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Dr. Peter Guttkuhn: Der israelische Pionier Dr. Alfred Cantor

Dank guter Zusammenarbeit konnte Lübeck-Tea-Time auch den in Lübeck arbeitenden Privatgelehrten und Historiker Dr. Peter Guttkuhn für "Sonntags-Beiträge" gewinnen. Begonnen wird mit dessen Beitrag über Dr. jur. Alfed Cantor (1899 - 1968), der vom Rechtsanwalt und Notar in Lübeck zum Landarbeiter-Pionier in der israelischen Negev-Wüste wurde.

Dr. Peter Guttkuhn forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind stets gefragt und gut besucht.

Dr. jur. Alfred Cantor war der jüngste der Lübecker jüdischen Juristen in der Weimarer Zeit, ein Mann, der sich auch politisch im Stadtstaat engagierte. Als überzeugter Republikaner vertrat er zahlreiche (Sozial-) Demokraten in vielen Landfriedensbruch-Prozessen vor Gericht gegen die hiesigen SA-Leute und NSDAP-Schläger. Als Nebenkläger von 70 Lübecker Elternpaaren im Calmette-Prozeß (1931/32) wurde er europaweit bekannt.

Dr. jur. Alfred Cantor
Von Dr. Peter Guttkuhn, Historiker und Privatgelehrter, Lübeck:
"Ich hatte die Absicht, mich nach bestandenem Examen dem Studium der Rechtswissenschaften zu widmen; entsprechend der durch den Krieg veränderten Lage, werde ich jedoch vorerst meiner Militärpflicht genügen". So lautet der letzte Satz seines kurzen Lebenslaufs, den Alfred Cantor im Januar 1917 zur Abiturprüfung am Johanneum, Realgymnasium in Lübeck, einreichte.

Der Lübecker Kaufmannssohn - Vater Louis Cantor (1866-1936), Schuhwaren-Haus, Breite Straße 97, war im Januar 1916 als ordentliches Mitglied in die "Gemeinnützige" aufgenommen worden - besuchte diese Schule seit Ostern 1905, seit der dritten Vorklasse, hatte nach neunjährigem ununterbrochenen Schulbesuch die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst erworben (1914), saß seit Ostern 1916 in der Oberprima.

"Bis auf Religion, die mir im Privatunterricht gelehrt worden ist, da ich jüdischer Konfession bin, habe ich an allen Unterrichtsfächern teilgenommen". Damit deutete der Prüfling an, dass seine Familie und er nicht Mitglieder waren in der neo-orthodoxen jüdischen Einheitsgemeinde des Stadt-Staates Lübeck, sondern sich zur liberalen Glaubensrichtung bekannten. Die Liberalen weigerten sich, ihre Kinder gemeinsam mit denen der Altgläubigen an dem von den Organen der Gemeinde, dem Rabbiner und den Religionslehrern erteilten Unterricht, den sie für altmodisch, ineffektiv und desintegrativ hielten, teilnehmen zu lassen. Die Cantors definierten ihr Judentum nicht mehr religiös.

Alfred Cantor, geboren am 04. Februar 1899 in Lübeck, bestand am 10. März 1917 das Abitur. Sein deutscher Aufsatz war der beste des Prüfungsjahrgangs: "Winter 1916/17. Als Erinnerung gedacht". Note: Sehr gut. "Die entsetzliche Schrift war dem Verfasser nicht abzugewöhnen, sie muss wohl oder übel hingenommen werden", schrieb resignierend Prof. Dr. Georg Schmidt, sein verehrter Deutschlehrer, unter die Arbeit.

Am 19. Juni 1917 wurde Cantor zum Regiment Zossen eingezogen; bald darauf ins Feldartillerieregiment 60 nach Schwerin versetzt. Anfang April 1918 kam er in ein Rekrutendepot in Braine le comte in Belgien. Am 27. April 1918 wurde der Freiwillige zum Feldartillerieregiment 271, Reserve 51, nach Straßburg versetzt. Mit diesem Regiment nahm Cantor von Anfang April bis Ende September 1918 ohne Unterbrechung an verschiedenen Kriegshandlungen als Kanonier in Frankreich teil: Offensive im April / Mai in der Gegend von Armentières (nordwestlich von Lille), Ende Mai im Chemin des Dames und vom 04. August bis 13. September 1918 an der letzten deutschen großen Offensive vor Reims. "Seid nicht traurig, wenn ich sterbe", heißt es in einem Feldpostbrief des 19-Jährigen an die Eltern in Lübeck, "denn wenn ich sterbe, dann für Großes". Am 06. November 1918 verlieh ihm der Lübecker Senat für seine Verdienste im Krieg das Hanseatenkreuz. Cantor blieb Soldat bis zur Demobilmachung am 29. Dezember 1918.

