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L.Gallinat:Dr.A. Baskakov zum 150. Geburtstag AntonTschechows

05. Februar 2010 (HL-Red.). "Nr. 1" nach 250 "Literarischen Frühschoppen" des "Lübecker Autorenkreises und seiner Freunde e.V.", bei der passende Gelegenheit genommen wurde, auf den 150. Geburtstag des russischen Dichters Anton Tschechows und dessen Wirken aufmerksam zu machen. Lutz Gallinat war dabei und schreibt dazu: "Es war eine faszinierende Matinee. Beim 251."Literarischen Frühschoppen" des "Lübecker Autorenkreises und seine Freunde e.V." am 31.Januar 2010 im "Alten Zolln" hielt der Literaturwissenschaftler Dr.Alexej Baskakov, Lübeck, zum 150.Geburtstag des russischen Dichters Anton Tschechow am 29.Januar 2010 einen Vortrag über "Wahrheit und Träume Anton Tschechows" mit anschließender szenischer Lesung aus seiner Komödie "Der Kirschgarten", die zum ersten Mal 1904 in Moskau aufgeführt wurde.
Der russische Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow wurde am 29.1.1860 in Taganrog geboren und starb am 15.7.1904 in Badenweiler.
In den frühen Erzählungen, meist anekdotisch mit scharfer Pointe, zeigt der Autor Menschen unterschiedlicher Schichten, die nur in engen Schemata denken und handeln können. Indem verschiedene Denk- und Verhaltensmuster aufeinandertreffen, entstehen komische und groteske Situationen. Von 1886 an ließ Tschechow seine Figuren immer häufiger nach dem Sinn ihres Lebens fragen, machte Einsamkeit, Unglück und Desillusionierung zu seinen Themen. Dabei zeigt er die Welt so, wie sie sich im Bewusstsein seiner Personen spiegelt, und verzichtet auf einen auktorialen Standpunkt, setzt direkte Rede, Dialog und Inneren Monolog ein. Der Blickwinkel ist immer ein psychologischer. Die Distanz des Autors wird spürbar, indem er in der erlebten Rede die Standpunkte von Person und Erzähler überlagert. Unvermittelter Anfang, offenes Ende, Natur- und Personenbeschreibungen durch Hervorhebung charakteristischer Details bestimmen Tschechows Prosa. Weltruhm als Dramatiker erlangte Tschechow durch seine vier Dramen "Die Möwe", dt. 1902, "Onkel Wanja", dt. 1902, "Drei Schwestern", dt. 1902, und "Der Kirschgarten", dt. 1912. Tschechow beeinflusste entscheidend das Drama der Moderne, auch das Absurde Theater. Seinen Stücken fehlt ein klassischer dramatischer Konflikt. An die Stelle einer Gesamthandlung treten einzelne Handlungsstränge. Das Augenmerk liegt auf den Beziehungen der Protagonisten zueinander, den meist gestörten kommunikativen Prozessen. Innere Spannungen erzeugen Symbolmotive, die sich im Verlauf der Dramen entfalten und sie dynamisieren. Gestik, Mimik und Pause sind ebenso Bedeutungsträger wie der Dialog.
Wie in seinen Erzählungen zeigt Tschechow auch in seinem Bühnenwerk Menschen in alltäglichen Situationen, die nach einem Lebenssinn suchen, sich enttäuscht und ernüchtert fühlen, nach Zuneigung und Anerkennung streben. In den beiden letzten Dramen steht- wie u.a. auch in der späten Prosarbei "Die Dame mit dem Hündchen", dt. 1904- das Thema des Aufbruchs im Vordergrund.
Tschechow schrieb seine Werke in einer Phase politischer Reaktion und Stagnation. Neben einer psychologischen geben sie auch eine gesellschaftliche Diagnose Russlands jener Zeit im Vorfeld der Revolution.
Tschechow beeinflusste K.Mansfield, V.Woolf, E.Hemingway, D.Parker, M. Gorki u.a.. Parallelen sind auch im Werk Maurice Maeterlincks feststellbar, in dessen lyrischen Dramen des Schweigens die äußere Handlung unwesentlich ist, Stimmung und Atmosphäre, das Schweigen hinter den Worten sind entscheidend.
Auch Thomas Mann in seinem "Versuch über Tschechow" aus dem Jahr 1954 Stellung zu dem berühmten Novellisten und Dramatiker. Er traf Thomas Mann spät, aber tief. Die Faszination ging vom identifikatorischen Potential des Tschechowschen Oeuvres aus. Das zentrale Leseerlebnis war "Eine langweilige Geschichte", die melancholische Innenschau eines alternden Gelehrten, die der alte Thomas Mann auf weiten Strecken als Selbstporträt lesen konnte. Dazu kamen Tschechows Skeptizismus, seine Bescheidenheit, seine trotz kommunistischer Vereinnahmungsversuche keiner Partei dienstbare Ironie, sein Arbeitsethos und sein Bewusstsein, "dass man auf die letzten Fragen ja doch keine Antwort wisse".
Dr.Alexej Baskakov, der auch als freier Autor, freier Übersetzer und freier Mitarbeiter des Buddenbrookhauses tätig ist, hatte für sein subtiles Psychogramm akribisch recherchiert und verband in seinem anschaulichen und lebendigen Vortrag Wissenschaftlichkeit und Literarizität.
Die AutorInnen Brigitte Halenta, Klaus Rainer Goll, Jürgen Haese, Volkert Ipsen, Lena Johannson, Hilde Kähler-Timm, HannaH Rau und Jürgen Schwalm boten schließlich einfühlsam und nuanciert eine szenische Lesung aus dem "Kirschgarten", der das Symbol eines unerbittlichen Abschieds von einer nie wiederkehrenden Zeit ist, nämlich existenzielle Stimmungsdramatik.
Es folgte eine rege Diskussion unter der Leitung Klaus Rainer Golls.
Alle Akteure wurden schließlich mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

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