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Agentur für Arbeit Lübeck

Kultur Wissenschaft Ausbildung

Lutz Gallinat zu "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"

13. Oktober 2009 (HL-red.) Das "Wagner trifft Mann"- Projekt ging in die 3.Runde: Auf Richard Wagners "Siegfried" folgte nun am 2.Oktober 2009 im Großen Haus des "Theater Lübeck" die Uraufführung von "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Lutz Gallinat schreibt dazu: "Der letzte abgeschlossene und nur pro forma eine Fortsetzung versprechende, 1954 erschinene Roman des Autors verdankt sich, ähnlich wie das Epochenwerk "Doktor Faustus", einem Plan aus seinen Jugendjahren und steht daher ganz im Zeichen der Künstlerproblematik. Er wendet sie freilich, anders als der Faust-Roman oder auch "Der Tod in Venedig", der die Arbeit am "Felix Krull" zunächst zum Stillstand kommen ließ (1910/11), ganz ins Spielerisch-Parodistische, ohne deswegen die mythologischen Bezüge zu opfern. Anregegung zu diesem Plan bot, wie der Autor betont hat, "die Lektüre der Memoiren Manolescu`", eines im Vorkriegseuropa prominenten Hochstaplers, erschienen 1905; und beim eigenen Vorhaben "handelte es sich natürlich um eine neue Wendung des Kunst- und Künstlermotivs, um die Psychologie der unwirklich illusionären Existenzform".
Schon auf den ersten Blick tritt die humoristische, in vielen Szenen drastisch komische Qualität der Erzählung zutage. Sprachlich resultiert sie aus dem Schwanken der Erzählstimme zwischen gravitätischer Selbstgefälligkeit und einem leichten, spöttischen Ton, der durchgängigen Unernst bei der Betrachtung der Welt und der Menschen artikuliert. Die äußere Handlung wird durch Situationen und Effekte der Überraschung, Vertauschung und Verwechslung - quer durch Nationalitäten, Generationen und soziale Schichten- strukturiert: Krull verwandelt sich in Venosta, aus Venosta wird Kroull, der eine liebt Zaza, der andere Zouzou, die zu guter Letzt noch von ihrer Mutter ersetzt wird.Einerseits sind dies bewährte Effekte der Komödientradition; beim ersten Tennisspiel des großspurigen Debütanten darf man sogar von filmischen "Slapstick"-Effekten sprechen, zumal Thomas Mann mit Charlie Chaplin bekannt war. Andererseits lässt sich im Spielerisch inszenierten Wechsel der Rollen und Erscheinungsformen ein tiefgreifendes Motiv Schopenhauer`scher Prägung erkennen, das ja auch Thomas Manns Lebenswerk durchzieht: die prinzipielle Nichtigkeit der Individualität.
Verwunderlich wäre es, wenn der Autor, bei aller Faszination der spielerischen Oberfläche, der Gesellschaftskomödie nicht auch eine mythopoetische Tiefendimension verliehen hätte: Die Figur des liebenswürdigen Hochstaplers ist unübersehbar nach dem Muster des göttlich-selbstverliebten Jünglings Narciss gestaltet; zugleich bietet sie eine weitere Verkörperung und Variante der Hermesfigur- hier als Gott der Diebe, als göttlicher Bote und Verführer, nicht so sehr als Todesbote wie in der Venedig-Novelle.
Romantypologisch sind die "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" als Kombination von Autobiographie und Schelmenroman angelegt, wobei der Bildungs- und Entwicklungsgedanke der Autobiographie permanent durch die Abenteuer des Schelms konterkariert wird, der alle Widerstände und Konflikte mit List und Tücke bewältigt, ohne dadurch aber jemals an Erfahrung und Einsicht zu gewinnen. Auch dieser strukturelle Widerspruch löst sich immer wieder in komischen Effekten auf.
Mit seiner zentralen Thematik von Identitätskrise und Rollenspiel fügt der Text sich aber auf überraschende Weise in die deutschsprachige Nachkriegsliteratur ein- im selben Jahr 1954 erschien etwa "Stiller" von Max Frisch- und erzielte in der frühen Bundesreoublik, trotz oder möglicherweise auch wegen einer gewissen erotischen Freizügigkeit, einen beträchtlichen Publikumserfolg, der durch die außerordentlich populäre Verfilmumg von Kurt Hoffmann mit Horst Buchholz als Hauptdarsteller (1957) noch verstärkt wurde.
Stets waren bei dieser rasanten Aufführung Schopenhauers "Leiden am Weltwillen", Nietzsches Definition der Kunst als "Schein des Scheins" und Sigmund Freud, vor allem auch mit Thomas Manns Essay " Freud und die Zukunft", präsent.
Der Regisseur und Romancier Michael Wallner, durch seine intensive Bühnenversion von "Der Zauberberg" in der vorigen Saison hier bestens bekannt, bestritt mit demselben Team die neue Herausforderung: mit dem mehrfach als Bühnenbildner des Jahres ausgezeichneten Heinz Hauser, Tanja Liebermann (Kostüme) und Achim Gieseler (Musik).
Jörn Kolpe, der chamäleonhaft in verschiedene Rollen schlüpfen konnte,
verkörperte mit viel Verve, Esprit und Elan Felix Krull als eleganten, eloquenten jungen Mann. In seiner subtilen Bürger-Mimikry ist oft auch eine unterschwellige Homoerotik wahrnehmbar. Sven Simon bot einfühlsam und sensibel den zurückblickenden Felix sowie Thomas Manns Doppelbild. Er gefiel durch luzide Kommentare, die die Tiefendimensionen der Dramatisierung enthüllten und den jungen Felix Krull kontrastierten.
Joe Turpin spielte den Operetten-Tenor Müller-Rose. Ulrike Knospe war in den Rollen der Madame Houpfle und Madam Kuckuck zu sehen. Dirk Witthuhn setzte sich als Stabsarzt, Marquis de Venosta, Zazas Geliebter und Hoteldirektor Stürzli in Szene. Sina Kießling präsentierte Rosza, Zaza und Zouzou. Erich Krieg agierte als Rezeptionist, Lord Kilmarnock und Professor Kuckuck.
Das Stück glitt bisweilen allerdings in eine etwas seichte musikalische Revue ab und litt partiell an einer etwas zu prallen, derben Erotik.
Schließlich wurden aber am Schluss alle Akteure bei dieser bildkräftigen Inszenierung mit lang anhaltendem Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

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