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L. Gallinat berichtet über Lesung von R. Reichen und K. R. Goll

12. November 2008. Im Rahmen der 9. “Internationalen Lübecker Literaturwoche“ fand erneut eine literarische Besonderheit statt. Lutz Gallinat berichet: "Es war eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Soiree. Am letzten Montag las Roland Reichen (Bern/Schweiz) im Lübecker Willy-Brandt-Haus im Rahmen der 9.“Internationalen Lübecker Literaturwoche“ des „Lübecker Autorenkreises und seiner Freunde e.V.“ aus seinem 2006 im Bilger Verlag. Zürich erschienenen Roman „Aufgrochsen“ und unveröffentlichte Texte, und Klaus Rainer Goll (Lübeck) las aus seinem 2005 im Elfenbein Verlag, Berlin, erschienenen Lyrikband „Zeit vergeht“ und neue Gedichte.

Roland Reichen geht in seinem Roman an die Grenzen. Einerseits sprachlich, indem er ins Schriftdeutsche widerspenstige schweizerdeutsche –oder vermeintlich schweizerdeutsche- Begriffe und Grammatik einflicht und damit eine unangenehme Nähe zum Erzählten schafft. Anderseits inhaltlich, indem er an die Grenze des Erträglichen geht, weil er Klischee an Klischee reiht- schlechter Sex, Missbrauch, Stammtischtiraden, Amsterdam und die Nutten, Schläge, kiffende und übergewichtige Kinder, Depression. Dies mit einer derartigen Schnelligkeit, dass einem beim Lesen beinahe schwindlig wird. Erschreckend treffend kann Roland Reichen so von der Wahrheit schreiben.

Davon, wie das Leben meist irgendwie passiert, darin vieles anders laufen sollte, dabei aber derart schnell vorbeigeht, dass es dann halt doch so war, wie es war. Und offensichtlich schien es Roland Reichen einfacher, mit dem Bild der verbohrten Landbevölkerung an die Härte des Lebens heranzukommen als mit dem des hoch nervösen und distanzierten Stadtmenschen. Und um ehrlich zu sein, hat er da schon richtig gedacht.

Weil man Verbohrtheit und Hilflosigkeit ja dann doch lieber im Hirn derer wähnt, die ein bisschen weiter weg vom Eigenen sind. Der Mut, den der Autor für das Schreiben eines solchen Romans gefasst hat, hat sich gelohnt. Da muss auch kein Lektorat entscheiden, in welche Richtung es grundsätzlich gehen soll; eine solche Geschichte, eine solche Sprache lässt sich einfach nicht glatt kämmen.

Klaus Rainer Goll las schließlich Gedichte aus seinem Band "Zeit vergeht", Gedichte und Reiseskizzen, der 2005 im Elfenbein Verlag, Heidelberg, erschien.

Mit kühnen Metaphern bedenkt der Dichter das Phänomen "Zeit". Er leistet dabei seinen lyrischen und philosophischen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis. Die Gedichte gewinnen ihren Reiz durch die Kontraste zwischen dem "Gefängnis Zeit" und den Idyllen und Sehnsüchten des Poeten. Symbolistisch generiert er Gegenwelten zu Sackgassen des Lebens. Themen sind u.a. die Dämonie des Lebens, das Böse, Schuld, Leid, Vergänglichkeit, Tod und Auflösung.

Goll spricht aber auch seine paradoxe Grundkonzeption aus. Es ist sein Ziel, das Geheimnis des Leidens und Sterbens zu poetisieren und der Sprache neue Horizonte zu eröffnen. Dies gelingt ihm in immer wieder verblüffenden, sprachartistischen Varianten. Goll fasst mystische Erfahrungen in prägnante Formulierungen, in einer eigenen, von der Alltagssprache losgelösten Metaphernsprache und evoziert die geistige Realität hinter den Worten. Es besteht eine Nähe zur Emblematik in Bild- und Motivverknüpfungen, die sich besonders in stark elliptisch verkürzten Gedichten nicht nur vom Einzelgedicht her entschlüsseln. Der Autor vertieft sich in seine geistigen Weggefährten wie Thomas Mann, Knut Hamsun, Ernst Barlach und Virginia Woolf. Immer wieder werden Bezüge zu Georg Heym, Georg Trakl, Yvan Goll und Nelly Sachs deutlich.

Die beiden Autoren wurden schließlich bei dieser Veranstaltrung in Kooperation mit dem Willy-Brandt-Haus mit viel Beifall bedacht. Die Lesung löste eine rege und zum Teil kontroverse Diskussion unter der Leitung des Moderators Dr. Jürgen Haese aus.

Lutz Gallinat

Zu den Büchern:

Roland Reichern
Roman „Aufgrochsen“
bilgerverlag
2006, Auflage 1, 119 Seiten, 13,5 x 19 cm
ISBN: 978-3-908010-78-4
17.90 Euro




und

Klaus Rainer Goll:
»zeit vergeht«
Gedichte und Reiseskizzen
Elfenbein Verlag
Mit einem Nachwort von
Christian v. Zimmermann
2005, Ln., 112 S.
€ 16 / sFr 27,70
ISBN 3-932245-76-8









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