Im Jahr darauf begann er als ehemaliger "Frontkämpfer" - das erleichterte mancherlei Erschwernisse - sein Jura-Studium in Gießen, ging dann an die Universitäten nach Rostock, Freiburg und Kiel. Das erste juristische Staatsexamen bestand Cantor am 09. März 1922 an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Daraufhin wurde er am 25. März vom Lübecker Senat zum Referendar ernannt und trat den Vorbereitungsdienst am Lübecker Landgericht an. Als Kriegsteilnehmer wurde für ihn die zweite juristische Staatsprüfung als Notprüfung durchgeführt, d. h. ihm blieb die wissenschaftliche Arbeit erspart. Dennoch scheiterte er beim ersten Versuch in Hamburg (1925). Daraufhin strich man ihm den monatlichen staatlichen Unterhaltszuschuss, weil der Präsident des Lübecker Landgerichts, Dr. Richard Oemler, Cantors Eignung für den Justizdienst nicht bejahte.

Währenddessen aber hatte Cantor in Kiel eine rechtswissenschaftliche Dissertation eingereicht und wurde am 24. April 1925 zum Dr. jur. promoviert: "Wann sind allgemeine Geschäftsbedingungen für die sie nicht kennende Vertragspartei verbindlich?" Auch heute noch eine durchaus moderne Fragestellung. Ein Auszug erschien im selben Jahr in Kiel bei Schmidt & Klaunig. Im zweiten Anlauf bestand er am 10. Juli 1926 das zweite juristische Staatsexamen in Hamburg. Auf seinen Antrag wegen Zulassung zur Rechtsanwaltschaft beschloss der Lübecker Senat am 07. August 1926, Dr. Cantor beim Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg und beim Amts- und Landgericht der freien und Hansestadt Lübeck und des Oldenburgischen Landesteils Lübeck zur Rechtsanwaltschaft zuzulassen. Am 29. Januar 1927 wurde er zum Notar ernannt, da war er bereits Sozius des streitbaren Hermann Brehmer (Breite Straße 99), Mitglied der Bürgerschaft in der Hansestadt.

Alfred Cantor war ein politischer Mensch, der sich einmischte. Bereits 1919 trat er der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei, wie so viele seiner jüdischen Glaubensgenossen. Mehrfach kandidierte er zur Lübecker Bürgerschaft, schaffte aber den Sprung ins Parlament nicht. Seit dem 01. Oktober 1924 war er aktives Mitglied im "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold", dem mitgliederstärksten politischen Kampfverband, einer Schutzwehr der republikanischen demokratischen Ordnung. Am 01. März 1929 wechselte er von der DDP zur SPD über und wurde im Dezember 1931 eines der ersten Mitglieder der "Eisernen Front", die sich der Erweiterung der republikanischen Widerstandsbasis in der Endzeit der Weimarer Republik verschrieben hatte. Seit 1929 gehörte Dr. Cantor als Dozent dem Lehrkörper der Lübecker Volkshochschule an, behandelte auch hier mehrfach politische Themen.

Als Anwalt trat Cantor in zahlreichen Landfriedensbruch-Prozessen gegen Reichsbanner-Leute zu deren Verteidigung vor Gericht auf (1928-33), zog sich dadurch den nachhaltigen Haß der regionalen Naziführer zu. Im europaweit verfolgten Lübecker Calmette - Prozess (1931/32) wirkte er als Nebenkläger von 70 betroffenen Lübecker Eltern mit: 77 an Tbc erkrankte Säuglinge waren nach einer Schutzimpfung gestorben. Mit seinem Ergebnis markierte der Prozess die Geburtsstunde des modernen Medizinrechts.

