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L. Gallinat zur Günter Grass Lesung aus "Grimms Wörter"

18. September 2010 (HL-Red-RB) Es war ein glanzvoller Abschluss der 10."Internationalen Lübecker Literaturwoche" des "Lübecker Autorenkreises und seine Freunde e.V.". Am letzten Donnerstag las Günter Grass in der vollbesetzten Kunsthalle St.Annen nach einführenden Worten Klaus Rainer Golls, des 1.Vorsitzenden der literarischen Vereinigung, aus seinem jüngst bei Steidl erschienenen Opus "Grimms Wörter"- "Eine Liebeserklärung".
Die Brüder Grimm erhalten im Jahr 1838 einen ehrenvollen Auftrag: Ein Wörterbuch der deutschen Sprache sollen sie erstellen. Voller Eifer machen sie sich ans Werk. Aberwitz, Angesicht, Atemkraft- fleißig sammeln sie Wörter und Zitate, in wenigen Jahren sollte es zu schaffen sein. Barfuß, Bettelbrief, Biermörder- sie erforschen Herkommen und Verwendung, sie verzetteln sich gründlich. Capriolen, Comödie, Creatur- am Ende ihres Lebens haben Jacob und Wilhelm Grimm nur wenige Buchstaben bewältigt.




Foto (© Reinhard Bartsch Luebeck): Günter Grass im April 2005 im Buddenbrookhaus Lübeck


Günter Grass erzählt das Leben der Brüder Grimm auf singuläre Weise als Liebeserklärung an die deutsche Sprache und die Wörter, aus denen sie kreiert ist. Er schreibt über die Lebensstationen der Märchen-Brüder, über ihre uferlose Aufgabe und die Zeitgenossen an ihrer Seite: Familie und Verleger, Freunde, Verehrer und Verächter.
Spielerisch-virtuos spürt "Grimms Wörter" dem Reichtum der deutschen Sprache nach und durchstreift die deutsche Geschichte seit der Fürstenherrschaft und den ersten Schritten der Demokratie. Von der Vergangenheit mit ihren politischen Kämpfen und ganz alltäglichen Sorgen schlägt Günter Grass manche Brücke in seine eigene Zeit.
"Grimms Wörter" enthält reizvolle Neologismen und eine subtile Reflexion über die Sprache. Der Autor eröffnet als Chronist großartige Sprachlandschaften u.a. in der Tradition Theodor Fontanes, des realistischen Romanciers im 19.Jahrhundert. In der brillanten Verbindung von Historizität und Modernität übt Grass scharfzüngig und analytisch Zeit- und Gesellschaftskritik. Mit der Kraftentfaltung der Zeichen im Sinne Derridas ereignet sich die "Lesbarkeit der Welt". Diese Buch ist auch ein wertvoller Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte.
Eindrucksvoll, wie Grass laut lesend seine eigenen Texte noch einmal formt, wie er den literarischen Produktionsprozess authentisch nachempfindet und erfahren lässt. Eine öffentlich zelebrierte Liebeserklärung an die deutsche Sprache eben.
Prof. Dr.Hans Wißkirchen, Geschäftsführender Direktor der Lübecker Museen, hatte zunächst die Verdienste und das Engagement Klaus Rainer Golls für den "Lübecker Autorenkreis und seine Freunde e.V." gewürdigt, der jetzt sein dreißigjähriges Jubiläum feiern konnte.
Günter Grass sagte schließlich im Gespräch mit Jörg-Philipp Thomsa, dem Leiter des Günter Grass-Hauses, dass Jacob Grimm das Wort "Germanistik" zum ersten Mal benutzt habe. Sie sei aber eine "ungenaue Wissenschaft"- auch an die heutigen Germanisten gewandt. Er, Grass, habe in seinen Pariser Jahren die deutsche Sprache sehr vermisst.
Günter Grass und Jörg-Philipp Thomsa wurden am Ende mit lang anhaltendem Beifall bedacht.
Lutz Gallinat

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