Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren. Klicken Sie hier für weitere Informationen.
Hier klicken, um diese Nachricht nicht mehr anzuzeigen.



Agentur für Arbeit Lübeck

Kultur Wissenschaft Ausbildung

Dr. V. Scherliess sprach zu Manns "Musikroman" Dr. Faustus

6. November 2009 (HL-red.) Auch in die "Gemeinnützige" fand in diesen Tagen Lutz Gallinat. Dort erfuhr auch er vom kreierten Begriff "Musik-Roman" innerhalb des Vortrags von Dr. Volker Scherliess. Dazu schreibt Lutz Gallinat: "Es war eine anspruchsvolle und informative Soiree. Im Rahmen der erfolgreichen Veranstaltungsreihe "Litterärisches Gespräch" hielt Prof. Dr. Volker Scherliess (Lübeck) im vollbesetzten Bildersaal der Lübecker "Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit" einen Vortrag zum Thema "Thomas Manns "Dr. Faustus"- ein Musik-Roman...".
Thomas Manns Roman "Doktor Faustus", 1947 erschienen, trägt den Untertitel "Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde". Er ist, wie der Autor erläuterte, "ein Musiker-, oder noch richtiger, ein Musik-Roman". Vielfältig sind die Bezüge zur Tonkunst - ihrer historischen Entwicklung wie ihrer unmittelbaren damaligen Gegenwart.
Thomas Mann hat Ideen, Material und Formulierungen reichlich aus der zeitgenössischen Musik- und Kunstdiskussion und aus persönlichen Gesprächen mit Theodor W. Adorno wie auch mit dem Komponisten Arnold Schönberg in Los Angeles geschöpft. So wird dessen "Zwölfton- und Reihentechnik" unter ausdrücklichem Hinweis auf seine Urheberschaft in einer Nachbemerkung zum Roman auf die Leverkühn-Figur übertragen. Insbesondere aus Adornos "Philosophie", gedruckt 1949, übernahm Mann wesentliche Gedanken und nur wenig veränderte Textpassagen; er ließ sich von ihm auch in musikalischen Detailfragen. Adornos Mitarbeit an den musikalischen Partien des Romans reichte von der berühmten Beschreibung von Beethovens Klaviersonate op.111 bis zu den imaginierten Kompositionen Leverkühns. Außerdem verkehrte Thomas Mann freundschaftlich mit einer Reihe hervorragender Musiker wie Igor Strawinsky, Ernst Krenek, Bruno Walter und anderen, die er auch um fachlichen Rat fragen konnte.
Tatdsächlich entsprechen das Oeuvre und die ästhetischen Ideen des Komponisten Leverkühn sehr viel mehr Adornos als Manns persönlichem Musikgeschmack. Einen Ausweg aus der Kunstkrise sucht Leverkühn in der Verbindung von archaisierenden Formen und Ausdruckswerten mit bewusst kalkulierender Kompositionstechnik, in der "Vereinigung des Ältesten mit dem Neuesten". Daraus entstehen Werke, die dem Künstler zu Lebzeiten nur esoterischen Ruhm verschaffen, die für Kenner jedoch die zukünftige Entwicklung markieren.
Für den Roman ergibt sich daraus ein kaum auflösbarer Widerspruch: Leverkühns "Neue Musik" ist seinem persönlichen Teufelspakt entsprungen, dem auf der historischen Ebene die Unterwerfung Deutschlands unter den Faschismus entspricht. Leverkühn stünde insofern auch für den faschistischen Ungeist; zugleich aber würde seine Musik in ihrer kompromisslosen Radikalität zweifellos unter das Nazi-Verdikt der "entarteten Kunst" fallen, worauf auch Zeitblom gelegentlich hindeutet. Problematisch ist also nicht so sehr die Beschreibung der Musikkrise als vielmehr ihre Parallelsetzung mit der historisch-politischen Allegorie.

Der erhellende Vortrag war auch aufgrund der vielen Zitate aus dem Roman und der aufschlussreichen Ton- und Bilddokumente sehr anschaulich und lebendig. Es folgte dann eine rege Diskussion. Der Referent wurde schließlich mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

Impressum