Nach der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten war auch das Schicksal des Lübecker jüdischen Juristen Dr. Cantor und seiner kleinen Familie besiegelt. Am 11. September 1933 wurde er - zusammen mit den Kollegen Leopold Jacobsohn (1877-1945) und Dr. Martin Meyer (1878-1966) - vom NS-Senat der Hansestadt aus dem Amt eines Notars entlassen: "Blutsmäßig" könne er sich nicht für den nationalsozialistischen Staat einsetzen, lautete die Begründung. Das hatte Cantor auch nicht vorgehabt. Vielmehr plante und erreichte er die Ausreise nach Palästina mit seiner vier Jahre jüngeren Ehefrau Elsa (1903-1979) und der im April 1932 geborenen Tochter Ellen. Er entrichtete an das Lübecker Finanzamt die "Judenvermögensabgabe" in Höhe von RM 1.200,-, verramschte und verschenkte den Hausrat seines erst im Juli 1932 erworbenen Anwesens in Lübeck-Israelsdorf, Am Schellbruch 30 und verließ die Heimatstadt am 26. März 1934.

Es war ein erzwungener, radikaler Bruch mit Geschichte und Tradition der Familie, mit der Karriere und sämtlichen menschlichen Verbindungen. Der jüngste Lübecker jüdische Jurist sah seine Zukunft nur als Land(be)arbeiter in Erez Israel, im Rahmen der so genannten 5. Alijah (Einwanderungsbewegung) nach Palästina (1933-39) von ca. 50.000 Juden aus Deutschland. Über Hamburg und Rotterdam ging die Reise ins Unbekannte nach Haifa, wo die Cantor-Familie am 17. April 1934 anlandete. Das neue Leben begann.

Von der Hafenstadt Haifa aus wurden die drei Emigranten in den 1921 gegründeten ersten Moschaw Nahalal, westlich von Nazareth, in Galiläa im westlichen Jesreeltal geschickt. Ein Moschaw ist eine landwirtschaftliche Siedlung, in welcher jede der 50-60 Familien ihren eigenen Hof und Haushalt besitzt. Einkauf und Vermarktung der Produkte wurden gemeinschaftlich organisiert. "Sumpf des Todes" nannten die Araber diesen Platz, den sie wegen der Malariagefahr verlassen hatten, und die Wasserquellen bezeichneten sie als "Giftbrunnen" wegen der Malaria. Zu den Gründern dieses Prototyps eines israelischen Moschaw zählte Schmuel Dajan, dessen Sohn Mosche Dajan später weltbekannter Verteidigungs- und Außenminister Israels wurde.

Die Cantors hielten es dort kaum ein Jahr aus, lernten aber einiges in Sachen Landwirtschaft. Im Frühsommer 1935 wurden die "Jeckes" von der Moschaw-Bewegung nach Beer Tuvia, dem "Tor zur Negev-Wüste", eingewiesen, der südlichsten jüdischen Siedlung im damaligen Palästina, umgeben von 25 arabischen Flecken und kleinsten Dörfern. Diese Siedlung war während des arabischen Aufstands von 1929 vollständig zerstört und aufgegeben worden. Ein Jahr später hatte man sie als Moschaw erneut gegründet und bald darauf Wasser gefunden (Beer Tuvia = "guter Brunnen").

Als neue selbstständige Siedler-Pioniere erhielten die Cantors 50.000 m² Ackerland zugeteilt, hatten aber immer noch keine lokal-aktuelle Vorstellung oder gar Erfahrung von/mit eigenverantwortlicher Landwirtschaft. Sie litten nicht nur unter dem heißen Wüstenklima, sondern auch unter zahlreichen Naturkatastrophen und dem jahraus-jahrein 16-stündigen Arbeitstag auf dem Feld und im Stall, während dessen sie immer die kleine Ellen, später den 1940 geborenen Sohn mit sich herumtrugen. Im Frühling 1936 wurde ihnen ein massives Häuschen errichtet. Zur gleichen Zeit begann der nächste arabische Aufstand (1936-39).

Allabendlich, berichtete die Ehefrau, kamen heulende Schakale aus der Negev-Wüste bis an ihr kleines Haus. "Einmal besuchte uns Rechtsanwalt Dr. Martin Meyer aus Lübeck, der mit seiner Familie 1937 nach Tel Aviv emigriert war. Als am Abend das Geheul der Schakale losging, blieb ihm der Bissen im Munde stecken. "Was ist denn das?' Alfred sagte lächelnd: "Das sind nur ein paar Schakale.' Beim Abschied äußerte Meyer: "Cantors, Euch bewundere ich - so nahe an der Wüste!' Aber er kam nie wieder zu Besuch".

