Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren. Klicken Sie hier für weitere Informationen.
Hier klicken, um diese Nachricht nicht mehr anzuzeigen.



Agentur für Arbeit Lübeck

Kultur Wissenschaft Ausbildung

RA und Notar L. Häusler - Flucht zu Kriegsbeginn aus Deutschland

05. Juli 2009 (HL/red.) Heute setzen wir in Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des in Lübeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe "Sonntags-Beiträge" - Foto (RB)- mit einem Beitrag fort, dem er folgendes voranstellt: "Anläßlich seines 30. Todestages hier und heute eine dramatische Geschichte der Flucht des letzten Lübecker jüdischen Juristen am Ende des zweiten Tages des Zweiten Weltkriegs:
Ludolf Häusler (1892-1979):

"Rechtsanwalt und Notar in Lübeck – Dramatische Rettung in letzter Minute

Dr. Peter Guttkuhn
Am Freitag, dem 1. September 1939, 10.00 Uhr, hielt Adolf Hitler, Oberbefehlshaber der Wehrmacht, in der Berliner Kroll-Oper eine Reichstagsrede, die live im Großdeutschen Rundfunk übertragen wurde. Er berichtete, dass seit 4.45 Uhr „zurück geschossen“ werde, er also seinen ideologischen Rassen-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg begonnen habe, d. h. ohne Kriegserklärung in Polen eingefallen sei und damit einen europäischen Krieg eröffne, den er zum Zweiten Weltkrieg auszuweiten beabsichtige. In Lübeck ruhte an diesem und den nächsten wolkenverhangenen grauen Tagen nicht nur wegen der „Führerrede“ und Lehrermangels der gesamte Schulbetrieb, sondern auch infolge „Luftgefahr“ und zahlreicher weiterer kriegsbedingter Maßnahmen das allgemeine öffentliche Leben in erheblichem Umfang.

„Am Sonnabend, dem 2. September 1939, erhielt ich“ – so berichtete der 46-jährige jüdische ehemalige Rechtsanwalt und Notar Ludolf Häusler – „wenige Minuten vor 13.00 Uhr die (Auslands-)Reisepässe für meine Frau und mich. Sofort rief ich von unserer Wohnung, Lübeck, Wakenitzstraße Nr. 8 aus das Königlich Schwedische Generalkonsulat in Hamburg an, das offiziell schon geschlossen war. Jedoch erklärte sich einer der Attachés bereit, bis 15.15 Uhr auf mich zu warten. Weil ich aber in Hamburg nicht sogleich ein Taxi bekommen konnte – die meisten Taxen waren an diesem Nachmittag bereits für die Wehrmacht requiriert worden –, kam ich am Generalkonsulat erst an, als der Diplomat zu gehen im Begriff war. Gegen 18.00 Uhr traf ich wieder in Lübeck ein, und kaum drei Stunden später saßen wir im Zug, der uns in ein freies Land bringen sollte“…

Es waren Tage und Stunden von atemberaubender Dramatik – und sie wurden wiederum mit einem lebensrettenden, glücklichen Ausgang abgeschlossen. Häusler kannte dergleichen von seinem bisherigen unruhigen Lebensweg. Nachdem der Lübecker Rechtsreferendar am 12. Oktober 1914 zum kaiserlichen Heeresdienst einberufen und umgehend an die deutsche Ostfront verlegt worden war, geriet er bereits einen Monat später in zaristisch-russische Kriegsgefangenschaft, die er fast sechs lange Jahre in Sibirien überstand. Und in der Nazizeit überlebte das Mitglied des Lübecker jüdischen Gemeindevorstands Ludolf Häusler seine am 10. November 1938 erfolgte Verhaftung und Verschleppung ins Lübecker Marstall- und Lauerhof-Gefängnis mit anschließender Deportation ins KZ Sachsenhausen bei Oranienburg, in dem er bis zum 27. Januar 1939 gefangen gehalten wurde.

