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Kultur Wissenschaft Ausbildung

L. Gallinat: Vortrag Dr. K. Tebben über Franziska zu Reventlow

08. Oktober 2010 (HL-Red-RB) Die faszinierende Ausstrahlung der Franziska Gräfin zu Reventlow war das Thema eines Vortrags am letzten Donnerstag im Lübecker Buddenbrookhaus. Dr. Karin Tebben widmete sich nach einführenden Worten von Holger Pils, des Leiters des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums, unter dem Motto "Weibliches Charisma. Zur medialen Selbstvermarktung der Franziska zu Reventlow" dieser interessanten Frauenfigur. Als eine moderne "Lady Di" wusste die Gräfin ihren Charme medial zu nutzen und in Szene zu setzen. Der Vortrag spürte der Kunst der Selbstdarstellung nach.
"Ach, ich bin gelaufen, gelaufen, hingefallen, wieder aufgestanden", notiert Reventlow 1907 in ihr Tagebuch, "Aber immer dahinter das Gefühl, ich muss noch etwas Großes zusammenbringen". Das Große, dem sie zeitlebens nachjagte, war, als Malerin Anerkennung zu finden- in Erinnerung geblieben ist sie indessen durch ihr atemloses Leben wider alle Konvention.
Schon früh rebelliert Reventlow gegen das Sittlichkeitsprogramm, mit dem man sie auf dem elterlichen Schloss in Husum, in der Erziehungsanstalt in Altenburg und später in Lübeck, dem neuen Wohnsitz der Familie, konfrontiert. Verboten ist alles, was Spaß macht: Malen, Gedichteschreiben und die Beschäftigung mit moderner Literatur im "Ibsen-Club", so dass Reventlow, kaum dass sie das Lehrerinnenseminar absolviert hat, das Lehrerinnenseminar flieht. In Hamburg lernt sie den Juristen Walter Lübke kennen, der ihr 1893 den Malunterricht in München ermöglicht und den sie ein Jahr später aus Verzweiflung über eine Schwangerschaft, die ihr eine stürmische Münchner Affäre eingebracht hat, heiratet. Als sie das Kind verliert- es ist unklar, ob sie es hat abtreiben lassen-, geht sie nach München zurück und provoziert durch ein Schuldbekenntnis die Scheidung. Als unwürdige Gräfin wird Reventlow nun zum strahlenden Mittelpunkt der Schwabinger Boheme. Neben Rilke, der sie verehrt, sind es vor allem die "Kosmiker" Klages und Wolfskehl, die in ihr die ideale Verbindung von "Mutter und Hetäre" sehen: Mutter nämlich ist sie seit der Geburt ihres vergötterten Sohnes Rolf (1897), Hetäre durch ihre zahlreichen Amouren sowie gelegentliche Prostitution, wenn die Übersetzungsarbeiten, die sie für den Langen-Verlag anfertigt, nicht genug Bares einbringen. Finanziell völlig ruiniert, heiratet sie auf Anregung Erich Mühsams 1911 einen baltischen Adligen, mit dem sie gemeinsam- vergeblich- auf eine reiche Erbschaft hofft. Zuletzt vorwiegend in der Schweiz lebend, stirbt sie dort 1918 an den Folgen einer Operation.
Leben und Werk sind bei Reventlow nicht zu trennen, weil sie mit ihrem Lebensentwurf selbst schon Anspruch auf Künstlertum erhebt und umgekehrt ihr Werk durchweg Autobiografisches verarbeitet. So sind große Teile ihrer eindrucksvollen "Tagebücher" (1895-1910) in ihr belletristisches Werk eingegangen. Als rebellierende Frau zielte Reventlow weniger auf politische Veränderung als auf persönliche Freiheit. Die damalige Frauenbewegung war ihr- vielleicht gerade, weil es ihr selbst so gut gelang, sich viele Freiheiten einfach zu nehmen- suspekt, auch wenn sie mit der Feministin Anita Augspurg (1857-1943) und deren Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann (1868-1943) befreundet war oder die engagierte Schriftstellerin Helene Böhlau (1859-1940) kannte. Sie selbst Essays zur Stellung der Frau ("Das Männerphantom der Frau", 1898; "Viragines oder Hetären", 1899) in Oskar Panizzas "Züricher Diskußionen" veröffentlicht, in denen sich die Forderung nach gleichen Rechten für Frauen mit biologistischen Thesen, die ihre Bestimmung in Liebe und Mutterschaft sehen, mischen. Franziska Gräfin zu Reventlow war auch ein weiblicher Dandy im Sinne der Luhmannschen Defintion der Abweichung von der stratifikatorischen Linie einer Gesellschaft.
Dr. Karin Tebben lehrt an der Universität Heidelberg als Studiendozentin für Literatur und Medizin/Psychiatrie. Sie ist Mitherausgeberin der Gesamtausgabe und veröffentlichte seit 1995 zahlreiche Schriften über Franziska Gräfin zu Reventlow.
Die Referentin hatte akribisch recherchiert und verband in ihrem anschaulichen und lebendigen Vortrag im Rahmen des Begleitprogramms zur Sonderausstellung "Alles möchte ich immer". Franziska Gräfin zu Reventlow (1871-1918)", die noch bis zum 21.November 2010 dauert, Wissenschaftlichkeit und Literarizität. Sie wurde nach einer regen Diskussion mit sehr viel Beifall bedacht.

Lutz Gallinat

© Lutz Gallinat ü/Lübeck-TeaTime (Siehe Impressum)

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