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Dr.Peter Guttkuhn: Der lange Weg zur Emanzipation (1)

14. März 2010 (HL-Red.). Bereits "traditionell" und vom Herausgeber Lübeck-TeaTime aus vorheriger Zuarbeit mitgebracht die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge": Thema ist erneut die Geschichte der "Juden in Lübeck" und dabei mit folgendem Titel:

Der lange Weg zur Emanzipation
Teil 1
Von Dr. Peter Guttkuhn
Die Judenkommission unter Vorsitz des Syndikus Dr. Buchholz, die 1842 und 1843 tagte, setzte sich nicht für eine spezielle Judengesetzgebung alten Stils ein. Man wolle vielmehr Vorschläge unterbreiten, die ganz konkret den materiellen und geistigen Notstand und deren natürliche, negative Folgen beseitigten. Unabdingbar sei staatliche Hilfe, um den Gottesdienst in der Synagoge und die Kindererziehung in der Schule moderner und effizienter zu organisieren. Moisling drohe zu einer „Höhle des Elends" zu verkommen und die Juden den Armenanstalten der Stadt Lübeck zur Last zu fallen, hieß es in dem Gutachten für den Senat vom 17. Februar 1843. Einstimmig waren zwei senatorische und vier bürgerschaftliche Mitglieder der Kommission zu einem logischen, für den Bundesstaat Lübeck freilich visionären, ja revolutionären Schluß gelangt:

„Die Commission vermag darnach ihr auf Pflicht und Gewissen und mit der vollsten Überzeugung abgegebenes Gutachten nur dahin auszusprechen: daß den Juden die volle Freiheit sich auf jede den Christen erlaubte Weise in Stadt und Gebiet ihren Erwerb zu suchen mit unbeschränkter Wohnungsbefugniß ertheilt werde und daß in Beziehung auf Religion und Erziehung ihren obigen Vorschlägen nachgegangen und für jetzt, damit fernere Vorbereitungen und Einleitungen getroffen werden können, die Bewilligung einer mäßigen jährlichen Summe in Aussicht gestellt werde".

Carl August Buchholz hatte sich lebenslang für die politisch-rechtliche und die ökonomisch-soziale Gleichstellung der Juden eingesetzt, ob als Privatmann oder - wie seit 1834 - als Syndikus des Lübecker Senats. Senator Ludwig Müller (1782-1865) aus dem Schonenfahrer-Kollegium, zweites senatorisches Mitglied in der gemeinsamen Judenkommission, war als langjähriger Präses des Landgerichts - 1830 bis 1841 - ein intimer Kenner der Moislinger Judenschaft und ihrer Probleme.

Der liberale Friedrich Boldemann (1788-1865), gleichfalls Schonenfahrer, hoch gebildeter, weit gereister und welterfahrener Großkaufmann, bürgerschaftliches Mitglied in der Kommission, Bevollmächtigter des Versicherungs-Vereins von 1826 und der Versicherungs-Gesellschaft von 1827, mißbilligte als weltweit operierender Seefahrtsmanager antiquierte und engstirnige Denkmodelle. Ebenso wie der Kaufmann Conrad Platzmann (1811-1873), zweites bürgerschaftliches Mitglied der Kommission, der als großherzoglich-hessischer Konsul für Liberalismus, Toleranz und Solidarität im lübeckischen Freistaat eintrat.
Der Apotheker Dr. phil. Eduard Geffcken (1801-1866), drittes bürgerschaftliches Kommissionsmitglied, war Eigentümer des Lübecker Kaninchenberges, „auf dessen Mühle daselbst Arzeney- und Farbewaaren, Lohe etc. gemahlen werden", ein wohlhabender und liberaler Mann vom Stande der Krämer. Er stimmte ebenso für die Emanzipation der Moislinger Juden wie das vierte bürgerschaftliche Kommissionsmitglied, der Hufschmied Matthias Hinrich Dreckmann (1800-1863), einer der Ältermänner des Amts der Schmiede, von den vier großen und dazu gehörigen Ämtern in die Judenkommission entsandt.

Die Chancen für die rechtliche und politische Gleichstellung der lübeckischen Juden standen nie zuvor günstiger - welche Motivationen im einzelnen die sechs Männer auch immer gehabt haben mögen. Eindeutig belegt das ihr amtliches Kommissionsgutachten für den Senat vom 17. Februar 1843.

Allerdings: Es wurde nicht im Senat behandelt, sondern ging direkt in die Aktenablage. Deswegen kam es nicht einmal zu der von der Buchholz-Kommission angemahnten finanziellen Soforthilfe für die Moislinger jüdische Landgemeinde.

Dr. Peter Guttkuhn

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. *)


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.


*)Etwas noch "Geheimnisvolles": Dr. Guttkuhn wird bald ein neues Buch herausgeben! Auch Lübeck-TeaTime ist gespannt! Mehr verraten dazu hat er "leider" noch nicht...

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