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Lutz Gallinat: Lesung von Klaus Rainer Goll im Marienwerkhaus

25.10.2008. Lutz Galinat berichtet: Eine fazinierende Soiree erlebten die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer kürzlich im Lübecker Marienwerkhaus. Der in Lübeck-Herrenwyk geborene Künstler Klaus Rainer Goll präsentierte eigene Gedichte und Prosa.

Der Autor las zunächst Gedichte u.a. aus seinem 1997 erschienenen Gedichtband „Dies kurze Leben“, der 1997 im Elfenbein Verlag, Heidelberg, erschien.

Er verbindet dabei in seiner bilderreichen Lyrik den Expressionismus mit dem Übergang zum sinnbildhaften Surrealismus. Goll gestaltet mit stimmigen Licht- und Pflanzenmetaphorik die Geschichte der Empfindlichkeit.

Existenzialistisch orientiert intensiviert der sensible Künstler seine Stimmungen. Er findet akrobatisch-artifiziell und oft mit extremer Abbreviatur seine Behaustheit im Wort und reflektiert subtil den poetolgischen Prozess. Meditativ-besinnlich schildert er die vanitas des menschlichen Lebens. Einige kryptisch-enigmatische Wendungen erinnern an Paul Celan.
Danach präsentierte Klaus Rainer Goll Gedichte und Prosa aus seinem 2000 ebenfalls im Elfenbein Verlag, Heidelberg, erschienenen Buch "Meer ist überall", Gedichte und Prosa.

Der Autor bringt ausdrucksvoll und bilderreich die vielen Aspekte und die Ambivalenz der „metaphorischen Schönheit“ des Meeres zur Sprache. Er gestaltet feinsinnig Sehnsüchte und Träume mit Sinn- und Lebensbildern, die er durch Collagen eigener Lyrik, Thomas Mann- und Knut Hamsun-Montagen und biblische Assoziationen ergänzt. Philosophisch inspiriert offenbart er das „Mysterium der Meeresweite“.

In seinem „Tagebuch einer Meerfahrt nach Ferdinandsland“, der Heimat seines Großvaters, werden in einem magischen Realismus Bezüge zu Franz Kafka und Wolfgang Borchert sichtbar.
Der Autor stellte im Anschluss daran seine „Begegnungen mit Siegfried Lenz“ aus „Littera Borealis“ – „Edition zur zeitgenössischen Literatur im Norden 04“ – „Siegfried Lenz zum 80.Geburtstag“ vor.
Goll würdigte Lenz´ Sprache, ihre Imagination und ihre suggestive Kraft. Sie sei auf originäre Weise fähig gewesen, eine ganz eigene und eigenwillige, unverkennbare Atmosphäre zu schaffen. Sie orientiere sich an der Wirklichkeit, was immer das sein sollte, horche hinein, ohne sie kopieren zu können oder zu wollen.

Unvergesslich sei ihm auch der Klang seiner Stimme beim Lesen geblieben, die Art der Modulation, die eine ganz originäre, bisher nie gehörte Klangfarbe besessen habe und die eng, so habe es ihm scheinen wollen, mit dem Land, aus dem er gekommen sei, zusammengehangen habe: Ostpreußen. Text und Stimme hätten eine Einheit gebildet und in dieser Einheit ein Markenzeichen gebildet, bis heute unübertrefflich.

Lenz sehe die Wirkung von Literatur als eine „schwankende Größe“ an, „unzuverlässig, widerspruchsvoll, ein Resultat ohne notwendige Verpflichtung“. Sie bemesse sich an dem, „was sie uns vermittele, also an ihren Angeboten und Vorschlägen“. Die Wirkung von Literatur, darüber sei er, Goll, sich mit Siegfried Lenz und Marcel Reich-Ranicki einig, sei etwas „Unvollendetes“, der Leser erst müsse sie vollenden, indem er sich selbst in die Literatur mit einbringe.

Klaus Rainer Goll stellte dabei sein großes Einfühlungsvermögen in seinen literarischen Weggefährten und seine hohe phänomenologische Intelligenz unter Beweis.

Goll las schließlich Gedichte aus seinem Band "Zeit vergeht", Gedichte und Reiseskizzen, der 2005 im Elfenbein Verlag, Heidelberg, erschien. Mit kühnen Metaphern bedenkt der Dichter das Phänomen "Zeit". Er leistet dabei seinen lyrischen und philosophischen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis. Die Gedichte gewinnen ihren Reiz durch die Kontraste zwischen dem "Gefängnis Zeit" und den Idyllen und Sehnsüchten des Poeten. Symbolistisch generiert er Gegenwelten zu Sackgassen des Lebens. Themen sind u.a. die Dämonie des Lebens, das Böse, Schuld, Leid, Vergänglichkeit, Tod und Auflösung. Goll spricht aber auch seine paradoxe Grundkonzeption aus. Es ist sein Ziel, das Geheimnis des Leidens und Sterbens zu poetisieren und der Sprache neue Horizonte zu eröffnen. Dies gelingt ihm in immer wieder verblüffenden, sprachartistischen Varianten. Goll fasst mystische Erfahrungen in prägnante Formulierungen, in einer eigenen, von der Alltagssprache losgelösten Metaphernsprache und evoziert die geistige Realität hinter den Worten. Es besteht eine Nähe zur Emblematik in Bild- und Motivverknüpfungen, die sich besonders in stark elliptisch verkürzten Gedichten nicht nur vom Einzelgedicht her entschlüsseln. Der Autor vertieft sich in seine geistigen Weggefährten wie Thomas Mann, Knut Hamsun, Ernst Barlach und Virginia Woolf. Immer wieder werden Bezüge zu Georg Heym, Georg Trakl, Yvan Goll und Nelly Sachs deutlich.

Der Autor wurde mit lang anhaltendem Beifall bedacht. Die Lesung löste schließlich eine rege Diskussion aus.

Vita
Klaus Rainer Goll, geboren 1945, lebt in Groß Sarau am Ratzeburger See. Er war als Lehrer in Lübeck tätig und ist 1. Vorsitzender des "Lübecker Autorenkreises und seine Freunde e.V.“. Er erhielt u.a. als Auszeichnungen den "Kulturpreis der Stiftung Kreis Herzogtum Lauenburg" (1985) und die Heinrich-Mann-Plakette (1986). Im April 2000 bekam er das Stipendium am "Baltic Centre for Writers and Translators" in Visby.

Lutz Gallinat



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