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Sonntagsbeiträge 2: Dr. Peter Guttkuhn "Luther und Lübeck"

09.11.2008. Bei der Durchsicht eben der mir von Dr. Peter Guttkuhn zur Verfügung gestellten Publikationen "entdeckte" ich den als "Nachlese" zum Reformationstag passenden Beitrag "Luther und Lübeck":

Luther und Lübeck
Von Dr. Peter Guttkuhn
Wenn auch Martin Luther (1483-1546) niemals persönlich in Lübeck war - die mächtige Stadt und ihre streitbaren Menschen haben ihn mehrfach beschäftigt. Lübeck: Das bedeutete ihm negatives und positives Beispiel zugleich und sogar Ausgangspunkt einer universalgeschichtlichen Prophetie, die sich erfüllte.

"Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können", das war eine der existentiellen Fragen, die den Reformator 1526 beschäftigten. Darf man Soldat sein oder werden? Gibt es gerechte Kriege? Kann oder muß man sich gegen ungerechte Anordnungen der Obrigkeit auflehnen, ihnen Widerstand leisten? Fragen, die auch nach 482 Jahren nichts an Problematik und Aktualität verloren haben.

Luther zog Lübeck zum Beispiel heran. Die Stadt hatte kürzlich - 1523 - in Zusammenwirken mit dem dänischen Adel und der Geistlichkeit und in vertraglicher Abmachung mit Herzog Friedrich von Holstein den König Christian II. von Dänemark und Norwegen vom Thron gejagt und für abgesetzt erklärt.

"Der König ist ungerecht vor Gott und der Welt, und das Recht steht ganz und gar auf der Seite der Dänen und Lübecker", meinte Luther. Die Lübecker aber hätten sich zu "Über-Herren", zum Richter über den König aufgeschwungen, sie hätten Rache geübt. Gott, der Herr, jedoch sagt: "Die Rache ist mein". Und er wird die Aufrührer dereinst fragen: "Ihr Herren zu Dänemark und zu Lübeck! Wer hat solche Rache und Strafe Euch befohlen zu tun? Hab' Ich's Euch befohlen oder Kaiser oder Oberherr"?

Und weil sie natürlich verneinen müssen, deshalb bricht's recht lutherisch aus Gott hervor und zerschmettert Dänen und Lübecker gleichermaßen: "Ihr aufrührerischen Gottes-Diebe, die ihr mir in mein Amt greift und euch frevelhafterweise die göttliche Rache anzueignen versuchtet"!

Die Eigenmächtigkeit des Lübecker Rates versteht Luther als ein abschreckendes Beispiel, als unerlaubtes menschliches Eingreifen in die Allmacht Gottes.

Im Oktober 1530 folgte Luthers Freund und Beichtvater Johannes Bugenhagen dem Ruf aus Lübeck, hier das evangelische Kirchenwesen zu organisieren. Luther selbst stand seit einiger Zeit bereits in Kontakt mit den Lübecker Predigern Andreas Wilms und Johannes Walhoff. Er freute sich herzlich über den Fortschritt, den seine Lehre in Lübeck machte, aber gleichermaßen gewaltig konnte er sich ärgern, nämlich über den lübeckischen Rat, der so häufig die neuen Aktivitäten bremste oder verfolgte.

Ganz besonders begeistert war Martin Luther von der sittlich-moralischen Reinigungskraft, die die neue Lehre augenscheinlich auch an der Trave bewies: "Von dort haben mir Bugenhagen und seine Gäste berichtet, daß es in Lübeck, bevor es evangelisch wurde, eine Menge Huren gab und daß man selbst in der Fastenzeit an einem Abend für mehr als 600 Mark Wein verkaufte. Nach Annahme des Evangeliums jedoch nur noch für ca. vier Floren" - also wesentlich weniger!

Lübeck als gutes Exempel, das die unaufhaltsame, die göttliche Kraft seiner Lehre beweist.

Und gegen Ende seines Lebens meditierte Martin Luther bei Tische und im Beisein des treuen Famulus Johannes Aurifaber, den die Lübecker wohl gerne als Superintendenten gehabt hätten, über Christenverfolgung in Vergangenheit und Gegenwart. Luther prophezeite dem Kaiser Karl V. politisches Scheitern und den Verlust nicht nur der Niederlande, wenn er weiterhin gegen die Evangelischen vorginge, und er erzählte:

"Es hat Doktor Johann Pommer (d. i. Bugenhagen) mir einmal gesagt, daß zu Lübeck auf dem Rathaus in einer alten Chronik eine Prophezeiung gefunden worden sei, daß um das Jahr 1550 ein großer Tumult in deutschen Landen der Religion wegen entstehen werde. Und nachdem sich der Kaiser dreinmengen werde, so würde er drüber alles verlieren, was er habe"... So geschah's dann auch, zehn Jahre nach Luthers Tod.

Anmerkung:
Erfolgreich beteiligte sich Lübeck - um 1500 mit über 25 000 Einwohnern zweitgrößte deutsche Stadt - an den Auseinandersetzungen um die Absetzung König Christians II. von Dänemark im Jahre 1523 und verhalf unter Bürgermeister Brömse Gustav Wasa zum schwedischen Thron. Gegen den Widerstand des Rates wurde 1529 die Reformation in Lübeck eingeführt, durch Luthers Freund Bugenhagen 1530/31 eine Kirchenordnung erarbeitet.


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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