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Dr.phil. P. Guttkuhn:„Wie kamen die Juden nach Moisling (II)?"

02. August 2009 (HL/red.) Auch heute setzen wir in Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge" mit einem dreiteiligen Beitrag fort. Heute die Fortsetzung von "Wie kamen die Juden nach Moisling?
Teil 2
Von Dr. Peter Guttkuhn
Die Periode von 1702 bis 1762, als das holsteinische Gut und Dorf Moisling gottorfischen bzw. dänischen Eigentümern gehörte, bildete eine friedliche, im Wesentlichen konfliktfreie Phase bescheidenen Aufschwungs und inner- wie außergemeindlicher Konsolidierung. Die Aschkenasim konstituierten innerhalb des autonomen altona-holsteinischen Gemeindeverbandes eine eigenständige Gemeinde mit Finanzhoheit und Armenfürsorge und gehörten fortan als Unterrabbinat Moisling zum Amtsbezirk des Altonaer Oberrabbiners. Dieser übte als vom dänischen König autorisierter Richter und geistliches Oberhaupt aller aschkenasischen Juden in Holstein und Schleswig - mit Ausnahme der in Glückstadt - eine strenge Zivil- und Zeremonialgerichtsbarkeit aus. Die Gutsherrschaft nahm ihre Schutzherrenfunktion nachdrücklich wahr, bemühte sich erfolgreich um eine Zugangsregelung zur Stadt, verlieh der Moislinger Gemeinde 1720 feste jüdische Gerechtigkeiten, d. h. eine vertraglich gesicherte Rechtsordnung, und setzte auf Kooperation. Die gewählten Gemeindeältesten organisierten und leiteten nicht nur alle innergemeindlichen religiösen und profanen Angelegenheiten, sondern übten, wie andernorts auch, obrigkeitliche Funktionen der ‚jüdischen Nation' aus, indem sie z. B. die Zuwanderung von Glaubensgenossen kontrollierten.

Mit dem privatrechtlichen Erwerb von Gut und Dorf Moisling (1762) durch vier vorgeschobene Bürger gelang Rat und Bürgerschaft der Stadt Lübeck ein lang ersehnter Coup. Von nun an konnte die Reichsstadt die Polizeikontrolle im holsteinischen Dorf ausüben, um jüdischen Zuzug zu überwachen bzw. zu verhindern, sich andererseits aber auch die Juden-Rezeption vom dänischen König bestätigen lassen, um sie als Finanzquelle zu nutzen. Die Politik der als Gutsherren figurierenden Lübecker Senatoren und späteren Bürgermeister Joachim Peters und Matthäus Rodde war auf beide Möglichkeiten hin ausgerichtet. Eine zunehmende allgemeine Verarmung der deutschen Juden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts traf ausnahmslos auch die gesamte Moislinger Gemeinschaft.
Parallel zu dieser Entwicklung und der verstärkten Ausbildung absolutistischer Verwaltungsstrukturen büßten alle deutschen Juden nach und nach die rechtliche Aufsicht ihrer autonomen rabbinischen Gerichte ein. In Moisling kam hinzu, daß die Lübecker Gutsherren keine Schutzbriefe mehr ausstellten, allen Juden den Erwerb von Grund- und Hauseigentum im Dorf verboten und deren Immobilien sukzessive aufkauften, so daß die Juden 1806, als Gut und Dorf staatsrechtlich von Holstein an Lübeck übergingen, eigentums- und rechtlose Gebiets-Eingesessene geworden waren.

Während des Zeitraums von 1806 bis 1848 - mit Ausnahme der französischen Zeit - änderte der lübeckische Freistaat den ungeregelten Rechtsstatus seiner Juden nicht, was bedeutete, daß die jüdische Minorität ohne jedes Rechtsverhältnis zu Staat und Gesamtgesellschaft - gettoisiert im Landgebiet, weit außerhalb der Stadtmauern und größtenteils unbeachtet - zu leben gezwungen war. Wenn man von einer durchgehend verfolgten Ausgrenzungsstrategie absieht, besaß der Senat weder ein kurz- noch mittelfristiges Konzept für eine zukunftsträchtige Judenpolitik. Die in der napoleonischen Phase (1811-1813) diktierte kurzzeitige bürgerliche Gleichstellung der Juden betrachteten Senat und Bürgerschaft, wie andere deutsche Staaten auch, als unrechtmäßig - weil von einer illegitimen Macht verfügt - und nahmen sie 1814 zurück. Weder die Verhandlungen auf dem Wiener Kongreß (1815) noch die Beratungen der Frankfurter Bundesversammlung (seit 1816) mündeten in eine für den Deutschen Bund verbindliche Judengesetzgebung. Deswegen wurde die Regulierung der Judenfrage, d. h. die Frage nach deren Emanzipation, den souveränen Einzelstaaten überlassen.

