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Dr. Peter Guttkuhn: (Das Dorf) Moisling brennt!

22 . November 2009 (HL-red.) Auch heute wird in Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge" fortgesetzt:
"Moisling brennt!
Am 18. April 1839 wurde das Dorf Moisling zum dritten Mal von einem Brandunglück betroffen. Drei (christliche) Bauernhöfe mit allen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden sowie 13 Häuser „zumeist armer Juden-Familien" brannten vollständig nieder. 22 Familien wurden obdachlos und verloren den größten Teil ihrer Habe. Eine alte Frau verletzte sich bei dem Versuch, Waren aus ihrem brennenden Haus zu retten.
Der Dorfarzt Dr. med. Wilhelm Levens (1803-1859) leistete allen Betroffenen medizinische Hilfe und versorgte die Verletzten. Nach vier Stunden konnte das Feuer gelöscht werden, „wobei die rühmlichen Anstrengungen der Bewohner des Orts, namentlich aber die der jüdischen Bevölkerung, nicht genug gelobt werden können".
Tags darauf veröffentlichte der Geniner evangelisch-lutherische Pastor Carl Gustav Plitt (1808-1878) in der Stadt und den Dörfern Genin und Moisling einen „Aufruf zur menschenfreundlichen Hülfe".Darin baten sowohl sein Vater, der Senator Heinrich Gustav Plitt (1777-1841), als auch der Hauptmann Carl Heinrich Ahrens (1795-1880), Kommandeur der Lübecker Feuerwehr und der Lübecker Bürgergarde, in der Stadt um Spenden für die Moislinger Brandopfer. Er, der Geniner Pfarrer, und der Pächter des Gutes Moisling, Friedrich Unruh, stünden in derselben Sache als uneigennützige Ansprechpartner im Landgebiet zur Verfügung.
Der Spendenaufruf fand starke Resonanz, setzte traditionelles soziales Engagement frei und bewirkte eine bemerkenswerte Solidarisierung.
Alle Obdachlosen konnten vorläufig untergebracht werden, es gingen reichlich Kleiderspenden ein und 3.252 Courantmark (CtM) an Bargeld. Der Wiener Bankier Rothschild ließ durch sein Frankfurter Bankhaus CtM 124.- nach Moisling mit dem ausdrücklichen Bemerken überweisen: „halb für Juden, halb für Christen!"
Nicht ganz so paritätisch vergaben die vier Organisatoren der Hilfsaktion die eingegangenen Gelder an die Brandgeschädigten. Sie behielten 796 CtM zurück und legten diesen Überschuß zinsträchtig als Notversorgung für die Abgebrannten an. Damit, so begründete Pastor Plitt, habe man vermeiden wollen,
„entweder an solche zu geben, welche zwar viel verloren, aber nicht sehr hülfsbedürftig sind, oder an solche - und zu diesen gehört die Mehrzahl -, welche zwar sehr hülfsbedürftig sind, aber nicht viel zu verlieren hatten, und deshalb den Brand - falls man eben mehr gäbe - als ein günstiges Ereigniß ansehen würden".
Gemäß dieser Maxime erhielten die geschädigten Juden eine Bargeldbeihilfe von insgesamt 892 CtM - etwa 10 % ihres deklarierten Vermögensschadens -, die Christen, die mehr besessen und mehr verloren hatten, CtM 1.564.-
Weil die abgebrannten Häuser der Moislinger Juden städtische Gebäude gewesen waren, mußte die Hansestadt Lübeck für Neubauten sorgen. Zu diesem Zweck stellte der Senat am 31. Juli 1839 CtM 9.200.- zur Verfügung.
Da die Bürgerschaft in dergleichen Fällen das Recht der Mitbewilligung besaß, kam es zu dem erwarteten Einspruch der Krämer-Kompanie. Der Staat verwende sein Geld falsch, er müsse damit für eine Verminderung der sich stark vermehrenden Juden sorgen und
„durch Ausgelobung verhältnismäßiger Prämien für den Fall einer nachgewiesenen Aufnahme in fremden Territorien, acht bis zwölf der ärmern Moislinger Familien jüdischer Religion zur Auswanderung aus lübeckischem Gebiete bewegen".
Zwischen 600 und 1.200 CtM solle man jüdischen Familien bieten, um sich ihrer zu entledigen.
Das war die Reaktion der Lübecker Krämer auf das Moislinger Brandunglück. Der Senat lehnte ab und ließ die Häuser wiederaufbauen.

Dr. Peter Guttkuhn

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.


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