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Lettre International Nr. 87 / Neue Ausgabe

11. Dezember 2009 (HL-Red.) Lettre International GmbH teilt mit: "Lettre aktuell Nr. 4/2009/Lettre International Nr. 87 / Neue Ausgabe:
Liebe Leserinnen und Leser, keine winterliche Schneeflocke, sondern die Computertomographie eines Gehirns ist das Titelmotiv der neuen Ausgabe von Lettre International. Es gehört zu der Aufnahmenserie, die vom Kopf des chinesischen Künstlers Ai Weiwei zur Vorbereitung einer Notoperation gemacht wurde, nachdem er von chinesischen Sicherheitskräften zusammengeschlagen worden war. Anlass für das brutale Vorgehen der Behörden waren die Nachforschungen des Künstlers im Zusammenhang mit dem Erdbeben in Sichuan und seinen unzähligen Opfern, darunter viele Schulkinder. Man wollte seine Zeugenaussage verhindern. Als wir Ai Weiwei um einen künstlerischen Beitrag für die aktuelle Ausgabe von Lettre baten, schickte er uns die Computertomographien seines von den Schlägen traumatisierten Gehirns. Die verschiedenen Schnitte zeugen nicht nur von der Verletzbarkeit einer überaus empfindlichen organischen Struktur, sondern dokumentieren ebenso unabweisbar einen Angriff auf die nicht minder konkrete, nicht minder fragile geistige Existenz eines Menschen, auf seine Würde, Freiheit und Einzigartigkeit.

Nach der enormen und politisch folgenreichen Medienresonanz, die das Berlinheft und besonders das Interview mit Thilo Sarrazin gefunden hat (einige Restexemplare sind noch zu haben!), freuen wir uns, die Winterausgabe von Lettre International mit einem üppigen Themenmenü vorstellen zu können.

Ein erster Gang des Wintermahls ist der Janusköpfigkeit von Umbrüchen gewidmet und behandelt die Bedrohung des Urheberrechts, den Typus der Samtenen Revolution, das Phänomen Berlusconi und die Dynamiken des Skandals. Ein Reisebericht aus Afghanistan leitet über zu einer reichen und komplexen Auseinandersetzung mit dem Blick des Orients auf den Okzident. Die großen und kleinen Dramen des Künstlerlebens werden aufgetragen: Mysteriöses von J. L. Borges, Intimes von Samuel Beckett, Wahrhaftiges von Francis Bacon und Psychologisches von Thomas Mann. Ort- und Wortlosigkeit verhandeln über Sprache und Emigration. Dazu wird aufgespielt: Jazz und Fado und elektronische Klänge. Zum Schluss: Verirrungen im Schachlabyrinth - wer wieder herausfindet, dessen Wünsche gehen in Erfüllung. Anspruchsvolles Kino, beseligende Musik, inspirierende Bücher: Wir bieten zauberhafte Prämien für neue Abonnements.

Ab heute liegt das Winterheft von Lettre International am Kiosk und im Buchhandel, an Bahnhöfen und Flughäfen oder ab Verlag (www.lettre.de) für Sie bereit.




Abbildung ü/u.a. Quelle



URHEBER OHNE RECHT

Im Zeitalter der Digitalisierung begreifen sich Bibliotheken nicht mehr primär als Büchern gewidmete Kultureinrichtungen, sondern als Vermittlungsinstitutionen von "Information", konstatiert der Medientheoretiker Uwe Jochum. Das Bibliothekswesen ist im Begriff, dem Netz als Hort des "Weltwissens" zu weichen. Damit einher geht die Entrechtung des Autors: So versucht die Deutsche Forschungsgemeinschaft, und mit ihr der Staat, Wissenschaftler dazu zu nötigen, Publikationen über "Open Access" entgeltfrei der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ist das ein Einfallstor für staatsmonopolistische Auftragsforschung?



UNRUHEZONEN

Der phänotypischen Beschreibung des Skandals in seinen Erscheinungsformen vom Skandalkult der Donaumonarchie bis zur zeitgenössischen Wirtschaftskrise und ihren skandalösen Euphemismen widmet sich Peter Nadas in einem Text über die bis in unsere Tage wirkende Poly- und Kakophonie Kakaniens und stellt fest: "Ein Skandal hat die Eigenschaft, nicht nur die Beteiligten, sondern auch seinen Gegenstand zu verschlingen, und zwar mit großem Spektakel, Beschuldigungen, Anrufungen, Gebrüll, dem wilden Gerassel von Polizei und Staatsanwaltschaft - im Stillen läuft jedoch alles weiter wie bisher ."


Die Charakterzüge eines historisch neuartigen Modells der Revolution beschreibt Timothy Garton Ash. Die Samtene Revolution von 1989 steht für einen revolutionären Idealtyp: gewaltlos, antiutopisch, kompromiß- und verhandlungsbereit, demokratisch gewollt oder gar gewählt. Lässt sich die Erfolgsgeschichte dieses Revolutionstypus' über das postkommunistische Europa hinaus für nicht-westliche Gesellschaften fortschreiben? Und kann man ohne revolutionäre Katharsis überhaupt noch von "Revolution" sprechen?


