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Zu Sonntag: ANGEDACHT: Käßmann: „Fall“ und Vorbilder

07. März 2010 (HL-Red.). Die Trunkenheitsfahrt der zurückgetretenen Vorsitzenden der EKD und hannoverschen Bischöfin ist immer noch nicht "abgehandelt". Spätestens nach "juristischer" Würdigung wird diese Angelegenheit ohnehin wieder die Schlagzeilen bestimmen. Dann allerdings über einen Menschen, "der" Konsequenzen für sich gezogen hat, ein Mensch, eine Frau - ja weiterhin eine Pastorin zumindest. Lesen Sie dazu die Meinung eines ihrer Kollegen. Eines Pfarrers, der theology.de herausgibt: Otto W. Ziegelmeier. Ein Beitrag aus dessen Newsletter März und mit dessen freundlicher Genehmigung, also der CFS GmbH - Otto W. Ziegelmeier und damit "theology.de":

"Ja, man darf nicht betrunken Auto fahren. Ja, man darf auch nicht über rote Ampeln fahren. Das wissen wir. Und wenn man es macht, wird man bestraft. So passiert es tagtäglich und nun auch mit Margot Käßmann. Geldstrafe, Führerscheinentzug, - das ist geregelt. Eigentlich könnte man es dabei bewenden lassen, so wie es bei Hinz und Kunz der Fall ist. Doch bei Margot Käßmann scheint es nicht so einfach zu sein. Warum eigentlich?

Kritiker werfen Frau Käßmann, der Bischöfin und Ratsvorsitzenden vor, dass sie in dem Amt eine Vorbildfunktion habe und diese nun verloren habe. Schauen wir uns doch mal die großen Vorbilder unseres Glaubens an:
Der charismatische Mose, der sein Volk gerettet und ins gelobte Land geführt hat, den Gott als Freund bezeichnet, hat einen ägyptischen Aufseher erschlagen (Exodus 2,12). Der ruhmreiche König David hat einen Mann hinterlistig töten lassen, um dessen Frau zu seiner zweiten Frau zu machen (2. Samuel 11). Petrus, der als Fels gilt, auf dem das Papstamt steht, hat Jesus dreimal verleugnet (Markus 14, 66-72). Und wie würden Juristen Jesu Vertreibung aus dem Tempel bewerten (Markus 11,15): Hausfriedensbruch, Nötigung, Sachbeschädigung?

Was ist das alles im Vergleich mit Trunkenheit am Steuer?
All diese Taten werden in der Bibel nicht verherrlicht und nicht verheimlicht. Sie zeigen Menschen, die großartiges Machen und auch großartige Fehler machen, weil sie Menschen sind. Jedoch hat keiner von diesen wichtigen Personen sein Amt aufgeben müssen. Wo wären wir heute, wenn sie es getan hätten?

So stellt sich die Frage: Warum brauchen wir Vorbilder?
Kinder und Jugendliche brauchen Menschen als Vorbilder, um sich zu orientieren. Und wann sind wir erwachsen genug, um keine Vorbilder mehr zu brauchen? Frau Käßmann hat sich nicht zum Vorbild gemacht. Sie wurde auf diesen Sockel gestellt; wie viele andere auch. Beim kleinsten Makel wird dann gekrittelt. Wir scheinen in letzter Zeit eine Vorliebe entwickelt zu haben, Menschen auf Sockel zu stellen, um sie gleich wieder zu stürzen, darum müssen sie zuerst auf den Sockel. Die Massenmedien leben davon, sie brauchen das, weil wir Medienkonsumenten ihnen das im wahrsten Sinne des Wortes abkaufen und so finanzieren.
Der „Fall Käßmann“, der Sturz macht sehr deutlich, was uns wichtig ist und leider auch, was wir dabei übersehen und in Kauf nehmen. Frau Käßmann befürchtet, keine Autorität mehr zu haben, da sie einen großen Fehler gemacht hat. Wahrscheinlich sieht Gott das anders. "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" (Johannes 8,7). Das sagte Jesus zu den Menschen, die eine Ehebrecherin steinigen wollten. Er sagte dies nicht, weil er Ehebruch gut fand, sondern weil er es scheinheilig fand, wie Menschen mit Menschen umgehen, die Fehler gemacht haben. Delikt und Reaktion stehen in keinem Verhältnis.


Wie mündig sind wir?
Es stellt sich doch die Frage, wie mündig und wie erwachsen wir eigentlich sind, dass es noch Vorbilder braucht, die vorzuleben, was und wie etwas richtig ist? Eine Welt wäre reifer, wenn sie keine makellosen Helden an ihrer Spitze mehr bräuchte. Wenn es genügte, dass das Führungspersonal einfach nur die Aufgabe gut macht. Der Sehnsucht nach makellosen Vorbildern ist allzu sehr Ausdruck einer infantilen Sehnsucht. Gut, Kinder brauchen ein Vorbild, Erwachsene taugen als Vorbilder nur mit Vorsicht. Und ein Vorbild für Erwachsene?

Wenn man ein Vorbild braucht, soll man sich lieber Gott als Vorbild nehmen, der es aushalten muss, dass seine Geschöpfe laufend Fehler machen, der sie aber nie aufgegeben hat oder gar steinigen wollte. Martin Luther verweist auf das Vorbild Gott, an dem er sich orientiert und von dem er alle Hoffnung hat, wenn er schreibt: „Die Hoffnung ist eine göttliche Tugend, welche allein Gott im Blick hat… Wo nur einer auf etwas anderes hofft …, ist vermessen und hat schon die Hoffnung verloren.“

Das ist eine Absage an alle menschlichen Vorbilder, Idole und Projektionsflächen unserer Sehnsüchte. Gott wurde Mensch, mit diesem Vorbild wollte er, dass die Menschen menschlicher werden, nicht dass sie sich anmaßen, heiliger, scheinheiliger und göttlicher zu werden.

Pfr. Otto W. Ziegelmeier"


Quelle: theology.de

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