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Dr. Guttkuhn: ...Als alle Lübecker Franzosen waren

06. September 2009 (HL-red.) Auch heute setzen wir in Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge" fort:
"Napoléon und die Liebe seiner Lübecker Untertanen
Oder: Als alle Lübecker Franzosen waren.
Eine bisher nicht gekannte Tätigkeit erwuchs dem Moislinger Gericht durch die Einführung der französischen Konskription. Wie ein Blitz schlug der im Juni 1811 ergangene Befehl des Präfekten des Departements der Elbmündungen, des holländischen Barons de Coningk, ein, daß alle jungen Männer von 19 und 20 Jahren sich für den Militärdienst bereit zu halten hätten.

Unter der Moislinger Bevölkerung grassierten die abenteuerlichsten Ansichten, wie man der lästigen Pflicht sich entziehen könne. Irgend ein erfindungsreicher Kopf, vielleicht ein Spaßvogel, hatte die Parole verkündet, nur Unverheiratete könnten eingezogen werden. Plötzlich sehnten sich erstaunlich viele Jünglinge nach einem eigenen Herd. Die Bewegung war so groß, daß der Präfekt durch Erlaß eines Rundschreibens an die Maires (Bürgermeister) des Departements dem Unfug glaubte steuern zu müssen.

In dem durch Druck weit verbreiteten Schriftstück hieß es: „Es werden in dem Departement Heiraten geschlossen, die keinen anderen Zweck haben als den, die jungen Leute der Konskription zu entziehen. Man scheint zu glauben, daß die Ehe von einer Pflicht frei macht, welche allen Franzosen obliegt. Die Gesetze des französischen Reichs enthalten keine Bestimmungen, welche diesen Irrtum begünstigen könnten; sie setzen durchaus nicht den mindesten Unterschied zwischen einem verheirateten und unverheirateten Konskribierten fest.

Ihnen, meine Herren, kommt es zu, die Familien hierüber zu belehren und ihnen bekannt zu machen, daß sie keinen Vorteil von diesen übereilten Verbindungen zu erwarten haben, die so leicht das Unglück der Ehegatten machen.
Ich grüße Sie mit Zuneigung.
Baron de Coningk".

Und von allzu heftiger Zuneigung zu der rabiaten Besatzungsmacht vermag auch ein reisender Lübecker nur wenig zu berichten :
„Am Sonntag, dem 11. Juli 1813, begegneten mir in dem benachbarten holsteinischen Dorf Stockelsdorf einige Israeliten und erkundigten sich ängstlich, ob mir nicht ein Wagen mit ihren Glaubensgenossen begegnet sei? Auf meine Bejahung eilten sie nach dem ihnen angezeigten Wege.
Ich ahnte nicht, daß dies Vorboten eines unangenehmen Vorfalls in Lübeck waren... Viele junge Leute, Söhne mir bekannter Bürger, eilten ebenfalls gedachtem Dorfe zu, als wenn sie Verbrecher wären; vielleicht soll die so verhaßte Konskription in Ausführung gebracht werden, wofür die lübeckische Jugend schon gleich zu Anfang des Einzugs der Franzosen zitterte, denn gerade der 26. Februar 1813 war zur Losung der Konskribierten angesetzt, konnte aber, da die Franzosen an diesem Tag abzogen, nicht ausgeführt werden.

„Se nehmen alle Mannslüde van de Straaten weg“. Ich erfuhr, daß zur Schanzarbeit nach Hamburg die Müssiggänger requirirt werden sollten. Um indeß sicher auf der Gasse gehen zu können, holte man sich aus der Mairie (dem Bürgermeisteramt) eine Sicherheitskarte, die man daselbst für ein par Schillinge, den Armen zum Besten, erhalten konnte".

Dr. Peter Guttkuhn"

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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