenschaft einer schleunigen und kräftigen Aufhülfe von Seiten des Staates, um nicht in Armut und sittliches Verderben immer tiefer zu versinken".

Das Landgericht empfahl dem Senat den Erlaß zweier Verordnungen „als vorbereitende Maßregel" zur Verbesserung der sozialen Lage der Moislinger Juden. Zum einen sollten sie förmliche Zivilstandsregister führen, zum anderen gezwungen werden, unveränderliche Familiennamen anzunehmen. Es sei von großer Wichtigkeit,

„die Juden auf diese Weise von dem aller staatlichen Ordnung widerstrebenden jedoch keineswegs auf religiösen Vorschriften beruhenden Unwesen des fortwährenden Namenswechsels zu entwöhnen und sie auch in dieser Beziehung ihren christlichen Mitbürgern gleichzustellen".

Wenn schon die bürokratisch-aktionistischen Vorschläge des Lübecker Landgerichts, die der Senat vier Monate später umsetzte, eine dramatische Lebenssituation der Juden - besonders seit den Hunger- und Teuerungsjahren 1846/47 - nicht besserten, die Staatsrechtsreform nicht förderten und die Emanzipation nicht beschleunigten, so bewies doch ein gleichzeitiger Antrag der gemeinsamen Beratungskommission, der 1847 und 1848 tagenden neuen Judenkommission, erneut einen erheblich höheren Realitätssinn.
Diese zweite senatorisch-bürgerliche Kommission, die 1848 zu demselben Ergebnis kam wie schon fünf Jahre zuvor die Buchholz-Kommission, nämlich den Juden die sofortige und umfassend-vollständige Gleichstellung zu gewähren, war mit denselben bürgerlichen Deputierten besetzt worden wie die erste. Anstelle des verstorbenen Vorsitzenden Buchholz war Senator Dr. Heinrich Brehmer (1800-1872) getreten, zum zweiten senatorischen Mitglied der Kaufmann und Novgorodfahrer Johann Daniel Eschenburg (1809-1884) benannt worden. Beide Senatoren befürworteten eine Emanzipation der Juden.

Dr. Peter Guttkuhn"


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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