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Kultur Wissenschaft Ausbildung

Martin Klingel verzaubert mit dem „lübschen kleinen Ringelnatz“

22.10.2008. An den 125.Geburtstag des Multitalents Joachim Ringelnatz erinnerten der Puppenspieler Martin Klingel und der „lübsche kleine Ringelnatz“ gestern mit Geschichten und Gedichten im Rahmen des Kulturprogramms des vollbesetzten Industriemuseums Geschichtswerkstatt Herrenwyk. Lutz Gallinat berichtet:

Martin Klingel zeigte in seiner nuancierten, einfühlsamen und engagierten Rezitation, dass Ringelnatz ein humoristischer Lyriker und ein Meister der Unsinn und Tiefsinn, Witz, Zeitsatire mischenden Kabarettlyrik und ein Sänger geistvoller, grammatisch eigenwilliger Seemannsmoritaten war. Der Künstler verbarg hinter derb Rauem, ironisch Oralistischem und spielerisch Groteskem tiefes Empfinden, Schwermut und Sarkasmus. Klingel, der ebenso wie Ringelnatz aus Sachsen stammt, überzeugte vor allem auch mit der Performance nach der Pause, als er die Handpuppe "Der lübsche kleine Ringelnatz" auf sächsisch sprechen ließ. Der Rezitator bedankte sich für den großen Beifall mit einer Zugabe. Er wurde bei dieser Soiree Ringelnatz` Motto gerecht: "Mädchen wie Du haben mir immer vertraut, ich bin etwas schief in das Leben gebaut".


Der deutsche Schriftsteller und Kabarettist Joachim Ringelnatz, eigentlich Hans Bötticher, wurde am 7.8.1883 in Wurzen/Leipzig geboren und starb am 17.11.1934 in Berlin. Seine Beliebtheit verdankte er vor allem einer ihm eigenen Mischung aus skandalöser erotischer Derbheit, beißender Satire und zarten Tönen, melancholischen, nach innen gekehrten Stimmungen. Dazu kam sein pantomisches Talent, mit dem er z.B. in den "Turngedichten" die spießbürgerliche und deutsch tümmelnde Kompensation des Sexuellen im Sport entlarvte. Seine wohl bekannteste Figur ist der betrunkene Matrose Kuttel Daddeldu, in den autobiographische Elemente aus Ringelnatz` Seefahrerjahren eingeflossen sind. In seinen parodistischen, in antibürgerlichem Gestus gehaltenen und amoralisch wirkenden Gedichten spricht Ringelnatz aus der Perspektive von Außenseitern, Deklassierten und Armen. Zumeist schildert er in einer teils grotesken, teils liebevollen Überhöhung der kleinen Dinge des Alltags eine "Welt von unten".

An Ringelnatz` Begabung zur Selbstparodie mag es gelegen haben, dass bei früheren Bewertungen seine Außenseiterposition überbetont wurde. Heute sieht man ihn eher in Übereinstimmung mit seiner Zeit, deren Nerv er mit seinen der täglichen Misere mit Traurigkeit wie mit Lebenslust trotzenden Gedichten genau traf.

In Ringelnatz` Prosawerken steht häufig Autobiographisches, vor allem seine Kriegs- und Reiseerlebnisse, im Vordergrund. Die Geschichten sind oft recht absurd, skurril und grotesk und muten kafkaesk und moribund an. In der originellen und phantasmagorischen Prosa übt der Autor subtil Technik- und Zivilisations-, Gesellschafts- und Zeitkritik. Sarkastisch, zynisch und satirisch überschlägt sich Ringelnatz in literarischen Kapriolen.



Lutz Gallinat

Vita
Lutz Gallinat wurde am 29.August 1959 in Lübeck geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und Deutsche Sprache und Literatur in Hamburg mit dem Abschluss "Magister artium". Er ist Mitglied im "Lübecker Autorenkreis und seine Freunde e.V." Er arbeitet als Lektor und freier Journalist für verschiedene Zeitungen. Seine Hauptinteressen sind Lyrik, Prosa, Theater, Musik und Philosophie.

Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Lutz Gallinat, seine Beiträge publizieren zu dürfen.

Foto © Reinhard Bartsch, HL

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