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L. Gallinat zum "Polen"-Gespräch Egon Bahr/Günter Grass

20. Oktober 2010 (HL-Red-RB) Es war eine informative und anspruchsvolle Soiree. Auf Einladung des Lübecker Willy-Brandt-Hauses und des Lübecker Günter Grass-Hauses sprachen am letzten Montag Egon Bahr und Günter Grass in der reichlich gefüllten Lübecker Reformierten Kirche über das Thema "Polen und Deutsche nach 1945".
Egon Bahr, einer der entscheidenden Architekten der deutschen Ostpolitik, sagte, dass die Siegermächte den Status quo in Deutschland bewahren wollten. Man habe sich unterhalb der Siegermächte bewegen müssen. Wegen der Konzentration auf die deutschen Staaten unterhalb der Siegermächte hätten die Sieger 1990 gar nicht anders als ja sagen können. Es sei gut gewesen, wegen der Kompetenz mit Moskau gesprochen zu haben. Man habe damals den Heimatvertriebenen die Illusion rauben müssen, dass sie noch einmal in ihre Heimat zurückkehren könnten. Daraus sei der Vorwurf des Verrats entstanden. Die Freiheit und die Einheit Deutschlands sei nur ohne teritoriale Ansprüche möglich gewesen. Das Gewicht der Bundesrepublik Deutschland sei durch den Moskauer Vertrag gewachsen. Willy Brandt habe mit dem Kniefall um Vergebung gebeten, er sei ein Glücksfall für Deutschland gewesen. Nur das aufgebaute Vertrauen habe die Militärmacht abbauen können. Die Verhandlungen hätten zum Grundlagenvertrag geführt. Das Gewicht dergegenwärtigen polnischen Politik solle auf die Mitgliedschaft in Europa und auf das Dreieck Polen, Deutschland und Frankreich gerichtet werden.
Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass sagte, dass er Willy Brandt im Bundestagswahlkampf unterstützt habe. Auch nach dem Mauerbau habe er, Grass, dafür plädiert, dass man den Realitäten ins Auge schauen müsse. Er habe bereits 1961 öffentlich eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gefordert und die neue Ostpolitik Brandts affirmiert. Rechte Kreise hätten damals hasserfüllt reagiert. 1970 habe er den Bundeskanzler zum Abschluss des Warschauer Vertrages in die polnische Hauptstadt begleitet und sei Zeuge seines berühmten Kniefalls geworden. Die Polen besäßen eine Gabe des Improvisierenkönnens, in Polen sei immer eine Spur Freiheit machbar gewesen, die in der DDR nicht denkbar gewesen sei. Diese Gabe sei allerdings nicht richtig begriffen worden. Auch an den polnischen Streikbwegungen der 70er und 80er Jahre und den Aktivitäten der Gewerkschaft "Solidarnosc" habe er, Grass, regen Anteil genommen. Der Austausch mit polnischen Schriftstellern, Intellektuellen und Politikern habe seinen Blick für die Entwicklungen des Landes geschärft.
Der Theologe und Publizist Dr.Friedrich Schorlemmer wies schließlich darauf hin, dass die Verlage in der DDR wunderbare polnische Bücher ediert hätten. In schwieriger Zeit seien kulturelle Brücken zum polnischen Freiheitsgeist geschlagen worden.
Friedrich Schorlemmer leitete das Gespräch engagiert und kenntnisreich. Egon Bahr und Günter Grass wurden schließlich mit stehenden Ovationen bedacht. Die Sonderausstellung "Von Danzig nach Lübeck. Günter Grass und Polen" dauert noch bis zum 31.1.2011.

Lutz Gallinat

© Lutz Gallinat ü/Lübeck-TeaTime (Siehe Impressum)

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