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Kultur Wissenschaft Ausbildung

Dr. Peter Guttkuhn gewährt "Vorgeschmack" auf ein neues Buch

27. September 2009 (HL-red.) Heute setzen wir in Lübeck-TeaTime endlich die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge" wieder fort. Dazu schreibt der Autor: "Am 8. Oktober wird das Buch "Lübecker Lebensläufe" 289 Männer machen Lübeckische Geschichte, aber 15 Frauen auch" ... der Öffentlichkeit präsentiert. Sie erhalten hier ...
die alleinige Chance, auf den Beitrag "Vermehren"
zugreifen zu können, und zwar auf den 1. Teil.
Der zweite Teil erscheint dann am 4. Oktober (in Lübeck-TeaTime) ....". Das ist selbstverständlich eine große Ehre und das Angebot nimmt Lübeck-TeaTime sehr gerne wahr:
"Goethe, Schiller und der Lübecker Vermehren
Von Dr. Peter Guttkuhn
1. Teil
„Der arme Vermehren“, berichtete Goethe am 02. Dezember 1803 aus Jena an Schiller in Weimar, „ist gestorben. Wahrscheinlich lebte er noch, wenn er fortfuhr mittelmäßige Verse zu machen. Die Postexpedition ist ihm tödlich geworden“. Schiller kannte sowohl Goethes Einschätzung des Verstorbenen als auch die Anspielung. Es handelte sich um den Lübecker Romantiker und Privatdozenten der Philosophie Dr. phil. habil. Johann Bernhard Vermehren, den man zum Freundeskreis um die schillernde Figur Friedrich Schlegels (1772-1829) gezählt hatte. Und mit der ‚Postexpedition’ reflektierte Goethe Vermehrens Ehe mit der Witwe des 1796 verstorbenen Jenaer Reichspostmeisters Paul Eber, Elisabetha Henrietta Johanna Eber geb. Freiin von Eckardt. Die gebürtige Coburgerin galt in Jena und Weimar als lebenslustige Person.

Friedrich Schiller erinnerte sich, daß er im Mai 1789, als er in Jena seine erste Geschichtsvorlesung hielt und ein bislang nicht erlebtes Aufsehen erregte, von einigen Freunden mit eben jenem damals noch unverheirateten Frauenzimmer verkuppelt werden sollte. Doch er mochte weder das Mädchen noch die Familie des Geheimen Hofrats. Der 29-jährige neue Professor durchforschte zu jener Zeit nicht nur die europäische Geschichte, sondern auch die Damenwelt des Herzogtums Weimar. Er wurde nicht fündig. So beauftragte er den Freund Christian Gottfried Körner (1756-1831) im sächsischen Dresden: „Weißt Du mir eine reiche Partie, so schreibe mir immer!“

Lübeck: keine geistige Lebensform

Nachdem er im April 1796 zum Studium nach Jena gegangen war, geriet Vermehren vollends ins Jenenser Milieu, wurde mit Haut und Haren schwärmerischer Romantiker. Während eines Heimaturlaubs Ende 1799 rechnete der 22-jährige Doktor der Philosophie gegenüber Schiller mit seiner Vaterstadt ab: „Die Lebensweise hier in Lübeck ist durchaus nicht für mich, der Handelsgeist herrscht; ihm muß sich alles anschmiegen, er zieht alles, sowohl die sein wollenden Gelehrten als auch die, welche ernstlich auf ihre Bildung bedacht sind, zu sich herab.
Nur das Äußere hat Wert, der Mensch wird nach seinem Vermögen, nach seiner Schwere an Gold und Silber geschätzt, das Innere haben die Lübecker nicht erkannt, der Geist wird als eine Münze, die keine Kapitalia gibt, betrachtet und gerne den armen Gelehrten überlassen. Für das Schöne hat man wenig oder gar keinen Sinn, und in den Begriffen von Religion und Tugend, von Recht und Sittlichkeit ist man noch unbegreiflich weit zurück.

Schwer, sehr schwer, fast unmöglich wird es hier in Lübeck für einen jungen Mann, der noch keinen Namen, kein Ansehen, keine bedeutende Stimme hat, wenn er auch rege Tätigkeit besitzt und mit warmem Eifer für die Wahrheit erfüllt ist, sehr schwer wird es ihm, mit seinen Grundsätzen Eingang zu finden, in den alten gewohnten Gang einzugreifen und Abänderungen in den bestehenden Formen zu treffen“. Vermehren, Anhänger liberaler Reformen, hatte sich seiner Geburts- und Vaterstadt entfremdet, sich in dem schönen „Saal-Athen“, wie er das geliebte Jena zu nennen pflegte, verwurzelt.

Der Jüngling will hoch hinaus

In Lübeck war er am 6. Juni 1777 geboren und tags darauf über die Taufe der St.-Petri-Kirche gehalten worden - unter anderem von Catharina Elisabeth Tesdorpf, Witwe des vermögenden Weinhändlers Johann Hinrich Tesdorpf. Vater Bernhard Vermehren (1750-1824) betätigte sich als Seifensieder und Kaufmann, handelte mit russischen Waren, betrieb Speditions- und Kommissionsgeschäfte, späterhin ein gutgehendes Auktionsbüro.
Johann Bernhard besuchte seit dem 1. April 1788 das Lübecker Katharineum, das er nach dem Vortrag einer am 25. September 1795 in lateinischer Sprache gehaltenen kantisch-schillerschen Abgangsrede über die Freiheit mit Erfolg verließ.