Den Fall Silvio Berlusconi durchleuchtet der Historiker Ernesto Galli della Loggia. Er erkundet die Hintergründe der Machtergreifung, den Zusammenbruch des traditionellen italienischen Parteiensystems, die Rolle der von Richtern und Staatsanwälten veranlassten Operation "Saubere Hände", das Phänomen der Lega Nord im reichen Norditalien, die Allianzen hinter Berlusconi, aber auch das Versagen der Linken, das zu dem Aufstieg des Populisten und Mediokraten geführt hat: Vakuum und Phänomen


Die portugiesische Journalistin Alexandra Lucas Coelho hat eine riskante Reportagereise durch Afghanistan unternommen: Als nicht eingebettete Journalistin besuchte sie Kandahar und Herat, Jalalabad, Mazar-e-Sharif, Band-e-Amir und Kabul. Auf Schlachtfeldern und in Kampfzonen, in Krankenhäusern und entlegenen Dörfern, in Städten und auf den Straßen begegnet sie Menschen, Afghanen und Ausländern, die in einem kriegszerrütteten Land versuchen, die Zukunft zu sehen: Tage in Afghanistan.


ORIENT UND OKZIDENT

Die Kritik des Orientalismus hat Stereotype des westlichen Blicks auf den Orient offengelegt. Aber wie sieht der Orient den Okzident? Abdelwahab Meddeb untersucht die ambivalenten Beziehungen zwischen Europa und der arabisch-islamischen Welt. Bekannt ist im Westen das Bilderverbot des Islam, aber er hat auch bilderreiche Traditionen. Der tunesisch-französische Islamgelehrte zeigt, dass das Bild im emotionalen Spektrum von Faszination und Zurückweisung, Akzeptanz und Ablehnung eine zentrale Rolle spielt. Im Bild und durch das Bild entscheidet sich der Blick, den der Islam auf Europa wirft, im Frieden wie im Krieg.


KÜNSTLERDRAMEN

Der argentinische Schriftsteller Héctor Abad fand in der Manteltasche seines auf offener Strasse ermordeten Vaters ein noch unbekanntes Sonett von Jorge Luis Borges. Jahrelang versuchte er, dessen Herkunft nachzuspüren. Das Ergebnis seiner detektivischen Recherchen waren fünf verschollene Sonette des großen, argentinischen Poeten und die fesselnde Geschichte ihrer Entstehung und ihres Schicksals. Die fünf wiedergefundenen Sonette von Jorge Luis Borges, deren Echtheit von der Borges-Erbin María Kodama nicht anerkannt wird, stellen wir erstmals auf Deutsch vor.


Am 22. Dezember jährt sich der Todestag von Samuel Beckett zum 20. Mal. Die Rundfunkredakteurin Barbara Bray war die langjährige Freundin, heimliche Geliebte, Muse, Vertraute und Mentorin des irischen Dichters. Zum ersten Mal überhaupt äußert sie sich in einem großen Gespräch mit dem polnischen Theatermacher Marek Kedzierski über ihre Beziehung zu Beckett und lässt ihre gemeinsame Zeit Revue passieren, eine Zeit des intensiven Gedankenaustauschs, der Übersetzungsarbeit, fruchtbarer wie mühsamer Phasen des Schreibens. Ihre Erinnerungen schöpfen aus der Liebe und der geistige Nähe zu einem Menschen, der behauptete: "Worte waren meine einzigen Lieben, nicht viele."

Barbara Bray hat uns bislang nie gezeigte Fotos zur Verfügung gestellt, die Beckett als Hüter des Feuers im Garten seines Landhauses in Ussey zeigen.


"Monsieur Beckett n'était pas mon mari!" Nein, Barbara Bray, war nicht mit dem irischen Dichter verheiratet, aber mit Hilfe der über siebenhundert Briefe, die sie von Beckett erhalten hat, ist sie dabei, ihre Erinnerungen an ihren Freund aufzuschreiben. Marek Kedzierski porträtiert die Frau, die Beckett als seinen Lebensmenschen bezeichnet hätte, hätte er das Wort gekannt: Rue Samuel Beckett


Worte schockieren, sie rühren und regen zu Bildern an, Körper und Farben erinnern an Gerüche, der Anblick von Fleisch erweckt Emotionen. In einem bislang unbekannten Interview aus den achtziger Jahren erzählt Francis Bacon von den Ursprüngen seiner explosiven Malerei in den Versen der attischen Tragödie, im bewegten Filmbild und der Fleischtheke des Londoner Harrods: Ein Gespräch über Kunst, das Leben im Rohzustand, Schönheit, Sex und Geld.


