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Dr. Guttkuhn:...Rückgabe Doktor-Titel an Lübecker "Reichsfeind"

12. Juli 2009 (HL/red.) Auch heute setzen wir in Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des in Lübeck arbeitenden Privatgelehrten und Historiker Dr. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge" fort. Heute: Dr. phil. Peter Guttkuhns Publikation „Einem Lübecker „Reichsfeind“ gab die Uni Leipzig seinen Doktortitel zurück
Von Dr. Peter Guttkuhn
„Martin konnte sehr gut lernen“, schrieb Mutter Johanna Meyer in den Familien-Erinnerungen, die sie im Dezember 1913 aufzuzeichnen begann, „aber seine Flüchtigkeit verhinderte oft den Erfolg, und er blieb mehrere Male in der Schule sitzen. Da wir nun schon zwei Söhne im Geschäft hatten – Iwan und Otto –, wünschten wir, daß Martin wenigstens sein Abiturium machen sollte, um sich dann einem ihm zusagenden Beruf zu widmen. Es wäre uns recht gewesen, wenn er Kaufmann geworden wäre, doch entschied er sich für das juristische Studium und studierte in Heidelberg, Berlin und Kiel“.

Martin Meyer wurde am 23. März 1878 in Lübeck als viertes Kind des Kaufmanns Hermann Meyer (1842-1914) und seiner Ehefrau Johanna geb. Jüdel (1847-1924) geboren. Der tatkräftige und erfolgreiche Vater war von 1874 bis zu seinem Tod ehrenamtlicher Vorsitzender des Vorstands der neo-orthodoxen jüdischen Einheitsgemeinde Lübeck. Die Mutter gründete 1877 den „Israelitischen Frauenverein zu Lübeck“, der sich im sozialen Bereich betätigte und den sie bis zu ihrem Tod führte.

Martin Meyer war Ostern 1884 in die Vorschule des staatlichen Lübecker Katharineums aufgenommen worden, in eine Klasse zusammen mit zwei gleichaltrigen jüdischen Jungen: Erich Mühsam und Leopold Jacobsohn, seinem Freund und späteren Sozius. Der Ordinarius Lichtwark, der 42 Schüler zu betreuen hatte, wurde von den lebhaften Burschen stets stark gefordert. Am 11. März 1898 bestand Meyer die Reifeprüfung, nachdem er zuvor schon die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst erworben hatte.

Der Lübecker Senat beschloß am 30. März 1901 seine Zulassung zur ersten juristischen Prüfung am Königlich Preußischen Oberlandesgericht in Kiel, die er freilich nicht bestand. Nach erfolgreicher Wiederholung am 20. Oktober 1902 wurde Meyer am 1. November in Lübeck zum Referendar ernannt und begann seinen Vorbereitungsdienst, den er vier Jahre später durch Ablegung der zweiten juristischen Prüfung in Hamburg abschloß. Daraufhin wurde er am 10. November 1906 zur Rechtsanwaltschaft zugelassen.

Gleichzeitig wünschte er – und das war seinerzeit in Lübeck durchaus gängige Praxis – vom Senat zum Notar berufen zu werden. Doch der Präsident des Landgerichts der freien und Hansestadt Lübeck und des Großherzoglich Oldenburgischen Fürstentums Lübeck, Karl Hoppenstedt, lehnte ab. Am 19. November 1906 schrieb er an den Senat: „Meyer ist nach den meisten seiner Zeugnisse nur mäßig begabt und ein flüchtiger, oberflächlicher Arbeiter, daher für das Amt eines Notars nicht qualifiziert". Nun begann ein nahezu fünfjähriges Ringen um das Notariat.

Der Lübecker Landgerichts-Präsident Hoppenstedt (1834-1910), Mitglied der Ortsgruppe Lübeck des Alldeutschen Verbandes, lag mit seiner Zurückweisung Meyers auf der Linie der Diskriminierung von Juden, wie man sie in Preußen verfolgte. Dort hatte der Staats- und Justizminister Karl Heinrich von Schönstedt (1833-1924) in einer Landtagsdebatte 1901 erklärt: „Ich kann bei der Ernennung der Notare jüdische Rechtsanwälte nicht ebenso wie christliche behandeln, da weiteste Kreise der Bevölkerung nicht gewillt sind, ihre Angelegenheiten von jüdischen Notaren erledigen zu lassen“.

Aufgrund weiterer jeweils negativer Gutachten des Landgerichtspräsidenten – 1907 und 1909 – lehnte der Senat Meyers Ansuchen ab. Dann starb 1910 der Präsident, und der Nachfolger Dr. Richard Oemler (1861-1941) führte in seinem Gutachten vom 27. Januar 1911 aus, dass in Lübeck überhaupt kein Bedürfnis zur Vermehrung der ohnedies bereits übermäßigen Zahl hiesiger Notare bestehe. Es gebe im Freistaat 22 Notare für nicht einmal 100.000 Bewohner! Das sei bereits zuviel. „Meyer ist nur mittelmäßig begabt und außer in dem ihn offenbar interessierenden Handelsrecht im übrigen Recht auch wohl nur mittelmäßig beschlagen", so der neue LG-Präsident in seinem abschlägigen Bescheid. Nun aber schaltete sich die Justizkommission des Senats in den Fall ein und sprach sich am 4. Mai 1911 einstimmig für Meyers Ernennung aus: Er dürfe nicht wegen mangelnder Bedürfnisse abgelehnt werden, habe sich schließlich in den zurückliegenden Jahren als Anwalt bewährt. Daraufhin ernannte ihn der Senat zwei Tage später zum Notar.