"Im gesellschaftlichen Leben und sozial empfanden wir uns als abgewertet", reflektierte Elsa Cantor. "Aber wir wussten, wir hatten keine andere Wahl. Zu jeder geistigen Betätigung waren wir abends zu müde. Aus dieser Abgespanntheit waren wir auch unfähig, die Landessprache zu erlernen. Wir versuchten es, aber scheiterten damit. Mit beiden Kindern sprachen wir deutsch. Im Geheimen sagte ich mir manchmal, dass wir beide doch nicht die Richtigen für den Aufbau einer selbstständig geführten Landwirtschaft seien. Aber gerade für Akademiker fand sich damals kaum eine Existenzmöglichkeit. In den wenigen Städten fuhren einige Petroleum aus, andere Eis, und ihr Leben war mehr als kümmerlich. Ihr mitgebrachtes Geld verloren sie schnell. Manche gerieten in äußerste Not, mussten ihre Kinder in primitive Heimpflege geben und konnten sich kaum über Wasser halten. Alfred, der unbedingt eine eigene Landwirtschaft betreiben wollte, sagte: "Auf dem Lande wird unser Geld langsamer zu Ende gehen als in der Stadt'".

Sowohl der Obstanbau als auch die Viehzucht misslangen den Cantors, sie verloren viel Geld, und der Schuldenberg ihrer Landwirtschaft wuchs kontinuierlich. Dr. jur. Alfred Cantor sah sich gezwungen, "Außenarbeiten" aufzuspüren und auszuführen, um die Verschuldung des Hofes zu verlangsamen. Mit einem Maulesel und Holzwagen fuhr er Brot aus, verdingte sich als Packer, Pflücker und Pflüger, Melker und Mäher, arbeitete auf fremden Feldern, in Kuh- und Hühnerställen, buk Brot... "Wir hielten uns über Wasser, mehr war es nicht", konstatierte Ehefrau Elsa. "Schuhe und Kleidung konnten wir uns nie kaufen".

Und dennoch: "Alfred redete sich ein, Freude an der Viehzucht zu haben, aber man merkte in vielem seine Ungeschicklichkeit in praktischen Dingen. Aufgeben jedoch wollte er nicht. Er sah gerade in der Landwirtschaft eine Zukunft für die Kinder, die Enkel und die kommenden Generationen. Das große brach daliegende Land muß - das war sein Standpunkt - durch Landwirtschaft aufgebaut werden. Hier hat, so sagte er, der Aufbau einer Heimstätte für alle Juden zu beginnen. Seine Ansicht war richtig. Aber für ihn persönlich wurde diese Pionierarbeit in mancher Hinsicht zu schwer", so die Einschätzung seiner Ehefrau.

Die große Wende, die endgültige Rettung ihrer Existenz trat 1958/59 ein: Von der Bundesrepublik Deutschland erhielt die Familie Cantor eine "Wiedergutmachung" in Höhe von DM 40.000,- und eine monatliche Rente, von der sie leben konnten. Der Hof wurde entschuldet und im Haus eine Toilette installiert. Während des Sechs-Tage-Kriegs (1967) musste Alfred Cantor, 68 Jahre alt, erneut seine Landwirtschaft betreuen, da sowohl Sohn als auch Schwiegersohn an die Front gingen. Noch einmal galt es Kühe zu versorgen, Felder zu bewässern und die Ernte einzubringen. Zwei Monate nach Kriegsende kamen die Männer zurück und übernahmen wieder ihre zivile Arbeit.

Dem ehemaligen Lübecker Juristen blieb noch ein Jahr. Ihn erfreute nicht nur die gesunde Rückkehr seiner beiden Soldaten und der Sieg über die Feinde, er erlebte auch mit großer Freude das Aufwachsen seiner vier israelischen Enkelkinder. Dr. jur. Alfred Cantor, aus Lübeck vertrieben, starb am 30. September 1968 in seinem kleinen Häuschen im Moschaw Beer Tuvia, in der südlichen Küstenebene, in seiner Heimat Israel.

Lübeck-TeaTime bedankt sich sehr bei Dr. Peter Guttkuhn für die Bereitstellung dieses Beitrags.

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