Ludolf Alexander Häusler war am 27. September 1892 in Hamburg geboren worden. Sein Vater Julius Häusler, ein Schneidermeister, übersiedelte 1895 nach Lübeck, wo er sich am 10. Mai mit der gesamten Familie bei der neo-orthodoxen jüdischen Einheitsgemeinde anmeldete und einschreiben ließ. Von seinem 6. bis zum 9. Lebensjahr besuchte Ludolf die Talmud-Tora-Schule, d. h. die jüdische Vorbereitungsschule und wurde Ostern 1902 in die Sexta des Johanneums, Realgymnasium in Lübeck, aufgenommen. Seit Ostern 1910 in der Oberprima, legte der Einjährig-Freiwillige im Jahr darauf die Reifeprüfung ab. Das Thema seines Abituraufsatzes lautete: „Wie erfüllte sich der Traum deutscher Einheit“? Gemeint war natürlich 1870/71. Das ordentliche Jura-Studium schloss er im September 1914 mit der Referendariatsprüfung ab, die bereits als kriegsbedingtes Notexamen durchgeführt worden war. Am 3. Oktober 1914 ernannte der Lübecker Senat Häusler zum Referendar, neun Tage später wurde er zum Militär einberufen. Ein tragisches Geschehen nahm seinen Lauf.

Im Oktober 1920 kehrte Häusler aus sowjet-russischer Gefangenschaft zurück ins Deutsche Reich, in die Weimarer Republik. Im April 1922 meldete er sich beim Lübecker Landgericht: mittel- und vermögenslos, heruntergekommen, aber wieder optimistisch. Als ehemaliger Frontsoldat erhielt er staatliche Unterstützung, leistete seinen Vorbereitungsdienst als „Kriegsreferendar“ ab. Zur zweiten juristischen Prüfung wurde er 1923 „als zu einer Notprüfung" zugelassen, d. h. die wissenschaftliche schriftliche Arbeit wurde ihm erlassen. Er bestand die Große Juristische Staatsprüfung am 7. Juli 1923 in Hamburg vor der Justizprüfungskommission für Kriegsteilnehmer aus Lübeck und Bremen und wurde daraufhin am 18. Juli 1923 vom Lübecker Senat zum Assessor ernannt.

Bevor er vorübergehend in die freie Wirtschaft ging, heiratete Häusler seine Verlobte Elsa Dilloff (1893-1943) aus Ziegenhain bei Schwalmstadt in Hessen. Von August 1923 bis April 1924 war er als kaufmännischer Angestellter bei der Lübecker Firma M. H. Lissauer & Co. (Rohprodukte Import und Export, Lumpensortieranstalt) tätig, überwiegend in Hamburg. Von Juli 1924 bis April 1927 vertrat er als Beauftragter und Vertrauensmann des Stockholmer Finanzkonzerns „Stockholms Aktiebolaget Privat“ in Riga und ganz Lettland schwedische Beteiligungen und Finanzinteressen. Hier wurde dem Ehepaar Häusler im Juni 1926 ihr zweites Kind, Tochter Mirjam, geboren. Nach Lübeck zurückgekehrt, bat der Assessor am 27. Juni 1927 den Senat, zur Rechtsanwaltschaft zugelassen zu werden, was am 30. Juli geschah. Mit Wirkung vom 1. Januar 1928 wurde er zum Notar ernannt.

Häusler war ein Mann, der sich politisch nicht betätigte, keiner Partei oder Organisation angehörte. Er betrieb mit dem Rechtsanwalt und Notar Erich Oppermann eine gemeinsame, gut gehende Anwaltskanzlei im Zentrum der Altstadt und war sowohl beim Lübecker Amts- und Landgericht wie auch dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg zugelassen. Als die Nazis an die Regierung gelangten, ließen sie Häusler vorerst im Wesentlichen unbehelligt, während alle anderen Lübecker jüdischen Anwälte am 11. September 1933 vom NS-Senat aus ihren Ämtern als Notare entlassen wurden. Häuslers letzte notarielle Beurkundung datiert vom 8. September 1935: Im Dunstkreis der Nürnberger rassenideologischen Gesetze (vom 15. 09. 1935) musste er sowohl die Sozietät auflösen als auch sein Notariat aufgeben. Im Oktober 1937 sah er sich gezwungen, die kleine Praxis in der Innenstadt zu verlassen und seine private Mietwohnung in der Vorstadt St. Jürgen (auch) als Büro zu nutzen.

