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Agentur für Arbeit Lübeck

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Ökonomisch-soziale Situation HL-Moislinger Juden im 19.Jhdt.(II)

21. Februar 2010 (HL-Red.). Am heutigen Sonntag setzt Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Lübeck-TeaTime-Reihe "Sonntags-Beiträge" fort. Heute folgt Teil II von „Die ökonomisch-soziale Situation der Lübeck-Moislinger Juden im 19. Jahrhundert.
Von Dr. Peter Guttkuhn

Teil 2
Die Aufstellung belegt, daß die Moislinger jüdische Berufsstruktur und Sozialschichtung relativ geschlossen, verhältnismäßig einheitlich und auf außergewöhnlich niedrigem Niveau sich ausgebildet hatte. Es war die alte, periphere und instabile Struktur absoluter Dominanz des ambulanten Warenhandels, besonders des geringfügigen Einzelhandels, des eigentlichen Not- und Schacherhandels (63,8 %).

So früh wie möglich nahm der Vater seinen Sohn mit auf die wöchentliche Erwerbstour. „Einen Tag nach der Barmitzwoh", berichtet Schlomer (1845-1914), „war er [der Sohn] verpflichtet, für sich selber zu sorgen und suchte nun durch Handeln mit Zwirn und Band so viel wie möglich zu den Kosten seiner Ernährung beizutragen. Ich habe aber noch Kinder gekannt, die schon vom 10. Jahre an den Handel betrieben, und auch mein sel. Vater hat sich seinen Barmitzwohanzug auf diese Weise selbst verdient".

In extremer Überdimensionierung befand sich das Moislinger Schlachtergewerbe, das Schlomer sogar auf einen aktiven Personalbestand von 26 Mann beziffert. Alle Beteiligten lebten weniger vom Schlachten/Zerlegen und Aufbereiten als vielmehr vom ambulanten Fleischhandel in den umliegenden Dörfern und auf Märkten. Der Verkauf von Fleisch und Fleischwaren im ländlichen Raum aber gestaltete sich auf Grund der hohen Selbstversorgungsrate der Bevölkerung besonders schwierig.

Moislings Juden trieben ihren Hausier- und Trödelhandel in allen lübeckischen Dörfern, auch im „Städtchen" Travemünde, was besonders zur Badesaison den beteiligten Händlern überdurchschnittlichen Umsatz brachte. In den Jahren 1842 bis 1847 hatten gewöhnlich 14 Personen für die Badezeit - 1. Juli bis 15. September - eintägige bis mehrwöchige Konzessionen zum Hausieren mit Manufakturwaren gegen eine Tagesgebühr von 4 ß erworben.

Zahlreiche Dörfer und Güter der westlichen Hälfte des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin bildeten für neun Händler den Schwerpunkt ihrer Erwerbstätigkeit, während acht Handelsleute kontinuierlich Dörfer und Höfe im dänischen Herzogtum Lauenburg bereisten. In der Regel verließen die Männer am Sonntagnachmittag bzw. Montag früh mit ihren schweren Packen die Familien in Moisling und kehrten erst am Freitagabend, rechtzeitig zu Sabbat-Beginn, wieder zurück.

Einige von ihnen charakterisiert Schlomer:
Ruben Alexander (geb. 1798), der seit 1848 Löwenburg hieß, wurde Ruben Wind genannt. Er, der auf holsteinischen und mecklenburgischen Märkten handelte, „verwechselte [in seinem Sortiment] Leinen und Baumwolle regelmäßig, wodurch er sich hauptsächlich ernährte". Michel Hirsch (1786-1867), dessen Ehe kinderlos geblieben war, wurde Machol Orgelspieler gerufen. „Er besuchte mit seiner Frau sämtliche Jahrmärkte bis tief nach Mecklenburg und Holstein hinein, spielte die Orgel, während sie die Lieder dazu sang; und Lied und Beschreibung war von ihr stets für einen Schilling zu kaufen".

Bis in die 1850er und 1860er Jahre wurden Moislinger und Lübecker Hausierer in Mecklenburg häufig aufgegriffen und bestraft: wegen Handels mit unversteuerten/unverzollten Textilien auf dem flachen Land und fehlender Konzession. Distrikts-Husaren oder Bauernvögte brachten sie dann auf die nächstgelegene Steuerstube, konfiszierten ihre Warenpacken und forderten eine Kaution. Nach Zahlung einer Geldstrafe von 5 bis 10 CtM und der Verfahrenskosten durften die Betroffenen wieder ausreisen.

Dr. Peter Guttkuhn.


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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