Nach der Restauration der alten aristokratischen Verfassungsverhältnisse der Republik Lübeck trieb der Staat alle seit 1811 in die Stadt zugezogenen Juden bis 1822/23 wieder aus. Damit fand er den Beifall der auf ihren tief verwurzelten antijüdischen Vorurteilen beharrenden städtischen Unter- und Mittelschichten und entsprach deren negativer Fremdenmentalität. Der Lübecker Senat ging nach der Abschiebung der Juden, der Bereitstellung von Wohnraum und der Errichtung einer Synagoge in Moisling (1826/27) davon aus, die Judenfrage reguliert zu haben. Tatsächlich aber fand eine Regelung des Zusammenlebens von Minderheit und Gesamtgesellschaft nicht statt. Bis 1848 wurde die bedrückende Situation der rechtlosen Staatsangehörigen im Landgebiet kaum mehr wahrgenommen, die meisten Anliegen der überdurchschnittlich verarmten Moislinger Juden verfielen in Lübeck der politischen Indifferenz des Senats, weitgehendem staatlichen Desinteresse. Die Gesamtgesellschaft hatte ihrer jüdischen Minderheit einen außergewöhnlich eng gefaßten Rahmen gesetzt, der nur geringfügige Chancen zur Gestaltung eines menschenwürdigen Lebens zuließ.
In dieser Situation entwickelte die kleine dörfliche Gemeinschaft einen am Traditionalismus ausgerichteten eigenverantwortlichen Lebensstil nach der vorgegebenen religionsgesetzlichen Ordnung. Die gesetzestreuen Moislinger verstanden ihr Judentum als göttlichen Offenbarungsglauben und zugleich absolut bindendes Gesetz, das Handeln verlangte. Beides zusammen war allen Juden unverrückbar und unauflöslich gemeinsam und bildete traditionell das identitätsstiftende und -sichernde Fundament ihrer eigenständig-geschlossenen Sozialgruppe. Während in ganz Deutschland - seit dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts - religiöser Indifferentismus und Säkularisierung in vielen Gemeinden zunahmen, schotteten sich die Moislinger weitgehend gegen innerjüdische Entwicklungen ab. Aus Polen holten sie sich 1825 ihren religiösen Führer: einen altfrommen Rabbiner ohne moderne säkulare Bildung, den sie auf Lebenszeit anstellten. Damit demonstrierte die Gemeinde in einer Zeit tief greifender religiös-ideologischer Neuorientierung eines großen Teils der deutschen Judenschaft ihr jüdisches Selbstverständnis und ihre unwandelbare traditionelle Überzeugung: gegen alle Akkulturations- und Emanzipationsbestrebungen.

Die interne Auseinandersetzung um die Reform des traditionellen Judentums entzündete sich an der Frage nach einer obligatorischen formalen Bildung und Erziehung der Jugend, d. h. ob die 1837 gegründete Gemeindeschule als traditionelle Talmud-Tora-Schule oder reformorientierte Elementarschule betrieben werden sollte. Zwar setzten die reformwilligen Initiatoren und späteren Schulvorsteher den Typ einer modernen Elementarschule durch, jedoch vermochte der bildungsfeindliche Rabbiner, der kraft Amtes dem Leitungsgremium der Schule vorstand, dominierenden Einfluß auf die Lehr- und Lerninhalte auszuüben. Dabei wurde er stets von mehr als 80 % seiner armen und ungebildeten Gemeindemitglieder unterstützt. Die Reform scheiterte, die Moislinger Juden beharrten mit übergroßer Mehrheit auf den traditionellen Glaubensüberzeugungen und Praktiken ihrer Väter, wie die meisten deutschen Juden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Dr. phil. Peter Guttkuhn"

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. phil Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.



















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