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Gioacchino Rossinis "Alterssünden" im Gesprächskonzert

24. November 2009 (HL-red.) "Es war ein faszinierendes Gesprächskonzert im Großen Saal des Gesellschaftshauses", schreibt Lutz Gallinat. Und weiter: "Im Rahmen der Dienstagsvorträge der Lübecker "Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit" beschäftigten sich Dr.Joachim Noller (Vortrag) und Marija Jankova Noller (Klavier), Hamburg, unter dem Motto "Genug des Mementos: tanzen wir!" mit Gioacchino Rossinis "Alterssünden".
Eine noch kaum ausgeschöpfte Fundgrube bilden die späten Klavierstücke. Es sind rund hundert, in verschiedenen Alben gesammelt. Köstlicher Humor und Abgründigkeit stehen in ihnen dicht nebeneinander. In ihren Titeln und auch darin, dass sie mitunter bizarre Textkommentare enthalten, weisen sie schon geradewegs auf Erk Satie voraus: Neben normalen "Barcarolen" und "Romanzen", "Walzern" und "Märschen" finden sich Stücke wie "Quatre hors-d`oeuvres" (Radieschen, Anchovis, Cornichons und Butter) oder "Quatre mendiants" (Studentenfutter) mit Trockenen Feigen, Mandeln, Nüssen und Rosinen. Im "Album für die aufgeweckten Kinder" erscheinen "Etude asthmatique" und "Fehlgeburt einer Polka-mazurka"; man findet einen "gefolterten Walzer" und eine "Valse antidansant". Besondere Geläufigkeit erfordert der "Rizinuswalzer", und die auskomponierte Morgendusche "Mon prelude hygienique du matin" mag den Spieler erfrischen. Franz Liszt sei imstande, meinte Rossini, selbst aus seinen Stücken noch etwas zu machen. Und sicherlich hat er, wenn er zu einer der Soireen in der Villa von Passy erschien und sich ans Klavier setzte, aus den stereotypen mechanischen Spielfiguren des "Hachis romantique" noch manche "romantische" Melodie herausklingen kassen oder ein Stück wie "Ouf! Les petits pois" mit trockenem Witz interpretiert.
Neben solchen Titeln begegnen ebenso merkwürdige Kommentare in den Noten. Man spürt die Nähe zu den Bouffe-Parisiens, Kabarettlaune, aber auch Anflüge von Melancholie. Das bekannteste Stück ist jener "Petit train de plaisir" ("comico-imitatif"), in dem Rossini, lange vor Johann Strauß` entsprechender Polka, mit musikalischen Mitteln eine Eisenbahnfahrt schildert- von vornherein bemerkenswert bei einem Mann, der prinzipiell die moderne Technik mied- selbst seine Urne, bat er, sollte nicht per Bahn transportiert werden. Was dem "Kleinen Vergnügungszug" passiert und wie Rossini es kommentiert, ist auch keineswegs nur vergnüglich: zunächst verläuft die Fahrt zwar heiter; an der ersten Haltestelle "reichen die Pariser Salonlöwen ihren Täubchen die Hand zum Aussteigen". Bei der Weiterfahrt jedoch entgleist "entgleist der Zug schrecklich": es gibt Verwundete und Tote, von denen der erste- aufsteigendes Arpeggio"- "ins Paradies", der zweite "absteigend" "in die Hölle" kommt. Nach dem "Trauermarsch" folgt unmittelbar ein übermütiger Tanz mit dem Titel "Bitterer Schmerz der Erben".
Ein besonderes Beispiel, das allgemeinen musikalischen Witz und konkreten Spott verbindet, ist "Petit Caprice" (style Offenbach), in dem Rossini den wenig geliebten Kollegen, der während der sechziger Jahre in Paris Triumphe feierte, amüsant parodiert. Die Spielvorschrift lautet "Allegretto grotesco", und es ist bemerkenswert, wie quasi improvisatorische Züge und kalkulierter Witz, hoher virtuoser Anspruch (zum Beispiel Oktavglissandi) und penetrante Simplizität (im Mittelteil, einer scharfen Parodie auf den Offenbachschen Cancan-Typus) miteinander verbunden sind. Besonders auffallend sind hier- wie auch sonst in den späten Stücken- besondere harmonische Wendungen, und der Kritiker Eduard Hanslick fand es anlässlich eines Besuchs in Passy "doch interessant, dass der Styl des fündundsiebzigjährigen Sängers von Pesaro überhaupt noch einer neuen charakteristischen Wendung fähig war".
Gegen Schluss des wehmütig-selbstironischen Klavierstücks "Marche et reminiscences pour mon dernier voyage" steht eine kurze Passage, die Rossini "Mon POrtrait" genannt hat: ein heiterer Aufschwung, grazioso e leggero, der in munteren Kapriolen wie eine Jodlerfiguration ausläuft. So also sah er sich, so wollte er gesehen werden.
Dr. Joachim Noller führte sachkundig und kenntnisreich in das Werk und Leben Rossinis ein und Marija Jankova Noller bot die reizvollen Klavierstücke virtuos und brillant und mit viel Verve und Esprit.
Das Gesprächskonzert gemeinsam mit der Lübecker Musikschule löste eine rege Diskussion aus. Die beiden Akteure wurden schließlich mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

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