Mit der „5. Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ vom 27. September 1938 verfiel auch er dem Berufsverbot: „Juden ist der Beruf des Rechtsanwalts verschlossen. Soweit Juden noch Rechtsanwälte sind, scheiden sie am 30. 11. 1938 (oder in gewissen Fällen etwas später) aus der Rechtsanwaltschaft aus.
Zur rechtlichen Beratung und Vertretung von Juden läßt die Justizverwaltung jüdische Konsulenten zu" (RGBl I, S. 1403-1406). Häusler setzte nun seine Auswanderungsbemühungen verstärkt fort, schrieb fast täglich Bittgesuche nach Hamburg (Generalkonsulate) und/oder Berlin (Botschaften), doch alle Versuche waren fruchtlos, die meisten Länder verweigerten Flüchtlingen die Einreise, soweit diese nicht über große Kapitalien verfügten. Häusler aber war erneut mittellos und ohne Einkommen.

„Indessen bekam ich von der zionistischen Organisation in Berlin – dem Palästina-Amt – eine Bescheinigung, gemäß welcher mir und meiner Frau ein Einwanderungszertifikat nach Palästina zugesagt wurde, sobald die englische Regierung als Mandatarmacht die Einwanderungssperre aufheben und neue Einwanderung gestatten würde. Auf Grund dieser Bescheinigung reichten wir neue Anträge ein, unter anderem nach Stockholm, ohne dass wir von irgendwo eine positive Antwort erhielten“.

Auf der Vorstandssitzung der Lübecker jüdischen Gemeinde am 3. Oktober 1938 ließ sich Häusler als 5. Mitglied in den verunsicherten Vorstand wählen. Am 10. November, 8.40 Uhr, wurde er verhaftet („wegen politisch“), und am 13. November raubten (betr. „Sicherstellung“) zwei Gestapo-Männer den gesamten Schmuck der Ehefrau. Während seiner KZ-Haft mit ihrer Erniedrigung und Demütigung, Verhöhnungen und Misshandlungen befahl Hermann Göring am 12. November die sog. „Judenbuße“ von über einer Milliarde Reichsmark allen deutschen Juden aufzuerlegen (RGBl I, S. 1579), um die materiellen Zerstörungen der Nazis während der Reichspogromnacht auszugleichen. Das Großdeutsche Reich war im November 1938 bankrott und hoffte – da jeder Jude 25% seines Vermögens an die Reichskasse abzuführen hatte –, wieder liquide zu werden.

Nach seiner Entlassung aus dem KZ bewarb er sich am 1. Februar 1939 beim Oberlandesgerichtspräsidenten Dr. Karl Martin in Kiel um Zulassung als jüdischer Rechtskonsulent. Die Gestapozentrale in der Düppelstraße wurde zu seinem Antrag gehört und meldete schwere Bedenken an, war Häusler doch nach der Reichspogromnacht auf ausdrücklichen Befehl des schleswig-holsteinischen Gestapo-Chefs Dr. Karl Haselbacher ins KZ Sachsenhausen verbracht worden. Dennoch erhielt er eine Zulassung für die Bezirke der Oberlandesgerichte Kiel und Rostock. Doch seine Einkünfte waren verschwindend gering; er intensivierte die Emigrationsbemühungen.

Jedoch alle seine Bemühungen blieben erfolglos. Gleichwohl gelang es ihm, beide Kinder mit sog. Kindertransporten ins neutrale Schweden zu bringen: Der damals 14-jährige Sohn Immanuel Alexander kam im Februar 1939, die 12-jährige Tochter Mirjam im März 1939 nach Stockholm, wo sie in Kinderheimen, die für Flüchtlingskinder eingerichtet wurden, Unterkunft fanden. Am Dienstag, dem 29. August, rief Immanuel seine Eltern in Lübeck an und teilte mit, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach eine Einreiseerlaubnis nach Schweden erhalten würden. „Am nächsten Morgen, am Mittwoch, dem 30. 08. 1939, setzte ich mich telefonisch mit dem schwedischen Generalkonsulat in Hamburg in Verbindung, das mir bestätigte, soeben von Stockholm Anweisung erhalten zu haben, mir und meiner Ehefrau ein Einreisevisum zu erteilen, sofern gültige Pässe vorgelegt würden“, erinnerte sich Häusler.

