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Agentur für Arbeit Lübeck

Kultur Wissenschaft Ausbildung

Lutz Gallinat zur Lesung Klaus Rainer Golls in der GEM

09. Dezember 2010 (HL-Red-RB) "Wo Texte klingen und Töne sprechen" lautete das Motto eines literarisch-musikalischen Abends zum 200.Geburtstag Frederic Chopins am 7.Dezember 2010 im Großen Saal des Gesellschaftshauses der Lübecker "Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit". Klaus Rainer Goll, Lübeck, präsentierte bei dieser anspruchsvollen Soiree nach einführenden Worten Jürgen Schwalms Lyrik aus seinen Gedichtbänden "Windstunden", "Dies kurze Leben" und "Zeit vergeht" und Olaf Silberbach bot Etüden und Preludes von Chopin.
Chopin verbindet bereits in seinem Opus 10 der Etüden die zweckdienliche Studie einzelner technischer Probleme mit einer Klangpoesie und musikalischen Eigendramaturgie, die ganz anderen, weniger "abstrakten" Genres gut anstünden. Was besonders frappiert: Seine ersten Etüden, teils noch in Polen begonnen, könnten in Details und Form schon vom reifen Meister stammen.
Zauber und Problematik der Stücke liegen darin, dass sie sowohl technische als auch Ausdrucksstudien sind. Mit dieser Zweiwertigkeit steht Chopin überzeugend neben den zuweilen bombastischen Bravourismen des jungen Liszt und in harmonischer Ausgeglichenheit und vornehmer Distanz, an die später Debussy anknüpfen wird, neben der mitteilsamen und etwas vergrübelten Klangpoesie Schumanns.
Die Chopin-Etüden wurden sehr bald als das begriffen, was sie wirklich sind: romantische Charakterstücke, die für die Geschichte der Klaviervirtuosität einen Markstein bilden.
Schon der Zeitgenosse und Chopinverehrer Robert Schumann war konsterniert, was die Preludes betrifft: "Er ist und bleibt der stolzeste Dichtergeist der Zeit. Auch Krankes, Fieberhaftes, Abstoßendes enthält das Heft; so suche jeder, was ihm frommt, und bleibe nur der Philister weg." Das "Kranke" und das "Fieberhafte" empfindet man heute als die "avantgardistische" Seite Chopins.
Auf eigentümliche Weise durchdringen sich bei Chopin Etüden und Preludes. Das expressive Element der Etüden verweist auf die andere Form, deren technische "Monosphäre" je Stück wiederum Etüdencharakter annimmt. Auch durch die knappe Sprache und expressive Vielfalt sind beide Gattungen verbunden, ebenso durch ihre Bündelung zu zwölf bzw. 24 Nummern.
Die Stimmungs- und Empfindungswelt der Etüden und Preludes ist ebenso wie die der Lyrik Klaus Rainer Golls überaus vielschichtig. Es sind auch bei diesem Autor Einblicke in eine romantische Seele. Romantische Subjektivität, ein Entblößen der intimsten psychischen Sphären sind das Neue, das hier mit der Suggestion einer sehr persönlichen , fast esoterischen Tonsprache und Wortmusik die Zuhörerinnen und Zuhörer betört und verzaubert.
Zum Schluss sprach Klaus Rainer Goll sein Gedicht "Zeit vergeht" in die Klaviermusik Chopins hinein. Dies zeigte einmal mehr, dass tatsächlich alle Musen, alle Künste miteinander verwandt sind und jede beseelte Kunst die Sehnsucht hat, Musik zu werden. In besonderem Ausmaß betrifft dies die Lyrik, diese eigene Kunstform der Literatur, und gerade die Lyrik darf nicht allein auf die Schrift fixiert werden, sie muss vorgetragen, sie muss gehört werden, und am schönsten gelingt dies geschwisterlich vereint mit der Musik, wie es Jürgen Schwalm am Anfang formulierte.
Klaus Rainer Goll, der seit dreißig Jahren den "Lübecker Autorenkreis und seine Freunde e.V." leitet, las seine ausdrucksvolle, bilderreiche und philosophisch inspirierte Lyrik bei dieser Soiree einfühlsam und nuanciert. Stets waren auch seine literarischen Weggefährten wie Nelly Sachs, Georg Heym, Georg Trakl, Ivan Goll, Antoine de Saint-Exupery und Paul Celan präsent. Olaf Silberbach präsentierte die Etüden und Preludes virtuos, brillant, strahlend und glorios und mit viel Verve und Esprit.
Die beiden Künstler erhielten bei dieser Veranstaltung im Rahmen der "Dienstagsvorträge" gemeinsam mit dem "Lübecker Autorenkreis und seine Freunde e.V.", der in diesem Jahr sein dreißigjähriges Bestehen feiern konnte, sehr viel Beifall von den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern.

Lutz Gallinat"


© Lutz Gallinat ü/Lübeck-TeaTime (Siehe Impressum)


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