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L. Gallinat: Günter Kunerts Lesung auf 9. Literaturwoche

08.11.2008. Es war ein glanzvoller Auftakt der 9.“Internationalen Lübecker Literaturwoche“ des „Lübecker Autorenkreises und seine Freunde e.V.“. Am letzten Freitag las Günter Kunert (Kaisbostel) im vollbesetzten Buddenbrookhaus nach einführenden Worten des 1.Vorsitzenden Klaus Rainer Goll Erzählungen aus seinem 2006 bei Hanser erschienenen Opus „Irrtum ausgeschlossen. Geschichten zwischen gestern und morgen“ sowie Gedichte aus dem 2006 bei Wallstein erschienenen Band „Der alte Mann spricht mit seiner Seele“.

Kunerts Erzählungen gehören seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil der deutschen Gegenwartsliteratur. „Irrtum ausgeschlossen“ repräsentiert das ganze Spektrum seines erzählerischen Werkes. Die neue und noch ganz unbekannte Erzählung „Wenn die Not am größten“ spielt dabei die ganz individuelle Frage durch: Was wäre gewesen, wenn ich ein anderer gewesen wäre?

Günter Kunert ist ein Erzähler von Knappheit und Präzision, von ironischer Illusionslosigkeit. Seien es die großen Zusammenhänge der Politik oder die kleinen Schwächen ihrer Opfer: In Günter Kunerts messerscharfen Skizzen ist jeder Irrtum ausgeschlossen.

Zugleich mit seiner Geschichtensammlung „Irrtum ausgeschlossen“ hat Günter Kunert (geb. 1929) einen Band mit 89 Epigrammgedichten – „Der alte Mann spricht mit seiner Seele“- vorgelegt, in denen er von den Havarien und Katastrophen des Alters auf die ihm eigene Weise spricht. Natürlich ist das lyrische Ich- alle Texte beginnen mit „Der alte Mann...“ – nicht identisch mit dem Autor; doch wird eine gewisse biographische Nähe z.B. durch 13 eigenhändige Zeichnungen signalisiert, die eingestreut gedruckt werden.

Kunert beschäftigt sich z.B. mit den Folgen der zunehmenden Vergesslichkeit; mit der Unausweichlichkeit der unerbittlich voranschreitenden Zeit; mit dem Erschrecken beim Durchblättern des Adressbuches, das viele Telefonnummern von bereits Verstorbenen enthält; aber auch mit der klammheimlichen Freude bei der Lektüre von Todesanzeigen.

Zwar gelingt es Kunert nicht immer, einen melancholischen Grundton zu vermeiden, doch zumeist fängt er ihn durch Ironie wieder auf.
Aus dem Repertoire seiner Sprechweisen wählt Kunert die ironische. Ihr kommt die Gedichtform epigrammatischer Kürze entgegen, eine Form, die Konzentration voraussetzt und geistreiche Zuspitzung erlaubt. Sie ist der rechte Rahmen all der kleinen Havarien des Alltags.

Neben dem literarischen Einfluss Benns offenbart Kunerts „Poetik der Trauer“ in den späteren Texten eine Wahlverwandtschaft mit Autoren wie Kleist, Lenau und Heine, deren Werke er sich auch mit einigen theoretischen Arbeiten angenommen hat. Ganz im Geiste dieser literaturhistorischen Tradition bedeutet Schreiben für Kunert „Rettung vorm Tode“.

Gabriele Schopenhauer, die Stadtpräsidentin der Hansestadt Lübeck, hatte bei der Eröffnung die Verdienste Klaus Rainer Golls für die Lübecker Kultur, vor allem auch wegen der Lesungen internationaler Autorinnen und Autoren, gewürdigt.
Die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer spendeten schließlich bei dieser Veranstaltung in Kooperation mit dem Buddenbrookhaus sehr viel Beifall.



Lutz Gallinat









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