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Dr. Guttkuhn: Dr. Carlebachs Erziehungsprinzipien - Teil 1

17. Januar 2010 (HL-Red./RB). Auch heute setzen wir in Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge" fort. Heute mit dem ersten Teil von zweien: "Dr. Carlebachs Erziehungsprinzipien
Von Dr. Peter Guttkuhn - Teil 1:
In Lübeck, meine sehr geehrten Damen und Herren, beginnt man einen Vortrag nicht mit einem Goethe-, sondern einem Thomas-Mann-Zitat. In dessen „Doktor Faustus" heißt es: „Bemerkenswert war, daß neben unserem Pfarrer, Geistl. Rat Zwilling, auch der Rabbiner der Stadt, Dr. Carlebach mit Namen, in unseren über dem Laboratorium und der Apotheke gelegenen Gasträumen verkehrte, was in protestantischen Häusern nicht leicht möglich gewesen wäre. Das bessere Aussehen war auf Seiten des Mannes der römischen Kirche. Aber mein Eindruck, der hauptsächlich auf Äußerungen meines Vaters beruhen mag, ist der geblieben, daß der kleine und langbärtige, mit einem Käppchen geschmückte Talmudist seinen andersgläubigen Amtsbruder an Gelehrsamkeit und religiösem Scharfsinn weit übertraf".
Der junge Lübecker Gemeinderabbiner erläuterte:

„Ich betrachtete die der Schule und der Jugenderziehung überhaupt zu widmende Tätigkeit als die wichtigste, am meisten Aussicht auf Erfolg bietende Aufgabe meines Amtes“, schrieb er als Direktor am 31. März 1871 in seinem Jahresbericht über die jüdische Schule in der Lübecker Wahmstraße.

Carlebach war Anhänger und Verfechter der Richtung der Neo-Orthodoxie, der modernen jüdischen Orthodoxie, so wie sie von dem aus Hamburg gebürtigen Ideologen und Führer der Austritts-Orthodoxie Samson Raphael Hirsch (1808-1888) vertreten wurde: Orthodoxe Religionspraxis und aktuelle europäische Kultur widersprechen sich nicht, das war das Credo.
‚Neo-Orthodoxie’ verstanden Hirsch und Carlebach als Bündnis zwischen zeitgemäßer westlicher Kultur und verpflichtender Tradition.
Der traditionalistisch-gesetzestreue Jude Carlebach hatte hochmoderne deutsche Kulturwissenschaften studiert, damit promoviert und parallel dazu sein orthodoxes Rabbiner-Studium absolviert. Diese Kombination war unter Deutschlands orthodoxen Juden damals, in den 1860er Jahren, eher die Ausnahme als die Regel.
Deutschlandweit betrachtet war die jüdische Orthodoxie in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts zur Minderheit in den großen urbanen Gemeinden geworden. Um 1900 lag der Anteil der Orthodoxen bei 10 bis 20 Prozent der jüdischen Bevölkerung des Deutschen Reiches. Die Liberalen hatten die Oberhand gewonnen.

Ganz anders zeigte sich die Situation in Lübeck, wo es den Rabbinern und der jeweiligen Gemeindeleitung bis zur gewaltsamen Auflösung und Vernichtung gelang, eine Einheitsgemeinde orthodoxer Denomination zu konservieren.

Wie nun analysiert bzw. diagnostiziert Carlebach den Zeitgeist, welche Feststellungen trifft er zur geistig-religiösen Situation der Lübecker Juden?
Lassen Sie uns dazu hineinhören in eine Rede, die der Rabbiner am 29. Mai 1900 anläßlich der Eheschließung von Iwan Meyer (geb. 1872) und Anna Cohn (geb. 1877) im Hause Hermann Meyers, des langjährigen Gemeindevorsitzenden, hielt:
„... Wir leben in einem Militärstaat, und wie die Dinge sich zu entwickeln scheinen, werden bald alle Völker auf Erden Militärstaaten und jeder Mann der geborene Soldat sein. Das hat neben seinen unleugbaren Nachteilen auch ganz außergewöhnliche Vorzüge. Dadurch lernen alle Menschen, ihre Kräfte und ihre ganze Person in den Dienst der Gesamtheit zu stellen, sie lernen Unterordnung und unbedingten Gehorsam.
Alle, welche den Waffenrock getragen, haben die Einsicht erworben, daß es e i n e n Willen gibt, dem alle, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, zu folgen haben, daß alle gemeinsame Pflichten haben und dennoch jeder wiederum seinen besonderen Posten auszufüllen hat, der ihm besondere eigene Verantwortung auferlegt, der seine ganze Aufmerksamkeit so sehr beansprucht, daß er gar kein Verlangen trägt, sich in andere Angelegenheiten zu mischen, die er nicht wissen soll oder nicht zu wissen braucht. So ist die Dienstzeit eine treffliche Vorschule für das ganze spätere Leben, aber auch nicht minder vorbildlich für die religiösen Anforderungen. Denn die ganze Natur, alle Wesen sind die Scharen des Weltenherrn, und Er, der Herr der Heerscharen, der Ewige Zebaot, ist der oberste Kriegsherr. Seinem Willen haben alle zu gehorchen..."
Das sei die unergründliche Weisheit, die wir Menschen erlernen und begreifen, die wir nach bestem Verstehen und Können ausführen müßten. Denn diese Ordnung, dieser Bau der Welt, offenbare nicht nur wunderbare Weisheit, sondern vor allem optimale Zweckmäßigkeit.
„Sie, verehrter Bräutigam, haben mit Auszeichnung des Kaisers Waffenrock getragen, Sie sind Mitinhaber eines großen, weit verzweigten Geschäftes, dessen gedeihliche Entwicklung, wie jedes größere Unternehmen, auf militärischer Ordnung beruht, daß alle e i n e m leitenden Willen gehorchen, jeder aber auch seinen besonderen bestimmten Posten ganz ausfülle, jeder auf die Zuverlässigkeit des Mitarbeiters rechnen könne, keiner in das Gebiet des anderen unbefugt übergreife, so wie auch er niemandes Übergriffe dulden wird..."
Und ebenso würden diese Sachverhalte auch in der Ehe, im Gemeindeleben, in allen öffentlichen Angelegenheiten der Stadt und des Staates funktionieren.

Das ist Carlebachs Weltbild und seine Diagnose im Jahre 1900.
15 Jahre später, im Mai 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, hält er zum Wochenfest eine Rede in der Lübecker Synagoge, die er betitelt: „Das Heerwesen und die jüdische Erziehung“. Auf die Diagnose folgt die Therapie.
Sein Thema: Die Erklärung von Vers 9 des 119. Psalms: „Womit kann, soll der Knabe seinen Pfad gut gestalten, glücklich machen? Indem er hütet nach Deinem Worte".
In der Übersetzung Martin Luthers:
„Wie wird ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen?
Wenn er sich hält an deine Worte".
In meinen Worten: Wie, wozu, mit welchen Mitteln und Methoden erzieht man einen jungen jüdischen Menschen?
Die werte-orientierten Antworten Carlebachs geben Auskunft über dessen neo-orthodoxes Menschenbild, das er lebenslang lehrte und praktizierte.
Dr. Peter Guttkuhn"

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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