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Agentur für Arbeit Lübeck

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Ökonom.-soziale Situation HL-Moislinger Juden im 19.Jhdt.(III)

28. Februar 2010 (HL-Red.). Am heutigen Sonntag setzt Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Lübeck-TeaTime-Reihe "Sonntags-Beiträge" fort. Heute folgt Teil III von „Die ökonomisch-soziale Situation der Lübeck-Moislinger Juden im 19. Jahrhundert.

"Die ökonomisch-soziale Situation der Lübeck-Moislinger Juden
im 19. Jahrhundert

Von Dr. Peter Guttkuhn
Teil 3

Die 13 manuellen, unzünftigen Gewerbe, zu denen hier auch die dem Dienstleistungsbereich zugehörenden Tätigkeiten des Dienstmädchens, der Wäscherin, der Arbeitsfrau und der zwei Aufwärterinnen gezählt werden, bildeten zusammen nur 14 % des marginalen Moislinger jüdischen Berufsspektrums. Mit 13 % waren die 17 überwiegend älteren, nicht (mehr) berufstätigen oder berufsfähigen Familienvorstände - Witwen, Witwer, Behinderte - vertreten, die entweder von ihren Kindern und/oder Verwandten bzw. ausschließlich von der Gemeindekasse unterhalten wurden.

Schlomer erinnerte sich z. B. an Selig Sussmann Cohn (1801-1853): „Seligche, Glaser, der frömmste Mann Moislings, ein großer Pechvogel; er zerbrach drei Scheiben, um eine einzusetzen". Der aus Posen stammende Schneider Levi Jacob Pincus (1779-1864) - genannt Schneider Leb - hatte in den 30er Jahren für 72 Courantmark (CtM) jährliches Pachtgeld das Moislinger Badehaus von der Gemeinde gepachtet. Es wurde kein Geschäft. Daher hatte er „nur einen Wunsch, und der war, reich zu werden, nämlich in den Besitz von 100 Mark zu gelangen; dieser Wunsch hat sich aber bei ihm, obgleich er 85 Jahre alt wurde, nicht erfüllt".

Jette Lazarus geb. Nathan (1772-1864), Witwe des früheren Synagogendieners und Bassisten - daher hieß sie die Baste -, erhielt von der Gemeinde, zusammen mit weiteren elf Personen, wöchentlich 1 CtM, 8 ß Armengeld. Doch sie hatte eine zusätzliche Einnahmequelle. Sie begleitete alle Frauen, die den guten Ort - den Moislinger Friedhof - aufsuchten. „Und mit einer wahren Virtuosität verstand sie es, Tränen hervorzuzaubern, benutzte aber auch meistens dazu den Speichel".
Detaillierten Einblick in die ökonomische Situation der Moislinger Juden und Jüdinnen gewährt naturgemäß deren steuerliche Veranlagung durch den Staat. Im fiskalischen Bereich unterschied die Lübecker Steuer-Deputation nicht nach Konfessionen. Christen und Juden wurden gleichermaßen realitätsorientiert eingeschätzt: nach jährlichem Einkommen bzw. Verbrauch. An vier bestimmten Terminen - zumeist zwischen Juni und Oktober - sammelte ein Steuerkassierer je 25 % der ordentlichen direkten Steuer ein. Die Moislinger Juden gehörten alle in die ersten drei Steuerklassen, ganz überwiegend aber in die erste, die niedrigste Steuerklasse.


Die ersten drei Klassen der ordentlichen Direktsteuer im Freistaat Lübeck

(von insgesamt 10 Steuerklassen)

Einführung der Ordnung: 26. 6. 1816

Modifizierungen: 2. 4. 1817 und 5. 4. 1845

Gültig bis: 31. 12. 1869

Besteuerungs-Maßstab:

1 a Wer bis zu 250 CtM einnimmt oder verbraucht,
steuert pro Jahr 2 CtM
1 b Wer 250 bis 500 CtM einnimmt oder verbraucht, steuert pro Jahr 4 CtM

2 Wer 500 bis 1.000 CtM einnimmt oder verbraucht,
steuert pro Jahr 8 CtM

3 a Wer 1.000 bis 1.500 CtM einnimmt oder verbraucht,
steuert pro Jahr 16 CtM
3 b Wer 1.500 bis 2.000 CtM einnimmt oder verbraucht,
steuert pro Jahr 30 CtM

Weil die Steuerveranlagung konfessionelle Gesichtspunkte unbeachtet ließ, deshalb gab es auch für den Mühlentor-Distrikt, und hier das Dorf Moisling, keine gesonderte Aufstellung der jüdischen Steuerpflichtigen. In Moisling lebten 164 amtlich festgestellte Steuerpflichtige. Deren Einordnung in die drei Steuerklassen ist quellenmäßig gesichert. Es darf angenommen werden, daß es sich dabei um 90 jüdische und 74 evangelisch-lutherische Personen handelte.


Ansätze der ordentlichen Direkt- und zusätzlichen Militärsteuer 1849 für das Dorf Moisling

Steuerpflichtige Personen: 164 (Juden und Christen)

Es lebten 1848/49 ca. 865 Personen im Dorf, ca. 490 Juden und ca. 375 Christen, insgesamt ungefähr 234 Familien, ca. 130 jüdische und ca. 104 christliche. 70 Familien zahlten demnach keine Steuern, wahrscheinlich 40 jüdische und 30 christliche Familien. Die 164 Steuerpflichtigen verteilten sich wie folgt auf die ersten drei Steuerklassen:

Steuerklasse
Direktsteuer
Militärsteuer
Zahl der Steuer-pflichtigen




1 a
CtM 2.-
CtM 2.-
19 Personen



= 11,6 %
1 b
CtM 4.-
CtM 2.-
108 Personen



= 65,9 %
2
CtM 8.-
CtM 5.-
27 Personen



= 16,5 %
3 a
CtM 16.-
CtM 12.-
6 Personen



= 3,7 %
3 b
CtM 30.-
CtM 22.-
4 Personen



= 2,4 %

Gesamt-Betrag der Direktsteuer: CtM 902.- Gesamt-Betrag der Militärsteuer: CtM 549.-

Aus der amtlichen Steuerliste lassen sich die jüdischen Steuerpflichtigen herausrechnen. Diese Zahlen sind zwar nicht quellengesichert, besitzen aber einen hohen Grad an Wahrscheinlichkeit:

Veranlagung der jüdischen Steuerpflichtigen im Dorf Moisling zur ordentlichen Direktsteuer 1848/49

Steuerpflichtige Personen: 90

Steuerklasse
Direktsteuer
Zahl
Der Steuerpflichti
gen



1 a
CtM 2.-
10 Personen


= 11,1 %
1 b
CtM 4.-
60 Personen


= 66,7 %
2
CtM 8.-
15 Personen


= 16,7 %
3 a
CtM 16.-
3 Personen


= 3,3 %
3 b
CtM 30.-
2 Personen


= 2,2 %."

Dr. Peter Guttkuhn


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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