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Ökonom.-soziale Situation HL-Moislinger Juden im 19.Jhdt (IV)

07. März 2010 (HL-Red.). Am heutigen Sonntag setzt Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Lübeck-TeaTime-Reihe "Sonntags-Beiträge" fort. Heute folgt der schließende Teil von „Die ökonomisch-soziale Situation der Lübeck-Moislinger Juden im 19. Jahrhundert.
"Die ökonomisch-soziale Situation der Lübeck-Moislinger Juden
im 19. Jahrhundert
Von Dr. Peter Guttkuhn
Teil 4 (Schluß)

Nach diesen Berechnungen darf als gesichert angenommen werden, daß die 40 unterhalb der niedrigen Steuergrenze liegenden selbstständig tätigen Moislinger jüdischen Familienvorstände (= 30,8 % von 130 Familien) als verarmt und ständig existenzgefährdet anzusehen waren. Sie wurden von keiner Steuerliste erfaßt. Als ungesicherte Existenzen am unteren Rand der gesellschaftlichen Pyramide müssen auch jene zehn Personen (= 7,7 %) der Steuerklasse 1 a eingestuft werden, die nur über Jahreseinnahmen von bis zu CtM 250.- verfügten, d. h. über höchstens 11 ß pro Tag. Der vorgenannte Glaser Cohn z. B. gehörte in diese Kategorie.

Zwischen 250 und 500 CtM jährlich verdienten bzw. verbrauchten die 60 Personen (= 46,2 %) der Steuerklasse 1 b, der die weitaus meisten jüdischen Steuerpflichtigen angehörten. Diese Gruppe verfügte über 11 ß bis 1 CtM, 6 ß täglich und muß ebenfalls als arm bezeichnet werden. Von den 130 selbstständig tätigen jüdischen Familienvorständen in Moisling gehörten also 84,7 % entweder gar nicht unter die Steuerzahler oder aber in die niedrigste Steuergruppe.

Zur zweiten Steuerklasse zählten 11,5 % der Familien bzw. diejenigen 15 Personen, die zwischen 500 und 1.000 CtM pro Jahr einnahmen. Nur 2,3 % - nämlich drei Haushalte - gehörten in die Steuerklasse 3 a, was bedeutete, daß sie im Jahresverlauf zwischen 1.000 und 1.500 CtM erwirtschafteten. Die beiden reichsten Moislinger jüdischen Familien (= 1,5 %) der 1840er Jahre brachten es auf ein Einkommen von jährlich 1.500 bis 2.000 CtM.

Auf der Ausgabenseite bildeten die Aufwendungen für ihre Ernährung den größten Posten im Budget aller 130 Familien. Moislings Juden besaßen weder Gärten noch Äcker, mußten deswegen die gesamte Nahrung käuflich erwerben, konnten sie nur in geringem Umfang eintauschen. Hauptnahrungsmittel waren - wie auch für die vergleichbaren christlichen Familien - (Roggen- bzw. Grob-)Brot und Kartoffeln.
Nach den Ergebnissen einer Umfrage im lübeckischen Freistaat von 1846 mußte eine fünfköpfige Arbeiterfamilie zwischen CtM 104.- und CtM 156.- jährlich für Brot und Kartoffeln ausgeben. Diese Angaben lassen sich auch auf die Situation der meisten Moislinger jüdischen Familien übertragen. Danach hatte dann eine Familie der Steuerklasse 1 b zwischen 26 % und 52 % der jährlichen Einnahmen für Brot und Kartoffeln aufzuwenden.
Für ihre Wohnungen zahlten die Moislinger Juden eine statistische Jahres-Durchschnitts-Miete von CtM 78.-. Das bedeutete für die 60 Familien der Steuerklasse 1 b einen Anteil zwischen 15,6 % und 31,2 % am Jahresbudget. Brot, Kartoffeln und Miete beanspruchten bei diesem Personenkreis demnach durchschnittlich 65 % der Jahreseinnahmen.
Die verbleibenden 35 % des Einkommens - für die Steuerklasse 1 b waren das zwischen 4 ß und 8 ß pro Tag - mußten ausreichen für Brennmaterial, Kleidung, Licht, Weißbrot, Getränke, Hülsenfrüchte, koscheres Fleisch, Obst, Käse, Butter und Eier sowie für Arzt- und Apothekerkosten, die Militär-, Schul-, Osterbrot- und Gemeindesteuer. Zu letzterer - wöchentlich erhoben - wurden in den Jahren 1840 bis 1850 durchschnittlich 113 Personen mit durchschnittlich CtM 20.- pro Jahr herangezogen, was für den Haushalt der Steuerklasse 1 b zwischen 8 % und 12 % zu Buch schlug.
Diese zwei Drittel der Moislinger jüdischen Steuerpflichtigen - die 60 Ernährer der Kategorie 1 b - waren arme, finanziell ungesicherte Existenzen an der Grenze des Existenzminimums, die von der Hand in den Mund lebten. Teuerungen und saisonale Preisschwankungen konnten von ihnen ebenso wenig abgefangen werden wie Krankheiten oder Verlust des Ernährers.
Zusammenfassend müssen die 40 steuerfreien Familien als bereits verarmt angesehen werden, während die zehn der Steuerklasse 1 a und die 60 der Steuerklasse 1 b noch als Arme am Rand des Existensminimums zu bezeichnen sind.
Von 130 selbstständig tätigen Moislinger jüdischen Familienvorständen gehörten in den 1840er Jahren nur 20 in die Steuerklassen zwei und drei, was bedeutete, daß nur 15,3 % der Ernährer nicht von akuter, stets präsenter Armut bedroht waren. Ob allerdings der tatsächliche Anteil der Juden am Bruttosozialprodukt Lübecks derart gering war, wie es deren Steueraufkommen ausweist, das läßt sich nicht feststellen.

Dr. Peter Guttkuhn


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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