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Geste der Erinnerung an das Schicksal einer Zwangsarbeiterin

18. Juni 2015 (HL-Red-RB) Gestern war Lübeck-TeaTime der Einladung zu einer außergewöhnlichen Geste zu einem Gräberfeld des Vorwerker Friedhofs nahe Kapelle II gefolgt. Dort sollte im Gedenken an eine 1944 verstorbene und dort bestattete Zwangsarbeiterin „eine Handvoll Erde ihrer Heimat“ auf ihrem Grab verstreut werden. Dr. Wolfgang Muth und der Historiker Christian Rathmer haben im Nachfolgenden ausgeführt, wie die Lübeckerin Alena Hupens mehr als zufällig zur Mittlerin wurde und nun auch vollzog, was sie übernommen hatte:

"Zeichen der Versöhnung über den Gräbern.
70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kommt es auf dem Vorwerker Friedhof zu einer ungewöhnlichen Begegnung mit der Vergangenheit. Am 6. März 1944 wurde hier Matrena Wasiljewna Gorupa begraben, die 1943 zusammen mit ihrer Tochter aus ihrer weißrussischen Heimat nach Lübeck zur Zwangsarbeit verschleppt wurde und in den Rüstungsbetrieben im Wesloer Forst unter härtesten Bedingungen Waffen und Munition produzieren musste. Der Unternehmer Herbert Quandt legte mit diesen Waffenfabriken den Grundstein seines Milliardenvermögens, auf vielen deutschen Friedhöfen liegen Tausende von Opfern unmenschlicher Sklavenarbeit.
Unter den Strapazen schwerster körperlicher Arbeit und Mangelernährung erkrankte sie schwer und erlag ihrem Leiden im Alter von 52 Jahren. Ihre Tochter Vera Rak überlebte die Sklavenarbeit, wurde im Mai befreit und kehrte allein in ihre Heimat zurück.

Ein halbes Jahrhundert später berichtete sie den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt Herrenwyk von ihrem Märtyrium und trug mit ihren anschaulichen Lebenserinnerungen damals dazu bei, die Ausstellung über Zwangsarbeit in Lübeck von 1939 - 1945 zu erstellen. Mittlerweile ist auch Vera Rak verstorben.

Dann kam es in diesem Jahr zu einer ungewöhnlichen Begegnung in Pinsk. Alena Hupens und ihr Mann aus Lübeck verbrachten ihren Urlaub in Weißrußland.
Das Wetter war schön, man ging täglich ins Freibad, die Frau, die die Marken für die Schließfächer ausgab, hörte, dass sie deutsch sprachen, nahm sich ein Herz und sprach sie an, fragte sie woher sie denn kämen. Als sie hörte, dass sie aus Lübeck kämen fiel sie fast aus allen Wolken. Erinnerungen kamen hoch, wie sie mit ihrer Mutter vor zwanzig Jahren über den Brief aus Lübeck und ihre Zeit während des Krieges gesprochen hatte.

Ludmilla Iwanowna Kalewitsch war die Tochter von Vera Rak. Und sie erinnerte sich daran, das sie ihrer Mutter auf dem Totenbett versprochen hatte, eine Hand voll Heimaterde zum Grab ihrer in Lübeck verstorbenen Großmutter zu bringen, ihrer Oma, die sie nie kennen gelernt hatte. Und nun eröffnete sich diese Gelegenheit.

Gemeinsam besuchten sie das Grab ihrer Mutter, nahmen eine Handvoll Erde auf und Alena Hupens nahm sie mit nach Lübeck.

Wie aber das Grab der Großmutter finden. Alena Hupens wandte sich an das Archiv und dort konnte ihr Maike Kruse tatsächlich helfen. In alten Gräberverzeichnissen suchten sie die Grablage. Anhand alter Friedhofspläne konnte zusammen mit den Mitarbeitern des Bereichs Stadtgrün tatsächlich das Gräberfeld ausfindig gemacht werden, das noch heute existiert.

Damals wurden an der Stelle auch KZ-Häftlinge, die in den letzten Tagen der NS-Herrschaft im Vorwerker Hafen verladen wurden, beerdigt und so wurde das Feld eine Kriegesgräberstätte.

Heute nun wird begleitet von Mitgliedern des Vereins für Lübecker Industrie und Arbeiterkultur in einem feierlichen Rahmen die Erde aus Pinsk am Grab von Matrena Gorupa verstreut. Eine späte Geste der Verbundenheit und eine Brücke der Freundschaft über Gräben und Grenzen hinweg. Es wird sicher für alle beteiligten eine berührende Angelegenheit werden. Für Ludmilla Kalewitsch in Minsk eine ganz besondere.

Wir schauen heute zurück und wir sehen, dass die Vergangenheit bis in die Gegenwart reicht die Toten nicht vergessen sind und die Verbindung zur nachfolgenden Generationen besteht.“

















Fotos © Reinhard Bartsch, Lübeck

/Red.

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