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Dr. Peter Guttkuhn: Das Moislinger jüdische Gemeinderecht

06. Dezember 2009 (HL-Red.) Auch heute wird in Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge" fortgesetzt:
Das Moislinger jüdische Gemeinderecht - Von Dr. phil. Peter Guttkuhn:
Das schriftlich fixierte jüdische Religionsgesetz (Halachá) - die Gesamtheit der das jüdische Leben bestimmenden und strukturierenden Vorschriften - und die stetig praktizierten religiösen Lokalbräuche (Minhagim) bildeten von Anfang an die Grundlagen des Moislinger jüdischen Gemeinderechts. Beide Kriterien bedingten einander, wobei den einmal eingeführten lokalen Observanzen Priorität eingeräumt wurde.

„Solange eine geschriebene Gemeinde-Ordnung nicht vorhanden ist, kann es in Gemeindesachen, sofern diese durch obrigkeitliche Verfügungen nicht etwa geregelt sind, keine andere Richtschnur für die Ältesten geben außer dem, was die Religion und das Herkommen mit sich bringen. Beide ergänzen und befestigen einander gegenseitig".

Und weil es in Moisling niemals eine schriftliche Gemeindeordnung gegeben hatte, blieb diese grundsätzlich von allen Mitgliedern akzeptierte Richtschnur bis zur Emanzipation 1852 die Rechtsgrundlage für das Handeln aller Gemeindeältesten.

Die Gemeinde bestand aus ‚wirklichen, eigentlichen, vollen' Mitgliedern, Mitgliedern ‚im engeren Sinn', auch „Einverleibte" genannt, und ‚solchen, die es nicht sind', Mitgliedern ‚im weiteren Sinn', „Hinzugefügten". Diese Unterscheidung in zwei Klassen der Mitgliedschaft gab es in Moisling seit Gründung der Gemeinde.
Volles Mitglied war jeder verheiratete Mann. Er hatte sich 14 Tage vor der Trauung bei den Ältesten zu melden und Courantmark (CtM) 9.- in die Gemeindekasse zu zahlen. Daraufhin wurde er in das Register der Vollmitglieder eingetragen. Zwar mußte er von nun an einen höheren Wochenbeitrag leisten, bekam dafür jedoch einen bestimmten Platz in der Synagoge für sich und - soweit möglich - auch für seine Frau, besaß Anspruch auf den Genuß der Gemeindeinstitution für sich und seine Familie und war nach drei Jahren in allen Gemeindeangelegenheiten stimm- und wahlfähig.
Das Vollmitglied konnte im religiösen Bereich zu jeder Ritualhandlung zugelassen werden, die auf Grund der Ritualgesetze nicht für den Rabbiner oder sonst jemanden vorbehalten ist. Nur die Knaben der Vollmitglieder durften in der Synagoge beschnitten werden, ihren Namen erhalten und zur Bar Mizwa auf Anforderung selbst das Kapitel aus der Tora vor der Gemeinde lesen. Vollmitgliedschaft umfaßte auch den unveräußerlichen freien Besitz und die Unantastbarkeit am Boden der eigenen Grabstätte auf dem Moislinger Begräbnisplatz, dem ‚Haus des Lebens', für ‚ewige Zeit'.
Das volle Gemeinderecht wurde, wie in allen jüdischen Gemeinden, auf zweifache Weise erworben: Entweder vererbte es der Vater auf den Sohn, dann mußte der Betrag von CtM 3.- an die Gemeindekasse gezahlt werden, oder es wurde erkauft, dann forderten die Ältesten CtM 25.- vom Bewerber.

Mitglieder im weiteren Sinn, also minderen rechtlichen Status', waren in Moisling alle unverheirateten Personen - männlichen oder weiblichen Geschlechts -, die ihren eigenen Unterhalt verdienten. Mehrfach verglichen die Ältesten das Moislinger Zwei-Klassen-Gemeinderecht mit der unterschiedlichen Rechtslage, die zwischen Bürgern und Einwohnern im lübeckischen Stadtstaat bestand. Es entschied im Wesentlichen nicht nach der Frage, ob jemand einheimisch oder fremd sei, sondern danach, ob das volle Gemeinderecht vorlag oder der mindere Status. Nach diesem System hatten sich praktisch alle Gemeinden in Deutschland organisiert. Es sicherte die Vorherrschaft der Bemittelten.

Dr. Peter Guttkuhn"

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.



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