Zwischenzeitlich war Martin Meyer in die Kanzlei von Leopold Jacobsohn eingetreten, zu der 15 Jahre später noch Dr. Karl Bründel kam, hatte im August 1908 die Hamburgerin Ellen Reiß (1885-1973), die Cousine seiner Schwägerin Anna geheiratet, die ihm ein Jahr darauf das erste von insgesamt drei Kindern gebar. 1909 trat er der „Gemeinnützigen Gesellschaft“ in Lübeck bei und wurde im selben Jahr mit einer juristischen Dissertation in Leipzig zum Dr. jur. promoviert: „Die rechtliche Stellung des Spediteurs gegenüber dem Verfolgungsrechte des Verkäufers oder Einkaufskommissionärs aus § 44 der Konkursordnung“. Lübeck: Werner & Hörnig, 1909, 59 Seiten.

Eineinhalb Jahre nach seiner Auswanderung aus Deutschland teilte der „Deutsche Reichsanzeiger und Preußische Staatsanzeiger“ am 30. 11. 1938 mit, dass dem „Reichsfeind“ Dr. jur. Martin Meyer der akademische Grad durch die Leipziger Juristenfakultät aberkannt worden war. Am 30. April 2007 – 41 Jahre nach seinem Tod – stellte die Juristenfakultät der Universität Leipzig durch den Dekan die „Unwirksamkeit“ der Aberkennung des Doktorgrads („Depromotion“) fest. Ein deutsch-jüdisches Schicksal.

Der Erste Weltkrieg griff mit radikaler Härte auch in die Lebensplanung von Dr. Martin Meyer ein. Am 15. April 1916 wurde der 38-Jährige zur II. Ersatz-Abteilung des Feld-Artillerie-Regiments Nr. 45 in Altona-Bahrenfeld eingezogen und kam an die Westfront nach Frankreich. Ihn und sämtliche deutsche Juden in den Schützengräben der Fronteinheiten empörte, beleidigte und demütigte jene antisemitische Ungeheuerlichkeit, die der preußische Kriegsminister General Adolf Wild von Hohenborn (1860-1925) auslöste, als er am 11. Oktober 1916 ein Dekret erließ, das eine statistische Erhebung über die Dienstverhältnisse der deutschen Juden im Krieg anordnete. Diese „Judenzählung“ fand vom 1. November 1916 bis in den Februar 1917 statt, weil von Seiten zahlreicher antisemitischer Organisationen behauptet wurde, dass sich viele Juden Posten weit hinter der Front gesichert hätten. Die verleumderische Behauptung traf nicht zu, aber die Ergebnisse der Judenzählung wurden auch nicht veröffentlicht. So förderte die skandalöse Angelegenheit nachhaltig die antisemitischen Ressentiments sowohl im Heer als auch in der Heimat.

Meyer war ein politisch interessierter Mann, der freilich nicht in der Öffentlichkeit hervortrat. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war er Mitglied in der Fortschrittlichen Volkspartei geworden, trat nach dem Krieg der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei, die sich seit 1930 Deutsche Staatspartei nannte. Er gehörte dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) an und unterstützte die Bestrebungen des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Er war Zionist der ersten Stunde, Vorsitzender des zionistischen Jugendbundes Beth Chaluz (Haus der Pioniere), Mitglied der Esra-Loge und des Lübecker Asylvereins und in allen Verbänden ganz selbstverständlich auch jahrelang deren Präsident bzw. Vorsitzender.
Meyer war auch ein im Wirtschafts- und Handelsbereich interessierter und engagierter Zeitgenosse. Nachdem seit dem 15. 11. 1923 die neue Rentenmark ausgegeben und die Hoch-Inflation gestoppt wurde – eine Billion Papiermark entsprach nunmehr einer Goldmark –, sich die Finanz- und Wirtschaftssituation langsam und nachhaltig zu bessern versprach, gründete er zusammen mit seinen Brüdern am 11. Dezember 1923 eine AG unter der Firma H. Meyer & Co., Aktiengesellschaft für Handel und Industrie mit Sitz in Hamburg. Gegenstand des Unternehmens: Handel mit Rohprodukten aller Art sowie deren fabrikmäßige Verwertung und Verarbeitung. Grundkapital: 9000 Billionen Papiermark. Martin Meyer als Gründer der AG vertrat 100 Billionen, den Rest sein Bruder Iwan. Das Unternehmen trug sich nicht selbst und ging nach kurzer Zeit im Hamburger Familienbesitz auf.
Wenig erfolgreich war auch die am 1. April 1927 errichtete GmbH unter der Firma „Velox“ mit Sitz in Lübeck. Meyer und fünf Lübecker Kaufleute, die zusammen ein Stammkapital von 25.000 Reichsmark vertraten, gründeten das Unternehmen zur Nutzbarmachung einer zum Patent angemeldeten Fahrradstütze sowie zur Verwertung und Nutzung weiterer Patente und Gebrauchsmuster. Doch sowohl der Absatz als auch die Fabrikation der diversen Artikel blieben weit hinter den Erwartungen zurück.