Bora Cosic spürt einer Urszene nach. Er entziffert das Gespräch Josefs mit seinem Vater Jakob, dem biblischen Urvater, indem er Thomas Mann folgt, der sich von Küssnacht nach Wien aufmacht, um am 8. Mai 1936 den 80. Geburtstag Sigmund Freuds zu begehen. Wir erleben die Begegnung von Dichtung und Forschung als gedankliche Reise durch Mythologie, das Unbewusste, geschlechtliche Irrungen und Menschheitsneurosen. Der Festakt erweist sich als Jahrmarktsvergnügen, es ist möglich, alles zu sagen, was man sonst nicht auszusprechen wagt: Der Wiener Jubilar.


Georg Stefan Troller, Erfinder des wunderbaren "Pariser Journals" im ZDF, fragt autobiographisch unterlegt, was der Verlust der eigenen Sprache für die aus dem deutschen Sprachraum emigrierten Autoren und Künstler während der NS-Zeit bedeutete. Er beschreibt Landschaften der Ortlosigkeit und Wortlosigkeit, seelische und schöpferische Verluste, das Empfinden der Ausgeschlossenheit, er untersucht den Verlust des Marktes, die wachsende Distanz zur eigenen Gesellschaft, die Reibereien unter den Emigranten, kurz: ihre vielschichtige, angeschlagene Psyche, ihre Verzweiflung, ihre Hoffnung und ihre Versuche, nach ihrer Rückkehr künstlerisch wieder Fuß zu fassen: Sprache und Emigration.


ÄTHIOPISCHE IMPRESSIONEN

Im Südosten Äthiopiens begegnet der Photograph Juan Manuel Castro Prieto Menschen und Landschaften von unberührter Schönheit. Eine magische Welt der Farben, in der körperliche Anmut mit dem Wuchs von Pflanzen und Bäumen wetteifert.


MUSIK UND MASCHINE

1915 lag eine Entscheidung in der Luft: "To Jazz or not to Jazz ". Damals war nicht nur Jazz-Musik ein Problem, auch der Name sorgte für Stirnrunzeln. Es hieß, Jazz stehe in einem Verhältnis zur Musik "wie eine Karikatur zu einem Porträt". Jed Rasula erklärt, wie die "Negro Music" sich innerhalb von 25 Jahren vom "musikalischen Laster" oder einer "Bordellmusik" zu einem "Kampf für eine neue Ausdrucksform, roh wie die Hieroglyphe des Kubismus, aber trotzdem authentische Kunst", entwickelt hat. Im Fieber des Jazz


Dem Fado mit seiner Betonung existentieller Schicksalhaftigkeit haftet der Ruch an, eine "altmodische" Form des Gesangs zu sein. Moderne Fadistas versuchen dem entgegenzuwirken, laufen dabei aber Gefahr, das urwüchsige Liedgut um seine Ausdruckskraft zu bringen. Die Pariser Fado-Liebhaberin Agnès Pellerin verfolgt die Musik der saudade, der Sehnsucht, bis an ihre Wurzeln, zu den tabernas der Hafenarbeiter und des Halbweltmilieus. Erst später, unter der Diktatur, erhielt der Fado seinen romantisch-verklärenden Touch.


In der Konfrontation von natürlich und künstlich hervorgebrachten, elektronischen Klängen sieht der berühmte Vertreter der Minimal Music und Opernkomponist John Adams (Nixon in China) den Hauptimpuls für sein kompositorisches Schaffen. Vom Tonband zum Synthesizer, vom digitalen Sequenzer zum Sounddesign: die neuen elektronischen "Instrumente" stimulieren eine Evolution der musikalischen Stile, verändern die musikalische Syntax, fördern die Erfindung neuer Formen und Rhythmen. Die Maschine im Garten


HOMO LUDENS

Über das königliche Spiel und unerschütterliche Genies, die Schach mit dem Leben verwechselt haben, meditiert der mexikanische Dichter Luigi Amara. Gibt es ein Leben außerhalb von Schach? Wir begegnen geduldigen Spielern, die ihre Züge tagelang überlegen können, Spielern, deren analytischer Geist schnell und weit ins Labyrinth des Spiels vorstößt - und sich manchmal darin verirrt, wie einst Michail Tal, "Magier von Riga" -, wir begegnen Bobby Fischer, Anatoli Karpow, Garri Kasparow und Viktor Kortschnoi. Im Schachlabyrinth


BRIEFE UND KOMMENTARE
Nicht nur ihrer heroischen Momente sondern auch ihrer Übeltaten sollen die Nationen gedenken, fordert Norman Manea und wünscht sich neben Heldendenkmälern Monumente der Schande. In den kuriosen Antiquariaten Lateinamerikas findet Antonio José Bonilla seltene Bücher und rares Glück. Martin Kämpchen reiste in die Klosterstadt Tawang im äußersten Nordosten Indiens und entdeckt ein tibetisch beflaggtes Tal. Was es mit der schwedischen Krimiliteratur und dem große Erfolg Stig Larssons auf sich hat, erörtert der Guardian-Kolumnist Andrew Brown. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer stößt Michail Ryklin auf die Moskauer Mauer in der russischen Gesellschaft.

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Quelle: Lettre International GmbH, Berlin (mit freundlichem Dank)



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