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Studie zu zwischenmenschlicher Anziehung

19. April 2016 (HL-Red-RB) Wenn Hirne zueinander passen: Erfolgreiche Kommunikation führt zu interpersoneller Attraktion - Studie aus Lübeck, Berlin und Tübingen untersuchte erstmals die neuronalen Grundlagen interindividueller Unterschiede in der zwischenmenschlichen Anziehung: Ein makelloser Körper, materieller Reichtum und vorbildliches Verhalten machen attraktiv, so lehrt es die klassische Attraktivitätsforschung. Doch wie kommt es, dass Menschen sich zu ganz unterschiedlichen Partnern hingezogen fühlen, dass der eine diese mag und der andere jenen?

„Soziale Beziehungen und Kooperation sind für den Menschen überlebenswichtig. Erfolgreiche Kooperation erfordert, dass wir unser Gegenüber verstehen, seine Gefühle und Absichten erkennen und richtig interpretieren. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist es daher naheliegend, dass das menschliche Gehirn einen Mechanismus entwickelt hat, der es uns erlaubt, schnell und richtig zu erkennen, wen wir verstehen und wen nicht, und der dazu führt, dass wir uns zu Menschen hingezogen fühlen, deren Gefühle und Absichten wir gut verstehen können“, sagt Prof. Dr. Silke Anders, Professorin für Soziale und Affektive Neurowissenschaften an der Universität zu Lübeck.

Um diese These zu testen, führte die Arbeitsgruppe um Silke Anders in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. John-Dylan Haynes, Charité Berlin, und Priv.-Doz. Dr. Thomas Ethofer, Universitätsklinikum Tübingen, eine Studie durch, die am 5. April 2016 in den Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA (PNAS) veröffentlicht wurde.

92 männlichen und weiblichen Studienteilnehmern wurden zunächst Fotos von sechs verschiedenen Studentinnen gezeigt. Um zu messen, wie attraktiv die Teilnehmer jede Studentin fanden, wurden sie gebeten, jedes Foto solange durch Tastendruck auf einem Monitor zu vergrößern, bis eine für sie angenehme Gesprächsdistanz erreicht war. Anschließend sahen die Teilnehmer kurze Videos, in denen die einzelnen Studentinnen entweder traurig waren oder sich vor etwas fürchteten. Nach jedem Video sollten die Teilnehmer entscheiden, ob die gezeigte Studentin gerade traurig oder ängstlich war, und angeben, wie sicher sie sich waren, dass sie die Emotion der Studentin richtig eingeschätzt haben. Zum Schluss wurde noch einmal das Annäherungsverhalten der Teilneh-mer gemessen.

Wie erwartet, änderte sich das Annäherungsverhalten der Teilnehmer im Laufe des Versuchs. Während die Teilnehmer zu Beginn des Versuchs ähnliche Studentinnen bevorzugten, zeigten sie große Unterschiede in ihrem Annäherungsverhalten, nachdem sie die Videos der Studentinnen gesehen hatten. Je sicherer sich ein Teilnehmer war, dass er die Gefühle einer Studentin richtig einschätzen konnte, desto mehr fühlte er sich zu dieser Studentin hingezogen. Dies galt sowohl für männliche als auch für weibliche Teilnehmer.

Im nächsten Schritt wollten die Wissenschaftler einen Einblick in die neuronalen Mechanismen erhalten, die dafür verantwortlich sein könnten, dass sich das Annäherungsverhalten der Teilnehmer während des Versuches individuell veränderte. Dafür maßen sie die Gehirnaktivität der Teilnehmer mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Dies zeigte, dass zwei Regionen des Gehirns, die Teil des Belohnungssystems sind - der Nucleus accumbens und der mediale orbitofrontale Kortex (mOFC) - immer dann besonders stark „feuerten“, wenn ein Teilnehmer das Gefühl einer Studentin besonders gut einschätzen konnte. Und je stärker die neuronale Aktivität in diesen Belohnungszentren beim Beobachten der Emotion einer Studentin war, desto stärker fühlte sich der Teilnehmer am Ende des Versuchs zu dieser Studentin hingezogen.

„Mit unserer Studie untersuchen wir erstmals die neuronalen Grundlagen interindividueller Unterschiede in der zwischenmenschlichen Anziehung“, so Silke Anders. „Die Fähigkeit, gut miteinander kommunizieren zu können, spielt dabei offensichtlich eine ganz entscheidende Rolle.“

Thomas Ethofer ergänzt: „Unsere Untersuchungen legen nahe, dass Kommunikationspartner über ähnliche ‚neuronale Wörterbücher‘ verfügen müssen, damit Kommunikation funktioniert. Je besser das neuronale Wörterbuch von Sender und Empfänger übereinstimmen, desto einfacher ist die Kommunikation. Diese Erkenntnis könnte auch für die Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze in der Psychiatrie wichtig sein.“

„Obwohl soziale Beziehungen in fast allen Bereichen unseres Lebens und in der Gesellschaft eine große Rolle spielen, steht unser Verständnis der neuronalen Grundlagen von Beziehungen noch ganz am Anfang. Diese Studie ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, fasst John-Dylan Haynes die Bedeutung der Studie zusammen.


Publikation:

Anders S, de Jong R, Beck C, Haynes JD, Ethofer T. A neural link between affective understanding and interpersonal attraction. PNAS Early Edition. doi/10.1073/pnas.1516191113.

www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1516191113

Quelle:
Universität zu Lübeck
www.uni-luebeck.de

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