Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren. Klicken Sie hier für weitere Informationen.
Hier klicken, um diese Nachricht nicht mehr anzuzeigen.



Agentur für Arbeit Lübeck

Kultur Wissenschaft Ausbildung

L. Gallinat: Lesung G. Grass - "Blindbände" zu Tagebüchern

17. Februar 2009 (HL-Red.). Auch Lutz Gallinat erfuhr es beim Besuch der Lesung: Seit fast zwanzig Jahren bekommt Günter Grass von seinem Verleger Blindbände geschenkt: Bücher mit leeren Seiten, die der Literatur-Nobelpreisträger per Hand mit ersten Fassungen seiner Texte füllt. Er nutzt sie als Tagebuch – und damit als Nährboden für seine Ideen. So wurde daraus ein sehr persönliches Dokument zur spannenden Zeitreise: Im Gespräch mit dem evangelischen Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer stellte Günter Grass am letzten Sonntag im vollbesetzten Großen Saal der Musikhochschule Lübeck sein Tagebuch aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung vor. Titel: „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland.Tagebuch 1990.“



Foto (RB): Günter Grass bei einem Interview vor dem Buddenbrook-Haus

Lutz Gallinat weiter: "Es handelt sich - so die „ZEIT“ - um das mitreißende Protokoll einer dramatischen Zeit“. Die Buchpräsentation wurde vom neuen Leiter des Lübecker Günter Grass-Hauses, Jan-Philipp Thomsa, moderiert.

Günter Grass sagte auf Fragen von Jan-Philipp Thomsa, dass es eine politische Klimaveränderung gegeben habe. Der westliche Kapitalismus habe sich mit dem Ende der Sowjetunion geändert. Es habe sich ein Raubtierkapitalismus entwickelt, was sich vor allem beim Zugriff auf die ehemalige DDR gezeigt habe. Er, Grass, habe dies in seinem Buch „Vom deutschen Lastenausgleich“ deutlich beschrieben. In unserer Zeit sei das kapitalistische Finanz- und Wirtschaftssystem kollabiert. Der Literaturnobelpreisträger dankte den Befehlshabern und den Volkspolizisten, dass kein Schuss gefallen sei. Der unterdrückte Rechtsradikalismus habe sich in den neuen Bundesländern leider nach der Wende ermuntert gefühlt, was aber den Westen nicht freispreche. Der Rechtsradikalismus in der alten DDR habe ein anderes Herkommen als im Westen. Er, Grass, sei als „Großschriftsteller“ abgeschlachtet worden, Kritiker hätten sein Buch aufgrund von Vorurteilen abgelehnt.

Friedrich Schorlemmer sagte, dass Schriftsteller auch manchmal Propheten seien. Westliche Werte seien nach der Wende in der ehemaligen DDR oft unkritisch übernommen werden. Er selbst habe beim „Demokratischen Aufbruch“ mitgewirkt und dabei entdeckt, dass das Deutsche auch Gutes wie politische Besonnenheit und Weisheit besitzen könne. Dass der politische Prozess friedlich abgelaufen sei, sei allen Beteiligten zu verdanken. Auch der ansonsten zynische Wendehals Schabowski habe gute Dinge bewirkt, das Schlüsselwort sei „Dialog“ gewesen. Ein Verfassungsentwurf sei leider beiseite geschoben worden. Die Macht der Banken sei radikal infrage gestellt worden. Die Betriebe der DDR seien nicht konkurrenzfähig gewesen. Christa Wolf und Stefan Hermlin hätten die antifaschistischen Ideale wirklich geteilt. Es habe in der DDR einen echten Antifaschismus gegeben, nicht nur einen instrumentalisierten. Schorlemmer lobte die Entspannungspolitik von 1969 und kritisierte scharf die aggressive Politik Ronald Reagans.
Es handelte sich bei diesem kulturellen und politischen Highlight um eine Veranstaltung des Günter Grass-Hauses in Kooperation mit der Musikhochschule und dem Willy-Brandt-Haus.
Alle Akteure wurden schließlich mit sehr viel Beifall bedacht."

Lutz Gallinat

Impressum