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Thomas-Mann-Preis 2010 an Christa Wolf verliehen

25. Oktober 2010 (HL-Red-RB) Festakt im Lübecker Theater –Mit 25.000 Euro dotierter Literaturpreis erstmals überreicht: Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe und Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, haben heute bei einem Festakt im Großen Haus des Theaters Lübeck den mit 25.000 Euro dotierten Preis an die Schriftstellerin Christa Wolf überreicht. Den neuen Literaturpreis verliehen die Hansestadt Lübeck und die Bayerische Akademie der Schönen Künste, München, erstmals gemeinsam. Er ging aus dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck sowie dem Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste hervor.

Bei der Übergabe des Preises an Christa Wolf sagte Bürgermeister Saxe: „Ich freue mich sehr, dass wir den Thomas Mann Preis in diesem Jahr zum ersten Mal gemeinsam verleihen. Als den ‚Thomas Mann Preis der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste’. Und dass die Jury mit ihren Mitgliedern aus Bayern und Lübeck Sie, Frau Wolf, in großer Einmütigkeit von Nord und Süd als Preisträgerin benannt hat, ist das denkbar schönste Zeichen dieser neuen Verbundenheit, die uns hoffnungsfroh stimmt für die kommenden Jahre, in denen der Preis nun im jährlichen Wechsel in beiden Städten verliehen werden wird.
In diesem Jahr feiern wir 20 Jahre deutsche Einheit. Dass Christa Wolf hier in Lübeck diesen Preis in diesem Jahr bekommt ist eine Koinzidenz. Die Auszeichnung gilt der Erzählerin Christa Wolf, die, so die Begründung der Jury: ‚in ihrem Lebenswerk die Kämpfe, Hoffnungen und Irrtümer ihrer Zeit kritisch und selbstkritisch befragt, mit tiefem moralischen Ernst und erzählerischer Kraft schildert und bis in die grundlegenden Auseinandersetzungen um Mythos und Humanität hinein erkundet.’ Herkunft spielt keine Rolle bei der Entscheidung, Politik nicht. Wohl aber die deutsche Sprache.“
Die Laudatio hielt der Dirigent, Musikwissenschaftler und Autor Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Gülke. Er beleuchtete die Rolle Wolfs in der DDR: „In dem Staat, zu dem Christa Wolf als ‚Staatsdichterin’ passen würde, hätten selbst die gerne leben mögen, die ihr das Etikett anzukleben versuchten.“ Und betont zugleich, sie sei „eine Dichterin, deren Wort hüben und drüben viel bedeutet hat und weiter bedeutet, die unbeirrbar nachdenkliche Hoffnungszeichen setzte, indem sie die eigene Glaubwürdigkeit auf die Prämissen eines Staatswesens zu beziehen versuchte, das bald seine Glaubwürdigkeit verspielt hatte.“ Eine bemerkenswerte Haltung, denn „derlei insistierende Selbstvergewisserung ist nicht möglich ohne Selbstpreisgabe, womit Christa Wolf prompt gegnerische Speere aus unterschiedlichsten Richtungen auf sich gezogen hat; kaum ein anderer ihres Ranges hat sich ohne Not und Arg so konsequent denunzierbar gemacht.“
Daher „feiern wir eine Dichterin, ein Dichtwerk, welche nicht vorab von äußeren Umständen her gesehen werden sollten.“ Dennoch blieb „Frau Wolf jener DDR-typische Zynismus fremd, der mit dem Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit faulen Frieden schloss und am Ende oft nicht mehr erkennen ließ, wer er war.“
Im Zentrum der Laudatio Gülkes, Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, stand aber die Auseinandersetzung und Analyse des sprachlichen Wirken Wolfs „in Büchern, deren besondere Qualität und Eindringlichkeit auch daher rührt, dass sie, immerfort auf der Suche nach Bodenhaftung, die Schwebe zwischen Dokumentation und Fiktion halten.“ Wer bei ihr Humor vermisse, „muss vorbeigelesen haben u. a. an miefigen Kleinbürgerfestivitäten wie der Tauffeier für Jennys mickrigen Cousin Manfred oder an vielen Zeugnissen einer erwärmenden Mütterlichkeit, die sich in naseweisen Fundamentalismen der Jungen wiedererkennt und zugleich lächelnd distanziert.“
