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L. Gallinat über F.-Karl Hintzes Lesung im "Neuen Eichenhof"

21. September 2009 (HL-red.) "Es war ein faszinierendes und abwechslungsreiches Event", schreibt Lutz Gallinat. "Friedrich-Karl Hintze (Stockelsdorf) trug am letzten Mittwoch im Stockelsdorfer Seniorenheim "Neuer Eichenhof" Kurzgeschichten und Gedichte namhafter Autoren im Veranstaltungssaal vor.
Am Anfang stand die Kurzgeschichte "Der Hundefänger" von Heinrich Böll. Herbe Sachlichkeit der Sprache, Neigung zur Manier, minuziöse Wiedergabe der Außenwelt, atmosphärische Dichte in der Schilderung unerbittlicher Alltagswirklichkeit und wohlwollende Satire durch Vereinfachung ins Phantastische prägen seine Kurzprosa.
Friedrich-Karl Hintze präsentierte dann eine kurze Reminiszenz an eine der bekanntesten Künstlerinnen des 20.Jahrhunderts, nämlich Marlene Dietrich. Er las dabei ein eindrucksvolles und amüsantes Kapitel aus dem Buch des Konzertmanagers Fritz Rau über Showbusiness.
Hintze, der bereits seit fünfzig Jahren Lyrik schreibt, bot dann eigene Lyrik, die hinter- und tiefgründig ist. Die Gedichte sind meditativ-besinnlich. Sie enthalten originelle Wendungen, soziale Wahrheit und reizvolle Montagen und Collagen. Der Autor formt seine subtilen Erfahrungen zu einem kunstvollen Mosaik.
Er bot außerdem eine ergreifende und erschütternde Erzählung über den Kampf gegen seine Erkrankung, wobei es sich eher um eine präzise und exakte Dokumentation handelt.
Es folgte das Gedicht "Mutterns Hände" von Kurt Tucholsky. Er besaß einen typischen Berliner Humor mit aggressiven, treffsicheren Pointen und in seiner satirisch-kabarettistischen Kleinlyrik eine besondere Vorliebe für Wortwitze in der Umgangssprache mit der Nähe zu Heine.
Friedrich-Karl Hintze bot dann Gedichte Eugen Roths aus dessen Bänden "So ist das Leben" und "Ernst und heiter". Er war sehr erfolgreich mit heiter-besinnlichen, treffsicher formulierten, witzig-ironischen Versbüchern von tiefem Wissen um die Welt, um den Menschen und seine Fehler und Unzulänglichkeiten bei der Bewältigung von Alltagsproblemen.
Es folgten Gedichte Günter Kunerts (geb. 1929) aus seinem 2006 bei Wallstein erschienenen Band "Der alte Mann spricht mit seiner Seele" mit 89 Epigrammgedichten, in denen er von den Manieren und Katastrophen des Alters auf die ihm eigene Weise spricht.
Kunert beschäftigt sich z.B. mit den Folgen der zunehmenden Vergesslichkeit und mit der Unausweichlichkeit der unerbittlich voranschreitenden Zeit.
Zwar gelingt es Kunert nicht immer, einen melancholischen Grundton zu vermeiden, doch zumeist fängt er ihn durch Ironie wieder auf. Aus dem Repertoire seiner Sprechweisen wählt Kunert die ironische. Ihr kommt die Gedichtform epigrammatischer Kürze entgegen, eine For, die Konzentration voraussetzt und geistreiche Zuspitzung erlaubt. Sie ist der rechte Rahmen all der kleinen Havarien des Alltags.
Der Autor stellt vorgefundene Zustände und die Widersprüche der Existenz illusionslos dar. Seine sanfte Ironie bewegt sich zwischen Zweifel und Widerspruch, Resignation und Pessimismus.
Es folgte dann die anschauliche und spannende Kurzprosa "Zärtlichkeit" aus dem Erzählband "Unglaubliche Geschichten".
Den Abschluss der Veranstaltung bildeten Gedichte Selma Meerbaum-Eisingers aus ihrem Band "Ich bin in Sehnsucht eingehüllt".
Im Alter von 15 Jahren begann Meerbaum-Eisinger vornehmlich Natur- und Liebeslyrik zu schreiben. Wenn auch nicht unbeeinflusst z.B. von Rilke oder Hofmannsthal, zeigt sie doch aufgrund virtuoser Beherrschung verschiedener Gedichtformen, von Reim und Rhythmus eine beachtliche Begabung. Als hätte sie ihr Schicksal geahnt, zeugen viele ihrer Gedichte
von starkem Lebenswillen, Glücksverlangen und Liebessehnsucht und der gleichzeitigen Erkenntnis von deren Unmöglichkeit. Nur insgesamt 57 Gedichte, gewidmet ihrem Freund Lejser Fichman, machen die schmale Hinterlassenschaft dieses tragisch-kurzen Lebens aus, lassen Meerbaum-Eisinger aber als Schwester im Geiste von Anne Frank erscheinen. 1980 erschien die Sammlung unter dem Titel "Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund", eingeleitet und herausgegen von Jürgen Serke, Hamburg, in der Bundesrepublik Deutschland und wurde ein großer Erfolg.
Friedrich-Karl Hintze rezitierte einfühlsam und nuanciert, mit viel Verve und Esprit und mit großer Begeisterung. Er hatte eine sehr gute Textauswahl getroffen.
Der Autor und Rezitator wurde schließlich von den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

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