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249." Lit. Frühschoppen" zum 100. Todestag von Liliencrons

27. Oktober 2009 (HL-red.) Es war eine anspruchsvolle Würdigung. Vor hundert Jahren starb der Autor Detlev von Liliencron in Alt-Rahlstedt. Aus diesem Anlass boten Anja Katharina Grumann von der Gruppe "Hamburger Schauspieler" und Günter Pahl-Keitum (Pinneberg) beim 249."Literarischen Frühschoppen" des "Lübecker Autorenkreises und seine Freunde e.V." am letzten Sonntag im "Alten Zolln" eine Hörfolge "Detlev von Liliencron-Artist-Royalist-Anarchist." Lutz Gallinat schreibt dazu: "Detlev von Liliencron, eigentlich Friedrich Adolph Axel Freiherr von Liliencron, wurde am 3.6.1844 in Kiel geboren und starb am 22.7.1909 in Alt-Rahlstedt bei Hamburg, wo sich auch seine Grabstätte befindet. Er war Lyriker, Novellist, Romancier, Epiker und Dramatiker.
Liliencrons Werk, das naturalistische Ansätze wie symbolistische Tendenzen aufweist, ist weniger einer bestimmten Strömung zugehörig, etwa dem literarischen Impressionismus, sondern ist als elementares Einzelphänomen in der Übergangsphase zur Moderne zu würdigen. Auch die Schablonen vom holsteinischen Heimatdichter, vom Urbild eines preußischen Offiziers und norddeutschen Junkers, der nebenbei Verse schmiedet, oder vom draufgängerischen Lebemann, der dem flüchtigen Genuss nachjagt, werden Liliencrons Bedeutung kaum gerecht.
Als Bahnbrecher in die Zukunft weisender Ausdrucksmöglichkeiten, konträr zur epigonalen bürgerlichen Gründerzeitpoeterei, erscheint der fast 40jährige Liliencron in seiner ersten Lyriksammlung „Adjutantenritte und andere Gedichte“, Leipzig 1883, unter dem Titel „Kampf und Spiele“, Berlin 1897. Diese ungekünstelte „Vorpostenlyrik“, die reflektierender Moral oder symbolischen Tiefsinns entbehrt, reiht ohne Detailgenauigkeit in pointilistisch-sprunghaftem Verfahren, das nicht ausmalt, sondern andeutend ausspart, einzelne Augenblicksstimmungen und Momentbilder aneinander. Unmittelbare Naturhaftigkeit und Gefühlswahrheit charakterisieren diese Darstellungen von Selbsterlebtem im Umkreis von Natur und Liebe, Tod und Schicksal, Träumen und Visionen. Dabei bedient sich Liliencron einer betont zwanglosen, musikalischen rhythmisierten Sprache, die auch umgangssprachliche Derbheiten kennt und auf charakteristische Weise Formzwang und Gestaltungsfreiheit verbindet.Die befreiende Ungezwungenheit seiner Lyrik ließ ihn zum gefeierten Idol der Naturalisten werden, wenngleich ihm jeder Fortschrittsoptimismus abging.
Zu Lebzeiten in weitgehend kritikloser Überschätzung aufgenommen, erschien nach 1918 das Werk des monarchistischen Konservativen wenig zeitgemäß. Seine katalysatorenhafte Bedeutung im Entstehungsprozess der literarischen Moderne – so ließen sich auch Rilke und George von ihm beeinflussen- wird heute allgemein anerkannt.
Anja Katharina Grumann und Günter Pahl-Keitum rezitierten zum Teil im Wechsel und auch synchron mit viel Verve und Esprit, nuanciert und mit großem Einfühlungsvermögen. Günter Pahl-Keitum hatte bei diesem Essay im Dialog eine hervorragende Textauswahl getroffen. Er verband bei seinem luziden Vortrag Wissenschaftlichkeit und Literarizität. Die vielen Facetten des reichhaltigen Lebens Liliencrons und sein kulturelles und politisches Umfeld waren bei dieser Matinee gegenwärtig geworden.
Beide Akteure wurden schließlich von den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat


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