Und Gülke betonte die Besonderheit der Ausdrucksweise Wolfs: „hier, wo es um viel latente Polyphonie, mitlaufende Unterstimmen geht, wird Mut zur Langsamkeit verlangt, der Text ist nur Oberstimme, er hält den Leser, sofern der sich ernstlich auf ihn einlässt, eisern bei sich fest.“ Denn „selten gestattet die Autorin Erzählströme, worin man bequem mitschwimmt, ohne Widerhaken gewärtigen zu müssen.“ Dennoch ziehe „die Autorin im Erzählen alle Register – vom sparsamen, sicheren Strich […] bis zur groß ausschwingenden Prosa.“ Die Schriftstellerin habe ihren eigenen Ausdrucksstil entwickelt, der auf individueller Erfahrung beruht: „Wie Arnold Schönberg, der bei der Musterung im ersten Weltkrieg auf die Frage, ob von ihm jene grässliche Musik stamme, geantwortet hat: ‚Einer hat’s sein müssen’, muss Christa Wolf als Zeugin Zeugnis ab-legen im Sinne von los-werden, sie bezeugt nicht nur, sondern ist selbst auch Zeugnis – weil sie nicht beim Auskunftgeben stehenbleiben, sondern neben der Frage ‚wie ist es gewesen?’ immer die zweite stellen muss: ‚wie und wer bin ich gewesen?’. Sie besteht auf einem Wahrheitsanspruch, der Früheres, was andere als ‚Irrtum’ flott erledigen, immer neu zu reflektieren zwingt.“
Somit, so Gülke, gehöre es „zur Bestimmung, Wesen und Größe dieser Literatur, dass sie sich die Gegenstände nicht aussuchen konnte. […] Spätere mögen dieses Werk anders, weniger auf die Entstehungsbedingungen bezogen lesen, werden Kunstschöpfung und Dokument in einem anderen Verhältnis zueinander sehen. Und sie werden erfahren, wie die Kunst das Zeugnis beglaubigt und das Zeugnis die Kunst.“
Christa Wolf selbst sprach in ihrer Dankesrede davon, sie wolle versuchen, sich Thomas Mann „über Erinnerungen zu nähern“, denn zu Thomas Mann sei alles gesagt. Sie erinnerte an ihre Zeit als Germanistikstudentin 1950 an der Uni Jena, als sie die Novelle Schwere Stunde las. „Was mir davon in Erinnerung blieb, war eine Atmosphäre von Qual, die sie ausstrahlte, von quälender Mühe mit der Schreibarbeit. Jetzt, als ich dieses Stück Prosa wieder las, sah ich, dass es in der Nussschale die wichtigsten Probleme anriss, die ihren Autor über die Jahrzehnte hin begleiten sollten - über ein halbes Jahrhundert hin, in dem ein kolossales Werk entstand.“
Im Zentrum ihrer Rede aber stand ihre persönliche Erfahrung und Auseinandersetzung mit Thomas Manns ‚Doktor Faustus’, gerade auch, weil sie 1992/93 ein Dreivierteljahr in Santa Monica ganz nah bei dem Ort lebte, an dem der ‚Doktor Faustus’ entstand: „Den ‚Doktor Faustus’ von Thomas Mann habe ich zum ersten Mal früh gelesen, ich könnte nicht mehr genau sagen, wann. Aber es gehörte zu den Büchern, die mir halfen, in das Wesen, vielmehr Unwesen des deutschen Faschismus einzudringen und mich, die ich zu der Generation gehörte, die als Kinder und Jugendliche nicht einmal den Namen eines Thomas Mann kennen sollten, gegen dieses Unwesen zu immunisieren. Benennen hätte ich diese Wirkung damals wohl nicht können, aber ich spürte, ‚welche Unmenschlichkeit dieses Buch des Endes kalt durchweht’. Das nicht! dachte ich. So nicht.“
Um dann hinzuzufügen: „Der ‚Faustus’ nahm mich auf besondere Art gefangen. Ich sah in ihm eine der radikalsten Selbstauseinandersetzungen der deutschen Intelligenz vor dem Nationalsozialismus, und ihr Kern war und ist mir des Teufels schauderhaftes Gebot an Adrian Leverkühn: Du sollst nicht lieben. Eine ‚Aura von Lebensgefühl, eine Lufthülle biografischer Stimmung’ habe von Anfang an ‚um den dramatischen Kern’ dieses Buches gelegen, sagt Thomas Mann.“
Im Anschluss an ihre Dankesrede trug sich Wolf in das Goldene Buch der Hansestadt Lübeck ein.
Musikalisch umrahmt wurde der Festakt von Stücken des Komponisten Peter Michael Hamel, die dieser anlässlich der Preisverleihung geschrieben hat und die an diesem Tag uraufgeführt wurden. In den Liedern „Was bleibt“ und „Nachdenken über Christa W.“ würdigte Hamel (Gesang und Klavier) einerseits sowohl ihr literarisches Schaffen als auch ihr Lebenswerk.


Quelle:
Hansestadt Luebeck / Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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