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Agentur für Arbeit Lübeck

Kultur Wissenschaft Ausbildung

L.Gallinat: Atelier-Gem. "Diele" erinnerte an Borchert u.a.m.

19. November 2010 (HL-Red-RB) Es war eine ernste, anspruchsvolle, aber auch heitere und abwechslungsreiche Soiree. Die Lübecker Ateliergemeinschaft "Diele", Glockengießer 26, Jankowsky-Klingel-Kruse, präsentierte am letzten Mittwoch in der Bilderdiele Glockengießerstraße 26 WeltLiteratur, indem an Wolfgang Borchert, den Autor von "Draußen vor der Tür", erinnert wurde, und das Theaterstück "Die Teichromanze" von Martin Klingel, für den er den Sonderpreis des Ministeriums für Kultur der DDR erhalten hatte.
Der deutsche Schriftsteller Wolfgang Borchert wurde am 20.5.1921 in Hamburg geboren und starb am 20.11.1947 in Basel.
Borchert nahm als Buchhändlerlehrling Schauspielunterricht, konnte den Schauspielerunterricht jedoch nur kurze Zeit ausüben, weil er 1941 zum Militärdienst eingezogen wurde. Borcherts Militärzeit ist gekennzeichnet durch Einsätze an der Ostfront, Gefängnisaufenthalte wegen "Wehrzersetzung", u.a. Goebbels-Parodie, und Krankheit. 1945 floh Borchert aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Hamburg. Schwerkrank verbrachte er dort 1946/47 seine literarisch produktivste Zeit. Im Herbst 1947 ermöglichten Freunde dem inzwischen bekannten Autor einen Krankenhausaufenthalt in Basel, wo Borchert seinem Leberleiden erlag.
Borcherts Erfolg unmittelbar nach dem 2.Weltkrieg beruhte darauf, dass er in Kurzgeschichten, programmatischen Prosatexten und im Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür", als Hörspiel und als Bühnenstück, Uraufführung 1949, "zeitgemäße" Themen aus Krieg und Nachkriegszeit verarbeitete.
In Borcherts Werk flossen in starkem Maße autobiographische Erlebnisse und Erfahrungen ein: Die Erzählungen handeln von Gefängnis, z.B. "Die Hundeblume", 1947, Krieg, "An diesem Dienstag", 1947, und Heimkehr, "Die lange, lange Straße lang", 1947, und enthalten minuziöse Schilderungen und Detailbeschreibungen. Gegenstände bekommen Symbolcharakter: In den Kurzgeschichten mit Nachkriegsthematik, "Die Küchenuhr", 1947, erinnern sie an das "verlorene Paradies" und werden zum Zeichen der Hoffnung. Strukturell zeigen die Erzählungen ein breites Spektrum, Borchert verwendete Montagetechnik, inneren Monolog und knappen, schildernden Stil.
Sein dichterisches Konzept deutet er im Prosatext "Das ist unser Manifest" (1947) an, seine Weltanschauung u.a. in "Generation ohne Abschied" (1946). Borcherts Grundhaltung, Widersprüchliches und Ambivalentes zusammen zu sehen, kommt im Drama "Draußen vor der Tür" zum Ausdruck, wenn der Kriegsheimkehrer Beckmann mit der Figur des Anderen- seiner lebensbejahenden Seite- konfrontiert wird. Inkongruentes und Paradoxes vereint Borchert sprachlich in Verbindungen wie "stummer Schrei". Er zeigt darüber hinaus einen Hang zu sprachlichen Extremen: Assoziationsreiche Wortverbindungen, Neuprägungen und Lautmalereien wirken bei ernstem Inhalt distanzierend, z,B. "Muttschuttschlaginduttbroadway", Trümmerstraße, oder "Der Wind uhte molltönig". Rhetorische Steigerungsmuster, Wort- und Satzwiederholung, bewirken Eindringlichkeit und zeigen den bewussten Einsatz von Sprache.
Dem Publikum der Nachkriegszeit bot Borchert Identifikationsmöglichkeiten; die Hörspielausstrahlung von "Draußen vor der Tür" löste heftige kontroverse Diskussionen aus. Das Stück wurde zum meistgespielten deutschen Nachkriegsdrama. Borcherts Kurzgeschichten fanden Eingang in fast alle Schullesebücher. Zahlreiche Abhandlungen in den fonfziger und sechziger Jahren zeigen das Interesse an einem zum Mythos stilisierten Autor; neuere Beiträge versuchen, das Bild Borcherts zu differenzieren.
Das Theaterstück "Die Teichromanze" ist eine subtile und feinsinnige Satire auf den Alltag des Kulturbetriebes in der ehemaligen DDR. Klingel nimmt persiflierend, ironisch und karikierend die Schattenseiten des erstarrten Systems aufs Korn. Klingel dekonstruiert dabei in seinem "Volksstück" den Geniekult und offeriert interessante Neologismen. Viele Passagen sind skurril, grotesk, ulkig, urkomisch, originell und phantasievoll. Das Opus ist reich an verfremdeten Märchenassoziationen und gestaltet hintergründig die Metamorphose als basales Thema.
Martin Klingel bot die Kurzprosa Wolfgang Borcherts einfühlsam, nuanciert und engagiert und präsentierte sein Theaterstück als "Theater ohne Bühne" mit phantastischer Mimik und Gestik und viel Verve und Esprit.
Martin Klingel wurde schließlich mit sehr viel Beifall bedacht.

Lutz Gallinat


© Lutz Gallinat ü/Lübeck-TeaTime (Siehe Impressum)

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