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Dr. Peter Guttkuhn "Der Geniner Pastor und die Moislinger Juden"

10. Januar 2010 (HL-Red.) "Wir" haben ihn wieder. Drei Wochen war er diesen Gefilden "entflohnen". Gut sei es ihm gegangen, wenn er auch nun mit einer Erkältung zu tun hat, wie er schreibt. Lübeck-TeaTime freut sich sehr, ruft "Herzlich willkommen" aus und wünscht allerbeste Gesundung! Für wen? Nun, gemeint ist Dr. Peter Guttkuhn - klar, dessen Sonntagsbeiträge nun wieder Fortsetzung finden. Heute heißt es "Der Geniner Pastor und die Moislinger Juden".
Der Judengegner Brandes, der von 1802 bis zu seinem Tod 1834 in Genin - also in nächster Nähe der Moislinger Juden - lebte und amtierte, hat sich mehrfach beim Lübecker Landgericht über die ‚Hebräer' beklagt. Seine Bewertung derselben gab wohl einer unter Lübecks spätorthodoxer lutherischer Geistlichkeit immer noch vorherrschenden Meinung paradigmatischen Ausdruck:

„Bey Erwähnung einiger Punkte, die Juden in Moisling betreffend, will ich an das ungünstige, aller geselligen und religiösen Liebe fremde Verhältnis nur leise erinnern, ich meine das zwischen ihnen und den Christen, und beiläufig bemerken, daß Vertrauen und Eintracht dem erstarrten, befangenen und von Wahn und Dünkel betrübten Judengeiste ewig fremd bleiben werde.
Sichern Ansichten und Erfahrungen zufolge muß man diesen wandernden und zerstreuten Enkeln Abrahams eine eigne Colonie oder eine duldende Aufnahme in einer volkreichen Stadt wünschen. Die Gründe für diese Bemerkung liegen klar am Tage. Ich berühre zuerst ihre häßliche Widerspenstigkeit, die Anzeigen der Geburten etc., laut früherer Verordnung Eines Hochweisen Rathes und mehrfachen Mahnungen E. W. Landgerichts, bei mir zu machen.
Dieser Menschenschlag, vom dümmsten Stolz gegängelt, ist weder zur Ordnung, die nicht von Jehova, noch zum Gehorsam, der nicht von Mose geheißen ist, hinzuleiten; und der christliche Prediger ist in ihren Augen ein Goi, ein Canaaniter, ein Verfluchter.“

Beide Seiten - Christen wie Juden - hatten weder zu einem respektvollen dienstlichen noch privaten Verhältnis gefunden. Vielmehr sah sich Pastor Brandes veranlaßt, die staatliche Obrigkeit verleumderisch-denunzierend aufmerksam zu machen auf weit über 100 Jahre alte Gebräuche im interkonfessionellen Zusammenleben der Moislinger Dorfbewohner:

„Der vollen Beherzigung werth hab ich schon längst das Betragen der jüdischen Hausväter und Mütter gegen ihre christlichen Dienstboten und Sclaven geachtet. Am Sabbath wie an Festtagen faulenzen anscheinend ehrbar die dienenden Christenmädchen, und an unsern Sonn- und Festtägen müssen sie die schwersten Handarbeiten verrichten und werden abgehalten vom Besuch der Kirche. Wie können von einer so geleiteten dienenden Classe Unglaube, Roheit und Sittenlosigkeit ferne seyn! Ich sprach von Sklaven.
Die Juden, im Taumel ihrer erträumten Herrschaft und Herrlichkeit, an festlichen Tagen und Sabbaten erkaufen sich für ein Spottgeld Männer, Frauen und Kinder der Christen, die in der Synagoge und in ihren Häusern die Lüster putzen und die niedrigsten Dienste verrichten müssen. Eine christliche Obrigkeit wird schon dieser Erniedrigung zu steuern wissen".

Der an der Aufgabe, jüdische Zivilstandsregister zu errichten, gescheiterte und daher frustrierte evangelische Geistliche ließ seinem lang aufgestauten Unmut und Haß freien Lauf. Er bediente sich alter, gängiger Topoi, die er zum Teil auch der emanzipationsfeindlichen Literatur entnahm. Juden würden Christen ihrem Glauben entfremden, sie ausbeuten, ja versklaven. Durch wirtschaftliche, gesellschaftliche und religiöse Beziehungen zwischen Juden und Christen könnten letztere nur verlieren, würden in Unglauben, Rohheit und Sittenlosigkeit verfallen.

Die pauschalen mittelalterlichen Vorurteile, die der Geistliche pflegte, entsprachen durchaus denen, die auch die Krämer verbreiteten. Daß die gelebte Wirklichkeit der kleinen Leute in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anders aussah, machte ausgerechnet das Beispiel von Brandes' stellvertretendem Küster an der Geniner Kirche - des Moislinger Schlossers Ohlsen - deutlich, der jahrzehntelang auch in der Moislinger Synagoge Dienst tat."

Dr. Peter Guttkuhn

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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