Der junge Mann mit dem grenzenlosen Ehrgeiz, sich einen bedeutenden Namen zu machen, lernte auf Grund einer glücklichen Verkettung von Umständen Schiller kennen und erreichte, daß dieser in den Musen-Almanach für das Jahr 1799 eines seiner kleinen Gedichte aufnahm.
Im Tübinger Druck des Verlagsbuchhändlers Johann Friedrich Cotta (1764-1832) las man auf Seite 148, links, ein Goethe-Gedicht, rechts, Seite 149 und 150, ‚Armuth der Sprache’ von J. B. Vermehren. Der schwelgte in beseelenden Glücksgefühlen, vergötterte Schiller und auch Goethe, widmete beiden jeweils fünf Sonette. Die angebeteten Klassiker schwiegen.
Im Jahr darauf konnte Vermehren seine Enttäuschung kaum verbergen: „Ich habe Ihren neuen Musen-Almanach für das Jahr 1800 gelesen“, schrieb er an Schiller. „Mit welcher Begierde habe ich ihn ergriffen, mit welchem Genuße jedes Wort Ihrer göttlichen Gedichte verschlungen! Zitternd ergriff ich ihn, und als ich Gedichte von mehreren Verfassern erblickte, schlug ich eilig das Register auf, um zu sehen, ob Sie vielleicht irgend einen von meinen Versuchen würdig fanden, einen Platz in diesem Almanach einzunehmen“.
Er fand seinen Namen nicht. Es war der letzte, ungeliebte Almanach, den Schiller herausgab.

„Verzeihen Sie meine Schwäche! Meine Hoffnung war zu kühn, aber der Jüngling will immer hoch hinauf, sollte er auch noch nicht ganz mit den Kräften ausgerüstet sein, die erfordert werden, um die Höhe zu erreichen. Ich habe schon wieder manche Versuche gemacht, die ich Ihnen Ostern, wenn Sie es erlauben, zeigen werde. Wenn Sie einen Augenblick Muße haben, so schreiben Sie mir einigen Worte, wie Sie leben, wie es mit Ihrer Gesundheit in unserem strengen Winter steht“. Schiller schwieg.

Vermehren, noch in seiner Vaterstadt Lübeck, packte den Schillers am Mittwoch, 29. Januar 1800, ein großes Paket, eine Kiste voll mit Sardellen.
„Sollte die Lake von den Sardellen abgelaufen sein, so werden Sie Ihre Frau in meinem Namen bitten, daß sie zu besserer Konservierung derselben wieder gesalzene Lake darauf macht. Herzlich freue ich mich, daß Sie nun dem herannahenden Frühling mit heiterem Sinn entgegensehen werden. Wenn die Blumen wieder blühen, wenn die Vögel wieder singen, wenn alles Freude atmet, dann kommt auch mir der schöne Augenblick, in dem ich Sie wiedersehen, wieder sprechen darf“. Schiller schwieg und ließ sich auch während der fröhlichen Jahreszeit nicht sprechen.

Ungeheures Zuströmen des Mittelmäßigen

„Aus mehreren öffentlichen Blättern habe ich erfahren, daß Sie wieder einen Almanach für's nächste Jahr herausgeben“, meldete sich Vermehren am 28. Juni 1800 aus Jena bei Friedrich Schiller in Weimar. „Natürlich regte sich in meiner Seele der Wunsch, in diesen schönen, nie welkenden Kranz ein anspruchloses bescheidenes Blümchen winden zu können. Und dieser Wunsch, dessen Erfüllung, wie Sie wissen, zu meinen lieblichsten Aussichten gehört, dieser Wunsch fand einen festen Anhalt an Ihrer gütigen, mir einst gegebenen Erlaubnis, daß ich Ihnen nur immer einige meiner poetischen Versuche zuschicken dürfe.

Diese mir so werten Erinnerungen geben mir auf's neue die Kühnheit, mich mit meiner schwachen Muse unter Ihren schützenden Flügel zu begeben, und ich glaube also, nicht mit Unrecht auf Ihre Verzeihung meiner Dreistigkeit rechnen zu dürfen. Sollten einige der hier beigehenden Poesien Ihren Beifall finden und sollte ihnen in dem herrlichen Musen-Tempel, wo Ihr Genius weilt, eine kleine Vorder-Halle angewiesen werden, so würde ich in dieser Verheißung ein Evangelium des Glückes vernehmen“.

Doch Schiller hatte sich innerlich und tatsächlich bereits ganz und gar den lukrativen dramatischen Arbeiten verschrieben: Wallenstein, Maria Stuart, Jungfrau von Orleans. „Wenn Du wüßtest, welch unendlichen Belästigungen mich dieser Berührungspunkt mit 20 oder 30 Versemachern in Deutschland aussetzte und wie schwer es hält, bei dem ungeheuren Zuströmen des Mittelmäßigen und Schlechten, auch nur ein paar Bogen leidliche Arbeit zu halten, Du würdest mir Glück wünschen, daß ich diese Bürde abgeworfen“, gestand er schon am 9. August 1799 seinem Freund Körner, nachdem er den definitiv letzten Almanach zusammengestellt und redigiert hatte. Sein Verleger Cotta freilich erfuhr's erst elf Monate später.

Dr. Peter Guttkuhn


Lübeck-TeaTime bedankt sich heute ganz besonders bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.



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