Der Einbruch der Nazi-Herrschaft wurde auch im Büro Jacobsohn-Meyer-Bründel sehr rasch sehr konkret spürbar. Verfügte die Kanzlei 1932 über 14 Angestellte, waren es Anfang Juli 1934 noch drei. Der NS-Boykott trieb alle jüdischen Anwälte in den Ruin. Dr. Meyer fertigte seine letzte notarielle Beurkundung am 18. August 1933. Am 11. September entließ ihn der Lübecker Nazi-Senat aus dem Amt eines Notars. Der Widerspruch, den er zusammen mit seinem Sozius und Freund Leopold Jacobsohn beim Reichsstatthalter Friedrich Hildebrandt (1898-1948) einlegte, wurde verworfen. Meyer bereitete die Emigration vor.
Der wohlhabende Mann musste im April 1936 sein Haus verkaufen und erleben, dass und wie sämtliche Möbel und Einrichtungsgegenstände am 29. Juni 1936 durch den Lübecker Auktionator Alwin Pump versteigert, tatsächlich verschleudert wurden. Den sehnlich erwarteten Reichsfluchtsteuerbescheid des Finanzamts Lübeck vom 28. Januar 1937 über den Betrag von 8.312,50 RM beglich er am Morgen der Abreise aus seiner Heimatstadt Lübeck, am 1. März 1937, mit allen bis dahin aufgelaufenen Zuschlägen von insgesamt RM 9.957,50. Anschließend reiste die dreiköpfige Familie mit der Bahn über Straßburg nach Marseille, wo die Meyers ein Schiff nach Haifa bestiegen.
Nach der Ankunft – am 11. März 1937 – begaben sich die Flüchtlinge nach Tel Aviv. Dr. Meyer war 59 Jahre alt und fand in seinem erlernten Beruf als Anwalt keine Beschäftigung. Im Rahmen der so genannten fünften Alija (Einwanderungswelle) ins jüdische Palästina des britischen Mandatsgebiets (1933-39) kamen überwiegend deutschsprachige Juden („Jeckes“), unter ihnen zahlreiche Akademiker, insonderheit Rechtsanwälte und Ärzte. Während der nächsten zehn Jahre, in denen sich Martin Meyer als Vertreter einer Grundstücksgesellschaft (Grundstücksmakler) über Wasser hielt, wurde er nicht zur Einkommensteuer veranlagt bzw. herangezogen, weil seine jährlichen Erlöse erheblich unterhalb der gesetzlichen Mindestgrenze lagen.
Am 4. Juli 1938 wurde die Familie Martin Meyer aus Deutschland zwangsweise ausgebürgert, geriet in die Staatenlosigkeit. Das hatte u. a. zur Folge, dass das (verbliebene) Eigentum der Betroffenen dem Großdeutschen Reich verfiel. Nach der Reichspogromnacht erreichte Dr. Martin Meyer in Tel Aviv ein Schreiben des Finanzamts Berlin vom 16. Januar 1939: „Auf Grund der Durchführungsverordnung über die Sühneleistung der Juden vom 21. November 1938 wird die von Ihnen zu entrichtende Abgabe festgesetzt auf 1.400 RM“. Das Berliner Finanzamt „verwaltete“ im Auftrag des Reiches den eingezogenen Verkaufserlös der Familie Meyer aus Lübeck und setzte die Höhe der „Judenvermögensabgabe“ fest.
Aus Gründen einer gewissen Rechtssicherheit erwarb Meyer am 16. April 1939 für sich und die gesamte Familie die palästinensische Staatsbürgerschaft, die man bis zur Gründung des Staates Israel vor 60 Jahren beibehielt.
Das Ehepaar Meyer verlegte am 1. Oktober 1957 seinen Wohnsitz von Tel Aviv nach Haifa. Dort machte sich der Jurist und Zionist verdient um die Erschließung des Jaaroth-Hacarmel-Geländes und arbeitete mit an der Schriftenreihe „Documenta judaica“. Am 17. März 1966 verstarb Dr. jur. Martin Meyer aus Lübeck an Herzschwäche in Haifa. „Das frühere Lübeck seiner Jugend blieb ihm ein unvergänglicher Wert“, so der Landesrabbiner von Westfalen Dr. Hans Chanoch Meyer (1909-1991).


Lübeck-TeaTime.de bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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