Die Erteilung von Reisepässen für Juden erforderte im Allgemeinen einen Zeitraum von mehreren Monaten, weil eine ganze Reihe von Behörden eingeschaltet werden mussten. Es war notwendig Leumundszeugnisse einzureichen, Unbedenklichkeitsbescheinigungen des Finanzamts und der Finanzbehörden zu erbringen, die „Reichsfluchtsteuer“ und die „Sühneleistung“ zu bezahlen, Gestapo und Kriminalpolizei mussten sich zu der beabsichtigten Emigration äußern, und eine Vielzahl weiterer Behörden hatten Bescheinigungen auszustellen. „Die außenpolitische Entwicklung ließ klar erkennen, dass Krieg vor der Tür stand und wir nur noch wenige Tage für unsere Ausreise Zeit haben würden. Durch glückliche Umstände, die Hilfe und das Verständnis zuständiger Stellen in Lübeck gelang es mir, alle notwendigen Formalitäten, die sonst Monate in Anspruch nahmen, innerhalb von drei Tagen zu erledigen“, konnte Häusler später erleichtert feststellen.

Am 2. September 1939, gegen 21.00 Uhr, verließ das Ehepaar Häusler nach kaum dreistündigen hastigen Reisevorbereitungen die Hansestadt Lübeck für immer. In ständiger Angst, es könne der Krieg ihre Ausreise noch verhindern. Den gesamten Hausrat mussten sie zurücklassen. Von den ehemals fünf Lübecker jüdischen Rechtsanwälten und Notaren war Häusler der letzte, der aus seiner Heimatstadt emigrierte. „Wir führten bei unserer Abreise nach Uppsala nicht mehr mit uns, als in zwei mittelgroßen Handkoffern Platz fand. Mehr mitzunehmen war allein deswegen unmöglich, weil auch die meisten Lübecker Taxen am Abend des 2. September bereits für das Heer beschlagnahmt worden waren. Überdies hatten wir jedes einzelne Teil, das sich im Koffer befand, in eine maschinegeschriebene Liste in dreifacher Ausfertigung einzutragen. Ich fand nicht einmal Zeit, mich von meiner 85-jährigen Mutter zu verabschieden, die nach ihrer Deportation am 22. 09. 1942 in Theresienstadt verstarb“.

In Schweden – wo vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lediglich etwa ein Prozent aller deutschen Flüchtlinge Zuflucht fanden – konnte Häusler nicht in seinem erlernten Beruf als Rechtsanwalt tätig werden, er beherrschte weder die Landessprache noch kannte er die Gesetze seines Berufsstandes. Während der nächsten drei Jahre schlug er sich pikanterweise als Statistiker am deutschfreundlichen Rassenbiologischen Institut der Universität Uppsala durch, wo man seit 1921 um die Reinhaltung der nordischen Rasse bemüht war. Er verdiente freilich zu wenig, um sich mit seiner Familie ernähren zu können und war auf staatliche Sozialhilfe angewiesen. Neben dem Problem der Arbeitsbeschaffung litt er auch darunter, dass die schwedische Gesellschaft in ihrer großen Mehrheit nicht bereit war, Flüchtlinge zu integrieren, schon gar nicht jüdische.

Seit 1942 arbeitete er als Genealoge. Sieben Jahre später übernahm er in Uppsala eine genealogische Firma und baute sie zusammen mit seiner Tochter zu einem bedeutenden und profitablen Unternehmen aus. Der ehemalige Lübecker Jurist Ludolf Häusler starb am 29. April 1979 in Uppsala als allseits anerkannter schwedischer Staatsbürger."


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.


Impressum